Mit Andy Burnham dürfte der erste "gelernte Katholik" Premier werden

Der Labour-Chef Andy Burnham wird neuer Premierminister des Vereinten Königreichs
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Die einstige Kolonial- und Weltmacht Großbritannien vereint viele Weltanschauungen. Unter den 69 Millionen Bewohnern gibt es neben rund 25 Millionen anglikanischen, 10 Millionen anderen protestantischen auch 6 Millionen katholische Christen. Jeder vierte (25 Prozent) bezeichnet sich als konfessions- und religionslos. Dazu Millionen Muslime und Buddhisten sowie Hunderttausende Hindus, Sikhs und Juden.

In England katholisch zu sein – das war über Jahrhunderte eine schwierige Existenz als verachtete Minderheit "papistischer Verräter". Zumeist waren es irische Einwanderer, in mehreren Wellen als arme Hungerleider eingetroffen. Katholiken, das waren Ausländer, Unterprivilegierte aus der Arbeiterklasse.

Nach dem Aus von Keir Starmer als Premierminister deutet nun alles darauf hin, dass mit dem Bürgermeister von Greater Manchester, Andy Burnham (56), nun erstmals ein "gelernter Katholik" Regierungschef im Land der anglikanischen Staatskirche von England wird.

Keine Altarstufen abgeleckt

Soll heißen: Der schillernde Luftikus Boris Johnson (2019-2022) wurde zwar katholisch getauft, trat aber schon als Schüler zum Anglikanismus über. Und der Anglikaner Tony Blair (1997-2007) praktizierte zwar schon in seiner Amtszeit katholisch, konvertierte jedoch erst nach seinem Rücktritt.

Bei Burnham, als Labour-Politiker Teil des Mitte-links-Spektrums, liegt der Fall deutlich anders, wie es der "Times"-Politik-Kommentator Patrick Maguire beschreibt: Mutter Eileen hatte irische Wurzeln, und der Katholizismus prägte das Zuhause, die Schule und die Straßen, in denen er aufwuchs – auch wenn er nicht, wie er einmal mit einem Ausdruck aus seiner Heimatstadt Liverpool sagte, "die Altarstufen ableckte". Seine Mutter widersprach dem freilich in einem Interview von 2015 zumindest teilweise: "Sie hätten sonntags die Streitereien zwischen den Brüdern sehen sollen: Sie waren alle Messdiener, aber Andy musste unbedingt derjenige ganz vorn sein."

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Der ehemalige britische Premier Boris Johnson wurde zwar katholisch getauft, trat aber bald zur anglikanischen Kirche über.

Und natürlich zerdepperten die Burnham-Brüder eines Tages die kostbare Porzellan-Nonne ihrer Mutter mit einem Fußball. Denn es war am Ende eine eigentümliche Trias, die ihn prägte, wie Burnham einmal Journalisten erklärte: der Fußballclub FC Everton, die Labour Party und die katholische Kirche – "in dieser Reihenfolge".

Tatsächlich scheint der Weg über den Katholizismus zum Labourismus in den Liverpooler 80er Jahren ziemlich schlüssig, wie Maguire nachzeichnet; jedenfalls, wenn man der Wahlkampfaussage Burnhams von 2012 glaubt, er sei damals überzeugt gewesen, "dass das, was ich einst im Katechismus lesen musste, auf Erden durch die Labour Party verwirklicht wurde". Jene Geistlichen und Lehrer, denen er in dieser Zeit zuhörte, standen Labour nah; an erster Stelle der Liverpooler Erzbischof Derek Worlock (1920-1996).

Mit Worlocks deutlicher Hinwendung zur Arbeiterschaft – unter anderem vermittelte er bei Bergarbeiterstreiks gegen die konservative Regierung Thatcher – eckte der Erzbischof auch in Rom und London an. Er glaubte, dass die städtische Arbeiterklasse eine ganz eigene Form menschlicher Seelsorge brauchte. Papst Johannes Paul II. ließ er 1982 bei seinem Besuch ganz bewusst an den Schauplätzen der Verwüstung im Zuge der Arbeiterproteste vorbeifahren.

"Wenn man einen tritt, humpeln alle"

Ein ehrfürchtiger Bewunderer Worlocks war nach eigenem Bekunden der junge Burnham. Der sagte dazu, es gebe "eine direkte Verbindung zwischen dem, was ich in der Schule und in der Kirche lernte, und den Werten der Labour Party". Wie Mitte der 80er Jahre vor seinen Augen die Menschen behandelt wurden und die Stadt Liverpool und ihre Straßen vor die Hunde gingen, "das war kein Ausdruck christlicher Werte".

Die Kirche, die er kannte, war mitfühlend, vergebend und auch respektlos gegenüber den Mächtigen. Und Burnhams jugendlich-christliches Mit-Leiden war der praktische Messdienerglaube katholischer Gemeinden, von dem – sehr britisch – gesagt wird: "Wenn man einen tritt, humpeln alle."

Papst Franziskus schaut skeptisch
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2023 traf Burnham im Vatikan auf Papst Franziskus. Er sprach mit ihm über die Bekämpfung von Obdachlosigkeit in Manchester. Im Anschluss berichtete Burnham, der Papst habe energisch genickt – so, als wollte er sagen: Machen Sie weiter so!

Tatsächlich ist Burnham wohl eher nur noch ein gelegentlicher Gottesdienstbesucher. Ihm gehe es um Identität, urteilt Maguire. Seine Vorbilder: Erzbischof Worlock natürlich – und Papst Franziskus: jener "Papst der Ränder", dem er 2023 im Vatikan ein Trikot von Manchester United überreichte, während er mit ihm über die Bekämpfung der Obdachlosigkeit in der Stadt sprach. Im Anschluss berichtete Burnham, der Papst habe energisch genickt – so, als wollte er sagen: Machen Sie weiter so!

Als künftiger Erster Minister Seiner Majestät würde der Messdiener von einst sicher keinen Konservativismus in den klassischen Fragen katholischer Moral mitbringen. Die Kirche im Vereinigten Königreich verbindet mit ihm immerhin verhaltene Hoffnungen, dass sich ihre Soziallehre künftig stärker im politischen Handeln widerspiegeln könnte.

"Keinen Glauben im öffentlichen Raum"

Allerdings gibt Bischof Brian McGee, stellvertretender Vorsitzender der Schottischen Bischofskonferenz, zu bedenken: "Viele Menschen hier mögen die christliche Kirche nicht und wollen keinen Glauben im öffentlichen Raum."

Politisch setzt sich Burnham unter anderem für staatliche Bildung, Sozialleistungen, das Steuersystem und den Wohnungsbau ein. In Fragen wie Abtreibung, Sterbehilfe, Sexualaufklärung und den Rechten der LGBTQI+-Gemeinschaft vertritt er aber eine liberale Haltung. 2015 etwa forderte Burnham Papst Franziskus (2013-2025) auf, die Kirche in Bezug auf gleichgeschlechtliche Ehen "ins 21. Jahrhundert zu führen".

Sprich: Burnham steht für Praxis statt für Angelerntes aus Büchern. Für Maloche statt Elite, für Solidarität statt Sozialismus. Und für Liverpool statt London. Klingt nach einem etwas anderen Sound aus Ten Downing Street.

Alexander Brüggemann (KNA)