Standpunkt

Nach der Katastrophe darf nicht vor der Verdrängung sein

Veröffentlicht am 01.07.2026 um 00:01 Uhr – Von Andrea Hoffmeier – Lesedauer: 

Bonn ‐ Nach jeder Katastrophe werden Konsequenzen gefordert und versprochen – bis der Alltag zurückkehrt. Andrea Hoffmeier schreibt, wie man die "Katastrophendemenz" überwindet, um auf die nächste Krise vorbereitet zu sein.

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Kaum ist die Hitzewelle vorbei, wird die Klimaveränderung wieder verdrängt. Kaum sind die Bilder aus dem Ahrtal verblasst, glauben wir wieder, eine solche Katastrophe werde uns schon nicht treffen. Fachleute nennen dieses Phänomen "Katastrophendemenz": Wir lernen kurzfristig, kehren aber schnell zur gewohnten Bequemlichkeit zurück. Das ist menschlich – aber gefährlich.

Die Folgen des Klimawandels sind längst keine abstrakten Zukunftsszenarien mehr. Rekordhitze, Starkregen und Hochwasser gehören zu unserer Realität. Gleichzeitig wächst die Gefahr von Angriffen auf IT-Systeme und Energieversorger, wie zuletzt in Berlin. Politik, Kommunen und Betreiber kritischer Infrastruktur haben reagiert: Warnsysteme wurden verbessert, Schutzmaßnahmen ausgebaut. Doch das Tempo reicht nicht aus. Jede Krise zeigt, wie verwundbar unsere Systeme und damit auch wir Menschen sind.

Bei einer Tagung der Thomas-Morus-Akademie zur kritischen Infrastruktur wurde deutlich: Die meisten Menschen sind auf längere Ausfälle von Strom oder Wasser kaum vorbereitet. Dabei geht es nicht um Weltuntergangsszenarien, sondern um eine einfache Frage: Was passiert, wenn für einige Tage nichts mehr selbstverständlich funktioniert?

Der Staat muss Krisenpläne weiterentwickeln und Infrastruktur widerstandsfähiger machen. Doch auch der leistungsfähigste Staat stößt im Ernstfall an Grenzen. Einsatzkräfte können zunächst nur dort helfen, wo Menschen akut in Lebensgefahr sind.

Deshalb gehört zivile Resilienz zur Daseinsvorsorge. Jeder Haushalt sollte einige Tage ohne Strom, Leitungswasser oder mit überfluteten Straßen zurechtkommen. Vorsorge ist Ausdruck verantwortlichen Handelns und gelebter Solidarität - damit Hilfe dort ankommt, wo sie im Ernstfall am dringendsten gebraucht wird.

Katastrophen lassen sich nicht verhindern. Katastrophendemenz dagegen schon. Nur wenn Politik, Verwaltung und wir selbst aus jeder Krise konsequent lernen, wird unsere Gesellschaft widerstandsfähiger – und das braucht sie heute mehr denn je.

Von Andrea Hoffmeier

Die Autorin

Andrea Hoffmeier ist Akademiedirektorin der Thomas-Morus-Akademie Bensberg.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.