Monika Grütters: Wir sollten nicht mehr Kirchen aufgeben als nötig

Tausende Kirchen in Deutschland stehen vor einer ungewissen Zukunft. Sinkende Mitgliederzahlen und knappe Finanzen zwingen die Kirchen verstärkt dazu, über Profanierungen und neue Nutzungen für liturgisch nicht mehr benötigte Gotteshäuser nachzudenken. Die frühere Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) hat am Mittwoch in Erfurt an einer Podiumsdiskussion zu diesem Thema teilgenommen. Im Interview mit katholisch.de wirbt sie eindringlich dafür, Kirchen nicht allein als ökonomisch verwertbare Immobilien zu betrachten, sondern als wichtige kulturelle und geistliche Ankerpunkte der Gesellschaft.
Frage: Frau Grütters, bundesweit stehen tausende Kirchen vor der Frage ihrer künftigen Nutzung. Ist die Umnutzung von Kirchen für Sie vor allem ein Verlust – oder auch eine Chance?
Grütters: In erster Linie ist es ein Verlust, und mir blutet dabei das Herz, wenn man bedenkt, welches immense kulturelle, gesellschaftliche und auch geistig-spirituelle Erbe damit verloren geht. Andererseits muss man realistisch sein: Die Kirchen verlieren Mitglieder und damit auch Steuereinnahmen. Deshalb sind viele von ihnen überfordert, künftig ihre zahlreichen Kirchengebäude zu erhalten und zu finanzieren.
Frage: Geht mit der Profanierung einer Kirche nur eine bestimmte Nutzung zu Ende – oder verschwindet auch etwas vom geistlichen Charakter eines Ortes?
Grütters: Natürlich verschwindet auch etwas von seiner spirituellen Aura. Kirchengebäude sind weit mehr als nur Bauwerke. Sie sind geschichtstragende Räume, soziale Bezugspunkte, kulturelle Identitätsorte und für viele Menschen Räume göttlicher Gegenwart. Wenn solche Orte verloren gehen, fehlen im Leben vieler Menschen Leitplanken, die Halt und innere Orientierung geben. Kirchen sind nicht nur räumliche, sondern auch seelische Ankerpunkte. Deshalb sehnen sich viele Menschen nach diesen Kirchen, selbst wenn sie sie nicht regelmäßig aufsuchen. Während meiner Zeit als Kulturstaatsministerin wurde der größte Teil der Denkmalschutzmittel des Bundes für die Sanierung von Kirchen beantragt. Obwohl die Zahl der Gläubigen zurückgeht, spielen Sakralbauten für viele also weiterhin eine große Rolle. Kirchen bleiben bedeutend – selbst dann, wenn sie nicht mehr im engeren Sinne Gottesdienstorte sind.
„Städte und Dörfer haben sich nicht zufällig um Kirchen herum entwickelt. Sie sind häufig das Herzstück eines Ortes und seiner Menschen.“
Frage: Nach welchen Kriterien sollte entschieden werden, welche Kirchen künftig erhalten werden und welche nicht?
Grütters: Das sollte gemeinschaftlich verhandelt werden – in der betroffenen Pfarrgemeinde, aber durchaus auch mit der Stadt- oder Dorfgesellschaft. Solche Entscheidungen kann man nicht von oben verordnen. Bistümer oder Landeskirchen sollten nicht einfach festlegen: Aus dieser Kirche wird ein Kulturort, aus jener werden Wohnungen und aus der dritten ein Einkaufszentrum. Das Problem bei diesem Thema ist: Wir reden häufig über Einzelfälle, aber zu wenig über das Gesamtbild. Kirchen sind Orte der Gläubigen, Kulturträger und oft die ältesten Gebäude eines Ortes. Städte und Dörfer haben sich nicht zufällig um Kirchen herum entwickelt. Sie sind häufig das Herzstück eines Ortes und seiner Menschen. Deshalb finde ich allgemeingültige Kriterien schwierig. Man sollte mit einer gewissen Demut an das Thema herangehen und nicht primär Maßstäbe ökonomischer Verwertbarkeit anwenden.
Frage: Wo liegen für Sie die Grenzen einer Umnutzung von Kirchen?
