Wer kann ihre Vielfalt, ihre Pracht beschreiben – oder die Mühen jener Menschen, die sie einst erbaut haben? Englands Kathedralen – Canterbury, York, Winchester, Lincoln, Ely, Durham, Exeter, Gloucester ... Oder Wells: Das beschauliche Städtchen in der südenglischen Grafschaft Somerset gilt mit nur 5.000 Einwohnern als kleinste Stadt Englands – und es hat zugleich einen der größten und unversehrtesten Kathedralbezirke des Landes. Vor 850 Jahren wurde hier mit der ältesten gotischen Bischofskirche Englands begonnen.
Das imposante Figurenprogramm an der Westfassade; eine spektakuläre, postmodern anmutende gotische Bogenkonstruktion im Inneren, die seit dem 14. Jahrhundert einen Einsturz des Vierungsturms zu verhindern half; einen Kapitelsaal, dessen Palmrippen an Üppigkeit ihresgleichen suchen. Dazu Vicars Close, die älteste Reihenhaussiedlung Britanniens, im Spätmittelalter für die Sänger am Dom gebaut. Und einen umfriedeten Bischofspalast, in dem seit 800 Jahren die Bischöfe von Wells residieren.
Vor 800 Jahren war ganz Europa im Kathedralfieber. Wer als Bischof etwas auf sich hielt, wollte mit seinem Kirchbau im gefeierten gotischen Stil alle bereits bestehenden ausstechen. Im südenglischen Salisbury wurde der Grundstein für eine der schönsten und größten Bischofskirchen des Landes 1220 buchstäblich auf der Grünen Wiese gelegt; in der fruchtbaren Ebene nahe dem Fluss Avon und übrigens nur acht Meilen von dem rätselhaften Monument von Stonehenge entfernt.
Eintritt für Kölner Dom? Hier kein Thema mehr
Ein architektonischer Glücksfall: Weil man keinerlei bauliche Rücksichten nehmen musste und weil König Heinrich III. den Bau finanziell massiv förderte, wurde er in weniger als 40 Jahren gleichsam aus dem Boden gestampft. So erscheint er stilistisch aus einem Guss, nüchtern und festlich zugleich mit einer imposanten Innenlänge von 135 Metern. Die Reduzierung auf das Wesentliche mutet – im Vergleich zum experimentellen Formenreichtum anderer Kathedralen der Zeit – fast bauhausartig geordnet an.
Ihre architektonische Geschlossenheit und die riesige Domfreiheit ohne jeden städtischen Verkehr machen die Kathedrale von Salisbury zu einer der schönsten der europäischen Gotik. Die Landschaftsmaler John Constable (1776-1837) und William Turner (1775-1851) wetteiferten darum, das mittelalterliche Ensemble möglichst dramatisch einzufangen. Nur: Wer zahlt das alles, beziehungsweise: Wer kommt für den Unterhalt auf?
Das Eintrittsgeld für den Kölner Dom hat in Deutschland für viele Debatten gesorgt. Darüber sind die Briten schon ganz lange hinweg. In Großbritannien Kathedralen zu besuchen, kostet richtig Geld. Nur: Die Baulasten deckt das bei weitem nicht ab.
Mit nur 5.000 Einwohnern gilt Wells als kleinste Stadt England – und hat zugleich einen der größten Kathedralbezirke des Landes. Vor 850 Jahren wurde dort mit dem Bau der ältesten gotischen Bischofskirche Englands begonnen.
George Lapshynov, Mitautor eines neuen Berichts zum Thema, warnt: "Sollten die Kathedralen untergehen – und es ist viel näher an Mitternacht, als viele denken – dann würde dieser Verlust nicht allein die Kirche treffen, sondern auch Städte, Gemeinden, Schulen, lokale Gemeinschaften, die regionale Wirtschaft und das Land als Ganzes."
Englands Kathedralen gehörten zu den letzten Institutionen im gesellschaftlichen Leben, die noch immer Menschen aller Altersgruppen, Schichten, politischer Überzeugungen und Glaubensrichtungen unter einem Dach zusammenbringen, so Lapshynov weiter. Die Menschen, die sie nutzen und schätzen, reichten "weit über die schrumpfenden Reihen der praktizierenden Christen hinaus".
