Über Verantwortung der USA nachdenken

Papst gratuliert US-Amerikanern zum Unabhängigkeitstag – und mahnt

Veröffentlicht am 04.07.2026 um 12:06 Uhr – Lesedauer: 

Vatikanstadt ‐ Beim 250. Jubiläum der Unabhängigkeit der USA fehlt einer der prominentesten Söhne des Landes. Papst Leo XIV. hat Reisen in seine Heimat in diesem Jahr abgelehnt. Aber er gratuliert den Amerikanern.

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In einem offenen Brief hat Papst Leo XIV. "allen Amerikanern anlässlich des 250. Jahrestags der Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung" gratuliert. Der am Samstag vom vatikanischen Presseamt veröffentlichte persönliche Brief des Papstes ist nicht an den US-Präsidenten oder ein anderes Staatsorgan adressiert.

In dem Schreiben betont der aus Chicago stammende Papst, das Jubiläum markiere einen entscheidenden Moment in der Geschichte. Dieser habe den Idealen der Freiheit, der Gleichheit, des Strebens nach Glück, Gerechtigkeit und demokratischer Selbstbestimmung auf Dauer eine Stimme gegeben.

Papst: Auch an Zukunft der USA denken

Der Jahrestag sei nicht nur ein Grund, die bemerkenswerte Geschichte der USA zu feiern. Sie sei auch ein Anlass, über die Verantwortung der Amerikaner nachzudenken, die sie "gegenüber jenen Generationen haben, die jene Nation erben werden, die derzeit geformt wird."

Ferner erinnerte der Papst an das Prinzip der Religionsfreiheit. Sie habe es der katholischen Kirche ermöglicht, in den USA "Wurzeln zu schlagen und zu gedeihen". Davon profitierten nicht nur ihre Mitglieder, sondern die gesamte Nation. Der Glaube stehe nicht im Gegensatz zur Verantwortung als Bürger, sondern verleihe dem Streben nach Gerechtigkeit, Frieden und Gemeinwohl zusätzliche Kraft. Die Katholiken seien berufen, der Nation zu dienen und eine treibende Kraft für das "Wachstum der Zivilisation der Liebe zu sein."

Schutz des Lebens – auch der Einwanderer

Zu den Leitideen der amerikanischen Geschichte gehöre die gottgegebene Würde jedes menschlichen Lebens. Das bedeute, den Schutz des menschlichen Lebens von seiner Empfängnis bis zum natürlichen Tod anzuerkennen und an einer Gesellschaft mitzuwirken, die Verletzliche, Leidende und Vergessene mit Mitgefühl, Solidarität und Liebe behandle.

Die Verteidigung des menschlichen Lebens beinhalte auch, Einwanderer aufzunehmen, zu schützen und ihnen beizustehen. "Ihre Hoffnungen, Opfer und Beiträge waren von Anfang an ein Teil der Geschichte dieses Landes", betonte der Papst.

Mit Nachdruck mahnte der Papst die USA zur Zusammenarbeit mit anderen Nationen. Er schrieb: "Niemand kann allein das Gewicht der Herausforderungen schultern, vor denen die Welt steht. Wir brauchen einander und müssen in Eintracht zusammenarbeiten, um die Herausforderungen anzugehen, vor denen die Welt heute steht."

Der Brief schließt mit "Glückwünschen an diesem außergewöhnlichen nationalen Geburtstag" und der Zusage des Papstes, für seine Landsleute zu beten, damit sie "die Nation in den Prinzipien stärken, die schon die Gründerväter leiteten." (KNA)

Im Volltext: Der Brief von Papst Leo XIV. an die Amerikaner

Ich spreche allen Amerikanern anlässlich des 250. Jahrestags der Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung meine herzlichen Glückwünsche aus. Dieses 250-jährige Jubiläum markiert den entscheidenden Moment in der Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika, den 4. Juli 1776, der den Idealen der Freiheit, der Gleichheit, des Strebens nach Glück, der Gerechtigkeit und der demokratischen Selbstverwaltung eine bleibende Stimme verlieh.

Seit zweieinhalb Jahrhunderten haben Generationen von Amerikanern gemeinsam daran gearbeitet, diese Prinzipien voranzubringen – durch Opferbereitschaft, Dienst am Nächsten, Innovation und bürgerschaftliches Engagement. Dieses Jubiläum ist nicht nur eine Einladung, den bemerkenswerten Weg der Nation zu feiern, sondern auch darüber nachzudenken, welche Verantwortung die Söhne und Töchter dieses Landes einander gegenüber und gegenüber den Generationen tragen, die die Nation erben werden, die heute Gestalt annimmt.

Zu den am meisten geschätzten dieser Prinzipien gehört die Religionsfreiheit – das Recht jedes Menschen, nach seinem Gewissen zu beten und seinen Glauben offen, ohne Zwang oder Angst, auszuüben. Anlässlich dieses Jubiläums ist es wichtig anzuerkennen, dass die Religionsfreiheit seit langem ein zentraler Bestandteil des amerikanischen Versprechens ist und sowohl die Würde des Einzelnen als auch das friedliche Zusammenleben eines vielfältigen Volkes schützt.

