Liebe deinen Nächsten – auch im Netz

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Wer sich heute in sozialen Medien zu Glaubensfragen äußert, braucht mitunter ein dickes Fell. Das gilt nicht nur für Politiker*innen oder Prominente, sondern auch für Menschen aus Kirche und Verbänden. Kaum ist ein Beitrag veröffentlicht, folgen Bewertungen, Unterstellungen und persönliche Angriffe. Nicht selten wird dabei weniger über Inhalte diskutiert als über Personen.
Besonders irritierend finde ich, dass dies auch in christlichen Kreisen geschieht. Ausgerechnet dort, wo von Nächstenliebe, Menschenwürde und Barmherzigkeit die Rede ist, wird der Ton bisweilen scharf. Wer eine andere Meinung vertritt, wird schnell einer Schublade zugeordnet: zu konservativ, zu progressiv, zu angepasst, zu unbequem. Aus einem einzelnen Satz wird ein Urteil über den ganzen Menschen.
Dabei erinnert uns das Evangelium immer wieder daran, genauer hinzusehen. Jesus begegnet Menschen nicht als Vertreter einer bestimmten Gruppe oder Position. Er sieht den einzelnen Menschen mit seiner Geschichte, seinen Brüchen und seinen Hoffnungen. Er hört zu, bevor er urteilt.
In den sozialen Medien geschieht oft das Gegenteil. Dort zählt die schnelle Reaktion. Ein Kommentar ist rasch geschrieben, ein Urteil schnell gefällt. Was dabei verloren geht, ist die Begegnung. Hinter jedem Profil steht jedoch ein Mensch – mit Erfahrungen, Zweifeln und Überzeugungen. Ein Mensch, der mehr ist als eine Meinung oder ein einzelner Beitrag.
Vielleicht wäre das ein guter christlicher Vorsatz für unsere digitale Kommunikation: nicht zuerst zu fragen, welcher Fraktion jemand angehört, sondern wer dieser Mensch ist. Nicht jede Meinung muss geteilt werden. Aber jede Person verdient Respekt.
Die Kommentarfunktion mag kein Ort der Nächstenliebe sein. Für Christinnen und Christen sollte sie aber werteorientiert genutzt werden. Gerade dort zeigt sich, ob unsere Werte nur gepostet oder tatsächlich gelebt werden. Vielleicht halten Sie bei Ihrem nächsten Kommentar einmal kurz inne, bevor sie ihn posten.
Die Autorin
Friederike Frücht leitet die Abteilung Kommunikation der kfd und ist Chefredakteurin der Mitgliederzeitschrift Junia.
Hinweis
Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.