Hengsbach-Bericht: Bischof Overbeck zeigt sich erschüttert

Der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck hat sich nach der Vorstellung eines Zwischenberichts zu Missbrauchsvorwürfen gegen den Essener Kardinal Franz Hengsbach (1910–1991) erschüttert gezeigt. "Der Zwischenbericht führt mir deutlich vor Augen, welche Gefahren entstehen, wenn ein Amt, eine Person und eine kirchliche Autorität kaum kontrolliert werden", sagte er am Donnerstag in Essen. "Wo Widerspruch keinen Raum findet und Kritik nicht gehört wird, kann Macht zerstörerisch wirken."
Overbeck zeigte sich auch selbstkritisch. Laut dem Bericht hatte er 2011 Kenntnis über einen Missbrauchsvorwurf erhalten und war damit nicht angemessen umgegangen. "Ich habe die Bedeutung dieses Vorgangs damals nicht angemessen erkannt, sondern unterschätzt – ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass ein Bischof, dessen Nachfolger ich gerade geworden war, zu solchen furchtbaren Taten fähig ist." Das sei eine Fehleinschätzung gewesen. Overbeck bat dafür um Entschuldigung. Das hatte er bereits 2023 in einem Brief an die Gemeinden getan.
Bischof bekennt eigene Verantwortung
Der Bericht arbeitet zudem heraus, dass es Diskrepanzen zwischen den Angaben Overbecks und der Aktenlage gibt. "Ich habe damals geschrieben, ich sei nur sehr beiläufig und kryptisch auf eine Angelegenheit im Zusammenhang mit den Brüdern Hengsbach hingewiesen worden; aus Paderborn habe bis dahin niemand mit mir darüber gesprochen. Die Unterlagen zeigen jedoch, dass ich 2011 sehr wohl durch das Erzbistum Paderborn informiert worden war", so der Essener Bischof. Er könne das nicht durch Verweis auf seine fehlende Erinnerung auflösen. Er trage dafür die Verantwortung. "Die Unterlagen waren nicht dort abgelegt, wo sie für Prävention, Intervention oder Aufarbeitung hätten auffindbar sein müssen. Gerade weil es sich um einen Hinweis auf sexualisierte Gewalt gegen einen früheren Bischof von Essen handelte, hätte ich dafür sorgen müssen, dass diese Information fachlich zuständig dokumentiert, weitergegeben und für spätere Aufarbeitung auffindbar gemacht wird."
Dass er 2011 in einem anderen kirchlichen und gesellschaftlichen Kontext gehandelt habe, entschuldige sein Verhalten nicht. Der Fall Hengsbach zeige, dass die Kirche "aufmerksam, selbstkritisch und lernfähig bleiben" müsse. "Darum endet Aufarbeitung nicht mit der Veröffentlichung eines Berichts. Sie fordert uns heraus, Macht in der Kirche immer wieder kritisch zu prüfen. Das gilt für Leitungsverantwortung im Bistum insgesamt – und in besonderer Weise für das Bischofsamt, auch für mein eigenes."
Essens Generalvikar Klaus Pfeffer.
Essens Generalvikar Klaus Pfeffer bezeichnete die Ergebnisse des Zwischenberichts in einer eigenen Stellungnahme als "Weckruf" für die katholische Kirche. Die Untersuchung zeige die "fatalen Folgen" eines überhöhten Verständnisses des Bischofsamts und klerikaler Machtstrukturen. Sein Mitgefühl gelte insbesondere den Betroffenen, denen über Jahrzehnte nicht geglaubt worden sei, weil ihr mutmaßlicher Täter ein Bischof gewesen sei.
Zugleich räumte der Generalvikar Fehler des Bistums ein. Ein im Herbst 2022 eingegangener Hinweis auf Vorwürfe gegen Hengsbach sei in der Bistumsverwaltung "viel zu lange" liegen geblieben und erst nach Veröffentlichung der ersten Hengsbach-Studie Anfang 2023 an die Bistumsleitung weitergegeben worden. Dafür bat Pfeffer die Betroffenen sowie die Forschenden um Entschuldigung. Das Bistum habe inzwischen den Bereich Prävention, Intervention und Aufarbeitung personell verstärkt und wolle seine Abläufe weiter überprüfen. Auch Kritik der Forschenden an Problemen bei der Akteneinsicht nahm Pfeffer auf. Einige Mängel seien bereits behoben worden, zugleich bot er weitere Verbesserungen für die laufende Untersuchung an.
Generalvikar sieht tieferliegende strukturelle Probleme
Darüber hinaus sieht der Generalvikar im Fall Hengsbach Hinweise auf tieferliegende strukturelle Probleme der Kirche. Der Zwischenbericht zeige, wie klerikale Macht, institutionelles Versagen und Abschottung zusammengewirkt hätten. Pfeffer kritisierte insbesondere ein Verständnis des Weiheamts, das Amtsträgern "eine unantastbare, nicht zu hinterfragende und unkontrollierbare Macht" verleihe.
Persönlich erinnerte sich Pfeffer an Hengsbach als einen autoritär auftretenden Bischof, der andere herabgewürdigt habe. Kritik an ihm sei über Jahrzehnte kaum möglich gewesen. "Seine herausgehobene Stellung schuf eine Atmosphäre, in der Zweifel und kritische Fragen keinen angemessenen Raum fanden, weit über seinen Tod hinaus." Auch in den zurückliegenden Jahren habe er immer wieder feststellen müssen, dass manche der Weggefährten von Kardinal Hengsbach keinerlei Bereitschaft hätten erkennen lassen, ihr Bild des überhöhten Bischofs zu hinterfragen, so Pfeffer.
Johannes Norpoth.
Johannes Norpoth, Missbrauchsbetroffener und Mitglied der Studienbegleitgruppe, stellte die systemische Dimension der Studie in den Mittelpunkt: "Wir haben es hier nicht mit 'Fehlverhalten eines Einzelnen' zu tun, sondern mit einer Täterfigur, die mitten im Zentrum kirchlicher Macht stand – und mit einem System, das bereit war und noch immer ist, diese Figur zu schützen, selbst dann noch, als Vorwürfe bekannt waren", sagte er in einer Stellungnahme.
Dazu gehöre auch, dass Hengsbach in der Essener Missbrauchsstudie von 2023 nicht vorkomme, "weil dem Forschungsteam die relevanten Informationen vorenthalten wurden". "Das, was wir hier sehen, ist keine bloße 'Versäumniskette', sondern Ausdruck einer Haltung. Es ist die Fortsetzung täterschützender Logiken – in verfeinerter, rechtlich und kommunikativ geschulter Form." Dieses Verhalten führe auch dazu, dass es heute keine juristische Aufarbeitung geben könne. "Dieses Defizit ist weniger ein Mangel der Studie als ein Ergebnis verjährter Taten, unvollständiger Akten, fehlender Dokumentation – und eines Systems, das sehr lange nicht dokumentieren wollte, was es gewusst hat."
Norpoth forderte eine klare Anerkennung der Täterrolle Hengsbachs, eine konsequente Übernahme institutioneller Verantwortung der (Erz-)Diözesen Essen und Paderborn sowie in anderen Institutionen, Transparenz über die Kommunikation mit Rom sowie strukturelle Konsequenzen. (cph/stz)
Link zum Zwischenbericht
Der gesamte Zwischenbericht ist hier abrufbar.