Diese Freiheit hat es der katholischen Kirche ermöglicht, in den Vereinigten Staaten Fuß zu fassen und zu gedeihen, zum Wohle nicht nur ihrer eigenen Glieder, sondern der gesamten Nation. Als gläubige Söhne und Töchter der Kirche sind Katholiken dazu aufgerufen, jeden Bereich ihres Daseins mit der Liebe Christi zu erfüllen (vgl. 2 Kor 5,14) und das Evangelium in den Umständen des täglichen Lebens zu leben. Eine solche Lebensweise hat zu den vielen Beiträgen geführt, die die Kirche im Laufe der Jahre zur Entwicklung dieser Nation geleistet hat. Ich denke dabei insbesondere an ihren Dienst in den Bereichen Bildung, vorrangige Fürsorge für die Armen, Gesundheitsversorgung und grundlegende soziale Dienste, um nur einige zu nennen.

In der Enzyklika "Sapientiae Christianae" schrieb mein Vorgänger Papst Leo XIII., dass "es keinen besseren Bürger gibt … als den Christen, der sich seiner Pflicht bewusst ist" (Nr. 7). Tatsächlich steht der Glaube – weit davon entfernt, im Widerspruch zu den Pflichten des Bürgers zu stehen – dem Streben nach Gerechtigkeit, Frieden und dem Gemeinwohl neue Kraft bei und vervollkommnet jede vom Schöpfer geschenkte natürliche Gabe. Der heilige Paulus selbst ermutigte die ersten Christen, für diejenigen in Führungspositionen zu beten, um ein friedliches Leben im Einklang mit dem Willen Gottes zu führen (vgl. 1 Tim 2,2). In diesem Sinne sind Katholiken dazu aufgerufen, durch die treue Erfüllung ihrer Pflicht – gegenüber Gott und dem Vaterland – weiterhin der Nation zu dienen, als Sauerteig für das Wachstum einer Zivilisation der Liebe (vgl. Mt 13,33).

Zu den Grundsätzen, die die Entwicklung dieses Landes geleitet haben, gehört auch die von Gott gegebene Würde jedes menschlichen Lebens; jeder Mensch ist mit einem innewohnenden Wert ausgestattet, der Ehrfurcht, Schutz und Fürsorge erfordert. In diesem Sinne führt ein umfassendes Verständnis dieser Würde dazu, die Bedeutung des Schutzes des menschlichen Lebens von seinem Beginn bei der Empfängnis bis zum natürlichen Tod anzuerkennen und eine Gesellschaft aufzubauen, in der den Schwachen, den Leidenden und den Vergessenen stets mit Mitgefühl, Solidarität und Liebe begegnet wird.

Der Schutz des menschlichen Lebens umfasst auch die Aufnahme, den Schutz und die Unterstützung von Einwanderern, deren Hoffnungen, Opfer und Beiträge von Anfang an Teil der Geschichte dieses Landes waren. In jeder Generation haben diejenigen, die auf der Suche nach Freiheit, Chancen und einem Ort der Zugehörigkeit hierhergekommen sind, dazu beigetragen, den Charakter der Nation zu prägen. Sie mit Mitgefühl und Großzügigkeit aufzunehmen, ist nicht nur ein Akt der Nächstenliebe, sondern auch eine Anerkennung der Würde, die jedem Menschen zusteht.

In meiner jüngsten Enzyklika "Magnifica Humanitas" schrieb ich über das gemeinsame Wirken für das Gemeinwohl. "Der Aufbau einer Welt, in der alle "zur Blüte gelangen" können, erfordert mutige gemeinsame Verantwortung. Keine Hand allein reicht aus, um die Last der Herausforderungen zu tragen" (Nr. 13). Wir brauchen einander, und wir müssen in Einheit zusammenarbeiten, um den Herausforderungen zu begegnen, denen sich die Welt heute gegenübersieht.

Möge dieser Meilenstein das gemeinsame Bekenntnis zu den Werten Freiheit, Gerechtigkeit, Chancengleichheit und Demokratie erneuern. Mögen die Amerikaner den Mut und die Weitsicht ihrer Vorfahren würdigen, indem sie ihre Gemeinschaften stärken, ihre Unterschiede respektieren und gemeinsam auf eine "perfektere Union" hinarbeiten.

Herzlichen Glückwunsch zu diesem außergewöhnlichen nationalen Jubiläum. Möge der Geist von 1776 weiterhin Hoffnung und Einheit wecken, während die Vereinigten Staaten von Amerika in die Zukunft schreiten. Ich versichere euch allen meine Gebete für eure erneuten Bemühungen, die Nation in den Prinzipien zu stärken, von denen sich ihre Gründerväter leiten ließen, und vertraue euch der Fürsprache der Unbefleckten Empfängnis, der Patronin dieses Landes, an, damit sie weiterhin über Amerika wache und alle beschütze, die dort leben.

Aus dem Vatikan, 25. Juni 2026

LEO PP. XIV

(Übersetzung: katholisch.de)