Die Frage sei nicht, ob Kathedralen wichtig sind. "Die Frage ist, ob wir rechtzeitig handeln und erkennen, dass das, was sie in ihrer Obhut haben, nicht allein in der Verantwortung der Kirche liegt, sondern der Nation als Ganzes."
Parlamentarier-Netzwerk für Kathedralstädte
Zeichen eines wachsenden Bewusstseins dafür, vielleicht sogar der Hoffnung auf ein größeres Umdenken: Parlamentarier sowie Vorsitzende von britischen Domkapiteln haben nun ein parlamentarisches Netzwerk der Kathedralstädte gegründet, um nachhaltig bei der Regierung und bei hochrangigen Stellen um finanzielle Unterstützung zu werben. Sie trafen sich zu ihrer Gründungssitzung in Westminster, wie das Portal englishcathedrals.co.uk berichtet.
Eine erste Forderung lautete demnach, die Abgeordneten sollten eine Parlamentsdebatte über den Wert der Kathedralen für die Nation beantragen. Zudem baten sie die Regierung, die anglikanische Staatskirche von England aufzufordern, ihren Verpflichtungen gegenüber den Kathedralen nachzukommen.
Deren historische Vermögenswerte werden von den Church Commissioners, den Kirchenkommissaren, verwaltet, der zentralen Finanz- und Vermögensverwaltung der Church of England. Das Netzwerk wünscht sich umfangreiche und nachhaltige öffentliche Investitionen in den Erhalt der Kathedralen, in Zusammenarbeit mit anglikanischer Staatskirche und Privatwirtschaft. Die lokalen Abgeordneten sollen sich als Verbündete und Fürsprecher engagieren.
Kölner Dom kostet jetzt Eintritt – So reagieren die ersten Besucher
Die einen würden ihn wieder zahlen, die anderen finden ihn "blöd": den neuen Eintrittspreis am Kölner Dom. Ein Vor-Ort-Besuch am ersten Tag zeigt, was sich in Deutschlands bekanntester Kirche geändert hat.
Zum ArtikelDer Thinktank Theos für Religion und Gesellschaft unterfüttert diese Forderungen mit Zahlen und soziologischen Befunden. In der Studie "Lebendige Steine: Englische Kathedralen als heilige Räume im Wandel der Zeit" heißt es, Kathedralen dienten als lebendige Zentren bürgerlichen Lebens, von Gemeindearbeit, Bildung, Lernen und geistlicher Musik. Orte der Andacht seien sie ohnehin.
Fast drei Viertel der Erwachsenen in England (74 Prozent) gaben demnach in einer aktuellen Umfrage an, dass sie in den vergangenen drei Jahren mindestens einmal eine Kathedrale besucht hätten. Dabei hätten sie – jenseits von Eintrittsgeldern – zusätzliche Ausgaben von 235 Millionen Pfund für die lokale Wirtschaft generiert.
George Lapshynov: "Besucher, die von einer großartigen Kathedrale angezogen werden, geben ihr Geld in Geschäften, Cafés und Hotels in der Umgebung aus, die selbst oft ums Überleben zu kämpfen haben." Kathedralen förderten so den Tourismus, den lokalen Handel, traditionelles Handwerk und den Bürgerstolz – "doch nur ein zu geringer Teil dieses Nutzens fließt zurück, um die Kathedralen selbst zu finanzieren".
"Sie treten einfach ein, und das Gebäude erledigt den Rest"
Auch ein Vertreter der Organisation "State of Life", Will Watt, informierte die Abgeordneten über den messbaren Beitrag, den Kathedralen zu Gesundheit und Wohlbefinden von Menschen und Gesellschaft leisteten. Ihm zufolge soll im frühen Herbst ein Schätz-Tool für Kathedralen zur Verfügung stehen. Es könne jenen wirtschaftlichen Beitrag beziffern, den Kathedralen für die Nation leisteten. Dieser gehe nämlich noch über den von Theos berechneten Beitrag zur Besuchersektor hinaus.
