Beim Vaterunser starb die Mutter – Eine Geschichte aus dem Ahrtal

Hubert Rieck hört die Flut, bevor er sie sieht: Am Abend des 14. Juli 2021 gegen 23 Uhr wird es laut in Riecks sonst eher stillem Gründerzeithaus in Bad Neuenahr. "Ich habe das Rauschen immer noch im Ohr", sagt der 72-jährige fünf Jahre später. "Es klang bedrohlich."
Rieck erinnert sich: "Ich war unruhig an dem Abend. Meine Wetter-App hat immer weiter starken Regen angesagt. Der Regen prasselte bereits Stunden gegen die Fenster. Ich bin rausgegangen und habe Sandsäcke vor die Kellerfenster gelegt. Mein Haus liegt 120 Meter vom Flussbett der Ahr entfernt. Hochwasser hat es schon hin und wieder gegeben. Aber da sprechen wir davon, dass Grundwasser hochgekommen ist oder ein wenig Wasser im Keller stand."
Sein ungutes Gefühl an diesem Abend sollte Recht behalten. Als er das bedrohliche Rauschen hört, schaut er erst nach seiner pflegebedürftigen Mutter, sie schläft ruhig in ihrer Wohnung im Hochparterre. Anschließend sieht er aus dem Fenster auf die kleine Straße vor dem Haus. Was er erblickt, wird er nie mehr vergessen. Wasser fließt durch die Straße; kein sanftes Plätschern oder leichtes Strömen. Ein lauter, reißender Fluss, der in die Häuser drückt. Er geht nach hinten, um auf den Garten zu blicken, auf die der Ahr zugewandten Hausseite. "Von hinten war das wie so ein stiller See, der hoch war. Ganz merkwürdig. Da ruhiges Wasser und auf der anderen Seite der reißende Fluss. Ich bin dann aus dem Zimmer raus, immer hin und her. Und dann merkte ich, wie im Flur schon Wasser kam. Das muss man sich vorstellen, das ist wie so ein Boot, das vollläuft."
Mit der Heimat verwurzelt
An der Wand des Gründerzeithauses zeigt der 72-Jährige, wie hoch das Wasser damals stand. 3,14 Meter; bei einer Deckenhöhe von 3,70 Metern. Eindringlich zeigt er auf die imaginäre Wasserlinie der restaurierten Wand. An den Wänden hängen Bilder vergangener Jahre. Portraits seiner Verwandten und der Stadt, in der er lebt. Die meiste Zeit seines Lebens hat er in seinem Elternhaus verbracht. "Haus Rieck" steht stuckumrandet an der Fassade über dem Eingang. Nur zum Wehrdienst und während des Studiums sowie des Referendariats hat er woanders gelebt. Als er schließlich Lehrer wurde, baute er sich die Wohnung im 2. Stock des Elternhauses aus. In der ersten Etage führte seine Mutter früher eine kleine Pension mit fünf Zimmern für Kurgäste.
Rieck ist ein schmaler Mann. Sein freundliches Gesicht wirkt auf Fotos älter als in Wirklichkeit. Sein Körper ist gezeichnet von einer überwundenen Krebserkrankung. Magenkrebs. Jetzt lebt er ohne Magen. "Ich habe die Leute links und rechts von mir wegsterben sehen. Es war eine schwere Erkrankung, eine Katastrophe. Da muss man aufpassen, dass man kein Zyniker wird. Dass man noch ein bisschen Herz behält", sagt er. Hubert Rieck wird kein Zyniker. Seine Begeisterung für verschiedenste Themen ist ansteckend. Er liebt es, Dinge zu zeigen, zu erklären und aufzuschreiben. Er erzählt laut und lebendig. Vielleicht ist er deshalb erst Lehrer geworden. Und später Rektor der Grundschule in Bad Neuenahr, die er bis zu seiner Pensionierung gerne leitete. Auch heute noch hilft er in seiner Freizeit Kindern mit Migrationshintergrund und lernt mit ihnen.
Und er sammelt gerne. Er bewahrt, sortiert und konserviert mit Leidenschaft. In seiner Wohnung finden sich Stapel unterschiedlicher Dinge, sauber gruppiert. Zeitschriften, CDs, Unterlagen, Bücher – davon hat er viele. Auf den ersten Blick wirkt es etwas unorganisiert, aber alles, was Hubert Rieck braucht, greift er auf Anhieb. Er hat sein eigenes System. Und das funktioniert.
Blick aus Hubert Riecks Fenster am 14. Juli 2021 in Bad Neuenahr.
Dass er genau weiß, was er tut, zeigt sich auch in der Flutnacht: Hubert Rieck gerät nicht in Panik. Ihm ist klar, dass er und seine Mutter sofort ins obere Stockwerk des Hauses fliehen müssen. Er weckt sie sanft, aber eindringlich. "Mutter aufwachen", habe ich gesagt. "Ich setze dich mal in den Rollstuhl." Die alte Frau ist schlaftrunken, weiß zunächst nicht, wie ihr geschieht. Sie fahren die wenigen Meter bis vor die Treppe. Vierzehn Stufen führen auf einen kleinen Treppenabsatz, von da aus weitere sieben Stufen in die erste Etage. Er packt seine Mutter unter die Arme, Bauch an Rücken im Rettungsgriff. Ihr Körper ist schlaff, keine Spannung. Sie kann nicht mithelfen. Aber er weiß, er muss es schaffen. "Das Wasser kam zu dem Zeitpunkt von beiden Seiten in den Flur geschossen. Unter der Türe durch und von hinten aus dem Garten. Der Keller war schon voll. Das ging alles sehr schnell. Ich wusste, ich war allein."