Grütters: Grundsätzlich gilt für mich: Besser als der Abriss einer Kirche ist eine private Nutzung, etwa als Büro oder Wohnung. Noch besser als eine private Nutzung ist eine öffentliche Nutzung – zum Beispiel als Museum, Kita oder Kulturort. Noch besser als eine öffentliche Nutzung ist eine kirchliche Nachnutzung, zum Beispiel als Kolumbarium. Aber auch das muss jeweils vor Ort ausgehandelt werden. Wichtig ist mir, dass wir uns vergegenwärtigen: Das Christentum hat über 2.000 Jahre eine Prägekraft entwickelt, die weit über die bloße Mitgliedschaft hinausgeht. Das Abendland wäre ärmer an Geist und Sinnlichkeit ohne das Christentum. Deshalb unterstütze ich auch das Kirchenmanifest von 2024, das die Bedeutung der Kirchen als Kulturerbe Europas betont und neben der kirchlichen auch eine staatliche und gesellschaftliche Mitverantwortung für ihren Erhalt eingefordert hat. Man darf eines nicht vergessen: In Kirchen befinden sich vermutlich mehr Kunstwerke als in allen Museen Deutschlands. Die Kirchen sind die größten Kulturträger der Kulturnation Deutschland. Auch das muss berücksichtigt werden.
Die Umnutzung der profanierten Dominikanerkirche im Zentrum von Münster findet Monika Grütters überzeugend.
Frage: Gibt es ein Beispiel für eine Umnutzung, die Sie besonders überzeugt hat?
Grütters: Ja, die Dominikanerkirche in Münster. Es war damals sehr umstritten in der Stadtgesellschaft und sehr traurig, als sie profaniert wurde. Aber dort ist ein Zentrum für eher behutsame, nicht polarisierende Ausstellungen entstanden, oft mit christlich-geistlichem Bezug. Auch St. Agnes in Berlin, wo heute eine Galerie untergebracht ist, halte ich für eine faire Lösung. Ich denke, viele kulturelle Nutzungen profanierter Kirchen sind akzeptabel und versöhnlich. Nach meinem Eindruck spüren die meisten Künstler, dass sie in einer Kirche nicht in irgendeinem x-belieben Gebäude ausstellen oder auftreten, sondern an einem ehemals geweihten Ort.
Frage: Sie haben schon das Kirchenmanifest angesprochen, das die staatliche und gesellschaftliche Mitverantwortung für den Erhalt der Kirchen betont hat. Konkret gefragt: Welche Verantwortung trägt der Staat für den Erhalt von Kirchengebäuden?
Grütters: Der Staat sollte sich an den Gedanken gewöhnen, dass er eine Mitverantwortung für Kirchen als kulturelle Ankerpunkte geistlichen und öffentlichen Lebens hat. Bisher mussten wir darüber kaum nachdenken, jetzt schon. Natürlich sind die öffentlichen Kassen knapp. Aber Kirchen sind Kulturorte, die allen gehören. Das Teilhaberecht am kulturellen Erbe geht über religiöse Erfahrung und Kirchenmitgliedschaft hinaus. Ich würde es begrüßen, wenn es zumindest für herausgehobene Kirchen eine gemeinsame Verantwortung von Staat, Kirche und Gesellschaft gäbe – damit sie nicht in problematische Nutzungen überführt oder einfach abgerissen werden. In Berlin hört man immer wieder, dass Immobilienhändler auf Kirchengrundstücke in guter Lage schielen, um diese lukrativ zu verwerten. Dieser Versuchung sollte man in gemeinsamer Verantwortung erstmal widerstehen.
„Kirchen gehören nicht nur den Kirchen. Sie prägen unsere Städte, unsere Geschichte und das kulturelle Gedächtnis des Landes.“
Frage: Welche Bedeutung haben Kirchenräume für Sie persönlich?
Grütters: Eine sehr große. Wenn ich in meiner Heimatstadt Münster bin, gehe ich immer in den Dom und zünde am Fuß des heiligen Christophorus Kerzen an. Das ist für mich ein wichtiges seelisches Ritual. Auch die Lambertikirche am Prinzipalmarkt ist mit ihrer Jahrhunderte alten Aura ein Sehnsuchtsort. Das gilt ähnlich für St. Ludwig in Berlin, wo ich wohne und Pfarreiratsvorsitzende bin – ein schönes Zentrum in unserer Nachbarschaft.
Frage: Wie wünschen Sie sich die Zukunft der Kirchenlandschaft in Deutschland?
Grütters: Wir sollten nicht in vorauseilendem Gehorsam mehr Kirchen aufgeben als nötig. In Berlin sehe ich durchaus wieder vollere Kirchen. In St. Ludwig etwa muss man um 12 Uhr mittags beim "Gottesdienst für Ausgeschlafene" pünktlich sein, um überhaupt einen Sitzplatz zu bekommen. Viele Menschen verlieren andere Bindungen in ihrem Leben, deshalb suchen manche wieder verstärkt in Kirchen nach Sinn und Orientierung. Darum halte ich Fatalismus für falsch. Wenn Kirchen aber liturgisch nicht mehr gebraucht werden, dann sollte gemeinsam mit der Gesellschaft ausgehandelt werden, was aus ihnen wird – statt einseitig Abriss oder Verwertung zu beschließen. Kirchen gehören nicht nur den Kirchen. Sie prägen unsere Städte, unsere Geschichte und das kulturelle Gedächtnis des Landes.