SolidAHRität – Erinnerungen an die Flut 2021

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Fünf Jahre sind vergangen. Und doch gibt es Momente, die mich sofort zurückbringen. Nicht die Bilder der überfluteten Straßen. Nicht die Nachrichten. Sondern ein Kinderbuch.
Es ist der 15. Juli 2021. Der Tag nach der Flutkatastrophe, die sich um Ahr, Erft und Eifel – also genau dort, wo wir wohnen – ereignet hat. Jetzt sitze ich mit meinem dreijährigen Sohn in einer Ferienwohnung in Brandenburg. Hier wollten wir eigentlich unseren Familienurlaub verbringen. Jetzt sitzen wir zu zweit auf dem Sofa, zwischen Zukunftsangst und Hilflosigkeit, und lesen ein Buch. "Bobo bekommt ein Geschwisterchen." Eigentlich eine ganz normale Geschichte, in der der Siebenschläfer Bobo ein Bettchen für seine kleine Schwester aussucht. Plötzlich breche ich in Tränen aus. Nicht leise, nicht mit kleinen aus den Augen überlaufenden Tränchen. Nein, heftig schluchzend, so wie Kinder es normalerweise tun.
Weit weg von zu Hause kann ich nichts tun
Weil ich im siebten Monat schwanger bin. Weil unser Babybett weggeschwommen ist, genauso wie die vielen anderen Dinge, die auf ihren Einsatz beim zweiten Kind warteten. Weil unser Haus von der Flut betroffen und in Teilen kaputt ist, Menschen aus meinem Umfeld vermisst werden und weil ich weit weg von zu Hause auf einem Sofa rumsitze und nichts tun kann. Immer wieder sehe ich mir die Bilder in den sozialen Medien an und schaudere.
Schlamm und Müllberge lagern nach der Hochwasserkatastrophe in den Straßen.
Die Flut hat Menschen, Existenzen und Erinnerungen mitgenommen, aber auch etwas dagelassen: Unsicherheit. Kein Mensch weiß, wie es weitergehen wird. Niemand, den ich kenne, hat das schon mal erlebt.
Mein Sohn weiß nicht, was genau in der Nacht passiert ist. Er versteht nicht, warum Papa nach Hause gefahren ist mit einem Kleinbus voller Männer und Baumarktmaterialien. Und auch nicht, wieso Mama weint. Wie sollte er auch? Er will Bobo lesen. Kinder erleben dieselben Katastrophen wie wir. Aber sie sehen sie mit anderen Augen. Und für ihn ist es wichtig, dass wir jetzt lesen.
SolidAHRität
Zwei Tage später reisen auch wir nach Hause. Ich bin so dankbar, endlich da zu sein, wieder zusammen zu sein. Was wir in den kommenden Tagen und Wochen erleben, ist unbeschreiblich. Mir unbekannte Menschen sind da und helfen. Fremde und Freunde, die ihre Kraft und ihr Know-How einbringen. Die einspringen, wenn einen die eigenen Kräfte verlassen. Menschen, die auf so kreative Weise Möglichkeiten finden zu helfen: Die Sportmannschaft, die Waschmaschinen und schwere Schränke im ganzen Viertel wegstemmt, die Frau, die am Ortseingang gelbe Gummistiefel verteilt, der Mann, der Getränke aus einer Kühlbox im Kofferraum umherfährt, meine Freundin, die jeden Morgen heißen Kaffee für die Helfer vorbeibringt. Familien, die in den sozialen Netzwerken anbieten, für Unbekannte zu waschen. Oder ihre Dusche zur Verfügung stellen. All das ist Luxus in diesen Tagen ohne Strom, ohne Handynetz und ohne Supermarkt.
Oder die Kita-Erzieherinnen, die trotz Sommerurlaub eine Notbetreuung organisieren, damit die Kinder ein paar Stunden Alltag erleben und die Eltern etwas Zeit gewinnen, das Nötigste zu arrangieren.
Während der Aufräumarbeiten nach der Flut wird ein Parkplatz als Mülldeponie benutzt.
Später wird man das "SolidAHRität" nennen. Diese gelebte Nächstenliebe ist für mich eine der tiefgreifendsten Erfahrungen, die ich bislang in meinem Leben machen durfte und deren Erinnerung mich bis heute zu Tränen rührt.
Ja, die Flut hat vieles mitgerissen. Menschen, Mauern, Möbel, Erinnerungen und das Gefühl von Sicherheit. Sie hat Verwüstung und Verzweiflung hinterlassen und viel Arbeit. Arbeit, die auch fünf Jahre nach der Katastrophe noch anhält. Aber sie hat mich auch vieles gelehrt.
Ich glaube, dass Gott mit uns im Schlamm stand
Wenn ich heute an die Flut denke, schmunzle ich über das Babybett. Das Ausmaß der Katastrophe mit eigenen Augen zu sehen, hat mich demütiger gemacht, mich geprägt. Für mich bleibt das Kinderbuch mit dem Babybett fester Bestandteil meiner eigenen Flutgeschichte. Und manchmal lesen meine Kinder und ich in diesem Buch und erzählen über damals. Die Flut ist auch Teil ihrer Biografie.
Ich habe nie nach dem Sinn gefragt, nicht das Warum debattiert. Auch fünf Jahre später glaube ich nicht, dass diese Naturkatastrophe gekommen ist, um uns etwas beizubringen. Solche Dinge passieren. Aber ich glaube, dass Gott mit uns im Schlamm stand. In unserer Trauer, Wut und in der Hilflosigkeit. Und in den Menschen, die geblieben sind, als wir selbst kaum stehen konnten. Vielleicht ist das die tiefste Erkenntnis: Gott ist nicht über uns, er ist mittendrin.