Er zieht seine Mutter die Treppe hoch. Stufe um Stufe. Sie hängt mehr, ihre Füße sind immer nur eine Stufe vom Wasser entfernt. Rieck ächzt unter der Last. Seine Mutter schreit, dass sie ertrinken werden. Erst versucht er, beruhigend auf sie einzureden, irgendwann hat er dafür keine Kraft mehr. Er muss seine Mutter und sich retten, die Zeit läuft. Und er kann nicht mehr: "Ich dachte, ich breche zusammen, aber, wenn ich sie loslasse, dann sinkt sie ins Wasser. Und höchstwahrscheinlich hätte ich nicht nachgedacht und wäre nachgesprungen. Aber das wäre auch mein Tod gewesen."
"Warum tust du uns das an?"
Beide erreichen irgendwie den Treppenabsatz. Hier lässt Rieck seine Mutter zum ersten Mal los, legt sie ab. Sein Blick geht nach oben. Er weiß nicht mehr, ob er es laut oder leise sagt, aber seine Frage richtet sich an Gott: "Warum tust du uns das an?" Seine Mutter hat aufgehört zu schreien, zu klagen. Überhaupt wird sie nie wieder sprechen. Einfach so wird sie still. Nur noch das Rauschen und Tosen des Wassers war zu hören und die eigenen Gedanken, erzählt er.
Nach kurzer Pause zieht er sie auch noch die Stufen in den ersten Stock hinauf. Mit letzter Kraft legt er sie in ein Bett in einem der ehemaligen Pensionszimmer. Hier oben scheint die Zeit ein wenig stehen geblieben zu sein. Die Tapete, die Einrichtung, sogar der Geruch erinnern an die 1970er Jahre.
Das Wasser steigt jetzt langsamer. Rieck läuft zwischen seiner Mutter und dem Flur hin und her. Immer kritisch den Wasserstand prüfend. "Lagepeilung" nennt er das. "Sind wir in Sicherheit? Wird das Haus halten?"
Hubert Rieck hängt ein Bild seiner Mutter Helene auf. Sie starb in den Tagen nach der Flutkatastrophe 2021.
Der Strom ist in der Zwischenzeit ausgefallen, und es ist stockfinster. Aber er hat Glück, er kennt das Haus in und auswendig, außerdem hat er eine kleine Taschenlampe am Hosenbund. Die Nacht dauert ewig. Er hört das Rauschen und immer wieder ein lautes Peng, wenn Autos oder Gegenstände an die Hausmauern knallen. Nach einer Ewigkeit graut der Morgen.
Gegen fünf Uhr sieht er aus dem Fenster des ersten Stocks. Das Wasser ist zurückgegangen, überall ist Schlamm und Verwüstung. Auf der Straße liegen Autos, ein kleiner LKW, Weinfässer und Müll, sehr viel Müll. Jetzt ist es still, zu still. Niemand ist zu sehen oder zu hören. Rieck bleibt drinnen. In seiner Wohnung im zweiten Stock findet er Konserven, die er kalt mit seiner Mutter teilt. Sie lebt, aber kein Wort kommt mehr aus ihrem Mund. Als Rieck schließlich das Haus verlassen will, ist die Tür so beschädigt, dass er eine Brechstange benötigt. Mittlerweile ist ein Feuerwehrwagen zu sehen, einige Nachbarn suchen nach Vermissten. Man tauscht sich aus.
Die Tage nach der Flut verschwimmen etwas in seiner Erinnerung. Für den heimatverbundenen Rieck ist sofort klar, dass er sein Haus wiederaufbauen wird. Auch wenn er keine Ahnung hat, was überhaupt sein nächster Schritt sein wird.
"Sie haben gesät, jetzt dürfen sie ernten"
Stück für Stück füllen sich in den Tagen danach Straße und Haus mit Stimmen: ehemalige Schüler, Nachbarn, freiwillige Helfer mit Schaufeln und Eimern "Sie haben gesät, jetzt dürfen sie ernten", sagt einer seiner mittlerweile erwachsenen Schüler. Rieck steht die Rührung ins Gesicht geschrieben. Heute betont er, dass es ohne das Anpacken der vielen Freiwilligen nicht gegangen wäre. Nicht für ihn, nicht für seine Nachbarn, nicht für das Tal. Und so pendelt er in den Tagen nach der Katastrophe zwischen dem Pflegebett seiner Mutter und dem Säubern des Hauses. Ein befreundeter Arzt schlägt sich zu seinem Standort durch und untersucht seine Mutter. "Er hat mich darauf vorbereitet, dass sie gehen wird. Es sei eine Frage von Tagen."
Am fünften Tag nach der Flut stirbt Helene Rieck im ersten Stock ihres zerstörten Hauses in einem Bett, das sie hunderte Male bezogen hat. Hubert Riecks Augen füllen sich mit Tränen. Er hält kurz inne, wippt ein wenig auf seinem Stuhl und nimmt einen Schluck Apfelschorle. Er atmet einmal laut und sagt: "Mutter hat abends immer gebetet. Ich habe mich neben sie gelegt, instinktiv, und habe am Hals ihren Puls gefühlt. Der schlug. Und zur Beruhigung, und das ist jetzt kein Kitsch, habe ich das Vaterunser gebetet. Sie natürlich nicht, aber ich habe ihr in die Augen geguckt und die waren ganz wach. Also kein starrer Blick, sondern sie hat das mitbekommen. Und beim Amen, beim Schluss, war plötzlich der Puls weg. Und dann haben Sie eine tote Mutter da liegen."
Draußen kratzen die Schaufeln am Boden entlang, es wird geschippt, geschleppt und gearbeitet und drinnen ist es still. Rieck muss weitermachen. Denn er will in dem Haus seiner Familie weiterleben. Bis heute halten die Wiederaufbauarbeiten an.