Selbst für Menschen ohne religiösen Glauben böten Kathedralen offensichtlich etwas, das anderswo immer schwerer zu finden ist, befindet der Wissenschaftler Lapshynov: "Stille, Schönheit, Perspektive, eine Auszeit vom hektischen Trubel der Bildschirme und Geschäfte." Viele beträten sie ohne konkretes Ziel: "Sie treten einfach ein, und das Gebäude erledigt den Rest."
Und doch verberge sich hinter genau dieser Vertrautheit ein ernstes Problem. "Da Kathedralen imposant, uralt und beständig wirken, gehen viele Menschen davon aus, dass sie gut finanziert sein müssen – durch die Kirche, durch den Staat, durch eine versteckte Stiftung oder durch jemand anderen", so Lapshynov. Doch das sei oft nur eine Illusion; verantwortlich für ihr Fortbestehen seien letztlich alle.
Wenn wir wollen, dass diese Orte lebendig bleiben – und nicht zu schönen Ruinen verkommen wie jene, die die Auflösung der Klöster hinterlassen hat; eine malerische Kulisse für den nationalen Niedergang –, dann müssen Regierung, Philanthropie und die breite Öffentlichkeit aufhören, sie als Problem anderer abzutun.
— George Lapshynov
In einer Umfrage gaben 61 Prozent an, sie wären verärgert, wenn ihre örtliche Kathedrale geschlossen würde – doch nur 31 Prozent würden wahrscheinlich selbst spenden, um sie zu retten. Fakt ist: Es ist enorm kostspielig, Kathedralen offen, sicher, warm und einladend zu halten. Mauerwerk verfällt, Dächer werden undicht; die Heizkosten steigen ständig. Selbst die großen Kathedralchöre mit ihren wunderbaren Evensongs funktionieren nicht kostenfrei. 80 Prozent der Kathedralen seien in Finanznot, befindet die Theos-Studie.
In einem Beitrag, den Theos-Forscher Lapshynov für die "Times" verfasste und den auch das Portal englishcathedrals wiedergibt, lautet die Argumentationskette wie folgt: Kathedralen seien Eigentum der Nation, nicht nur einer christlichen Konfession. Wenn England seine Kathedralen verfallen lasse, dann sei das "ein Verlust für uns alle".
"Die Auswirkungen werden in den örtlichen Schulen zu spüren sein, die für Versammlungen und Feierlichkeiten auf die Kathedrale angewiesen sind; in den Musik- und Kunstgemeinschaften, die rund um Chorschulen und Konzertreihen gedeihen; in den kleinen Geschäften, die auf Touristen angewiesen sind, sowie in den Städten und Gemeinden, deren Seele, Identitätsgefühl und Geschichte von der Silhouette ihrer Kathedrale geprägt sind."
"Kulisse für den nationalen Niedergang"?
Menschen, die Trost oder Ruhe suchen, würden ihren Zufluchtsort verlieren, so der Soziologe weiter. "Jene, die sich zwar nicht als Gläubige bezeichneten, aber in Krisenzeiten diese uralte Anziehungskraft spüren, werden verlassen zurückbleiben." Regierung und Behörden müssten anerkennen, dass die Unterstützung von Kathedralen keine Subventionierung von Religion und privaten Interessen darstellt, sondern eine Investition ins gesellschaftliche Leben und in bürgerliche Infrastruktur.
Lapshynovs leidenschaftliches Fazit: "Wenn wir wollen, dass diese Orte lebendig bleiben – und nicht zu schönen Ruinen verkommen wie jene, die die Auflösung der Klöster hinterlassen hat; eine malerische Kulisse für den nationalen Niedergang –, dann müssen Regierung, Philanthropie und die breite Öffentlichkeit aufhören, sie als Problem anderer abzutun."
Und: "Wir haben Kathedralen geerbt, die wir nicht gebaut haben und die wir nun nicht ersetzen können. Werden wir sie als lebendige, für alle offene Orte weitergeben – oder sie zu Denkmälern unserer eigenen Nachlässigkeit verfallen lassen? Zuneigung allein reicht nicht aus. Irgendwann muss sie sich in kaltes, hartes Bargeld niederschlagen."