Standpunkt

Nächstenliebe ist das, was man tut, wenn (fast) niemand zusieht

Nächstenliebe ist das, was man tut, wenn (fast) niemand zusieht
Bild: IMAGO / Eibner

"Die Benutzung der Toilettenbürste kann ein Akt der Nächstenliebe sein", so lautete sinngemäß ein Aushang im Essener Generalvikariat. Seit Jahren schon wohnt dieses kleine Plakat mietfrei in meinem Kopf. So ungewohnt, so abstrus – und zugleich so wahr. Wie wir uns in unbeobachteten Momenten gegenüber unseren Nächsten (hier späteren Toilettenbesuchern und Reinigungspersonal) verhalten, sagt viel über unseren Glauben aus.

Mittlerweile sind 14 Bundesländer in die Sommerferien gestartet. Vielleicht lesen Sie diesen Standpunkt ja sogar im Hotel? Dann haben Sie eventuell die Beobachtung machen müssen, dass einige Deutsche, die sich daheim penibel an Mülltrennung, Streudienst und Mittagsruhe halten, im Urlaub die sprichwörtliche Sau rauslassen: Da wird das Hotelzimmer verwüstet, die Servicekraft angeschnauzt und der Nebenmann in der Buffetschlange weggeschubst. War es vielleicht sogar eine Selbstbeobachtung?

"Ich habe dafür bezahlt!" lautet eine häufig gehörte Rechtfertigung. Von der moralischen Verpflichtung zu einem respektvollen Miteinander aber können wir uns nicht freikaufen – vor allem nicht als Christen. Immerhin fragt der matthäische Jesus auch uns heute: "Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten? [...] Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr damit Besonderes?" (5,46f)

Natürlich können Sie über diese vermeintlich banale Veralltäglichung des Glaubens die Nase rümpfen, schließlich gibt es größere Probleme (stimmt!). Allein: Wenn wir es nicht einmal im Kleinen schaffen, ohne äußeren Druck rücksichtsvoll mit Natur und Mitmenschen umzugehen – wie soll das nur im Großen gelingen? Viel zu oft offenbaren sich im herabwürdigenden Verhalten von Urlaubern auch rassistische und klassistische Denkmuster. Und damit wären wir dann doch wieder bei den großen Problemen. Es geht nicht um oberflächliche Manieren, sondern um die existenzielle Frage, ob es uns wirklich ernst ist mit diesem Schöpfer der Welt und Vater aller Menschen.

Valerie Judith Mitwali

Die Autorin

Valerie Judith Mitwali promoviert an der Ruhr-Universität Bochum in systematischer Theologie.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.