Herrgottskinder – Die Elternkolumne

Warum Langeweile manchmal auch etwas Gutes hat

Warum Langeweile manchmal auch etwas Gutes hat
Bild: IMAGO / Westend61

Es ist einer dieser Samstagnachmittage, an denen eigentlich alles in Ordnung ist. Kein Termin, der zu erledigen wäre, kein Kindergeburtstag, kein Einkauf. Draußen scheint die Sonne, drinnen liegt ein seltener Moment von Ruhe über unserer Wohnung. Ich sitze mit einem Kaffee auf dem Sofa und blättere durch die Tageszeitung.

Da steht plötzlich meine kleine Tochter vor mir und guckt mich mit traurigen Augen an: "Papa, mir ist langweilig."

Wie ein Animateur im Cluburlaub

In den ersten Jahren mit meinen beiden Töchtern war dieser Satz stets eine Art Einsatzsignal für mich. Meist sprang ich innerlich sofort auf und machte Vorschläge für die Freizeitgestaltung. "Du könntest ein Buch anschauen", "Möchtest du malen?", "Geh doch aufs Trampolin" – wie ein Animateur im Cluburlaub.

Das Problem war nur: Meine Vorschläge wurden fast immer mit der gleichen Mischung aus Empörung und Verzweiflung quittiert. "Neeeiin", "Das ist öde", "Keine Lust." Offenbar hatte ich nie die richtige Idee. Oder vielleicht war genau das auch gerade die falsche Idee: dass immer sofort jemand kommen muss, um die Langeweile zu vertreiben.

Inzwischen reagiere ich anders. Nicht immer geduldig, das wäre gelogen. Denn mal ehrlich: Der Satz "Mir ist langweilig" kann extrem nerven und Eltern mürbe machen. Besonders dann, wenn man als Mutter oder Vater sonst im Alltag funktioniert wie eine Mischung aus Chauffeur, Küchenhilfe, Streitschlichter und Eventmanager.

Zwei Kinder liegen rücklings auf dem Boden und spielen mit bunten Bauklötzen. Beide schauen durch je zwei Klötze mit Loch, die sie sich wie eine Brille vor die Augen gelegt haben.
Bild: © Fotolia.com/famveldman (Symbolbild)

Offenbar braucht kindliche Fantasie manchmal einfach ein bisschen Leere.

Aber inzwischen sage ich oft einfach: "Das hältst du schon aus." Manchmal folgt darauf großes Drama – etwa, wenn meine große Tochter sich mit vorwurfsvollem Blick und lautem Aufstöhnen theatralisch neben mich aufs Sofa fallen lässt, so als hätte sie soeben jede Hoffnung verloren.

Ich denke dabei oft etwas, das mir früher wohl nie eingefallen wäre: Wie schön muss es eigentlich sein, sich zu langweilen! Mir passiert das nämlich kaum noch. Irgendetwas fordert immer Aufmerksamkeit. Arbeit, Nachrichten, E-Mails, WhatsApp-Gruppen, der Wocheneinkauf, die nächste Rechnung. Dazu das mediale Dauerrauschen unserer Zeit: neue Meldungen, neue Krisen, neue Push-Nachrichten. Alles wirkt dringend, alles will sofort beantwortet werden.

Und selbst die Familienzeit ist im Alltag oft maximal durchgetaktet. Kinderturnen, Schlagzeugunterricht, Verabredungen, Reiten, Schulfest. Manchmal habe ich das Gefühl, wir organisieren selbst die Freizeit in unserer Familie noch mit dem Ehrgeiz eines mittelständischen Unternehmens. Langeweile kommt darin eigentlich nicht mehr vor.

Du darfst einfach Du selbst sein

In meiner eigenen Kindheit war das, wenn ich mich recht erinnere, anders. Meinen Eltern wären nicht im Traum darauf gekommen, für meine Brüder und mich den Animateur zu mimen. Es gab Nachmittage und Ferien, die sich endlos zogen, weil nichts passierte und es – verglichen mit heute – fast keine mediale Ablenkung gab. Damals fühlte sich das blöd an, heute wirkt es fast luxuriös. Denn Langeweile bedeutet ja auch: Für einen Moment verlangt niemand etwas von dir. Du musst nichts leisten, nichts beantworten. Du darfst einfach Du selbst sein.

Vielleicht können Kinder das noch besser als wir Erwachsenen – selbst, wenn sie sich zuerst dagegen wehren. Denn erstaunlicherweise dauert ihre Langeweile oft gar nicht lange. Ein paar Minuten, nachdem ich an diesem Samstagnachmittag "Das hältst du schon aus" gesagt habe, baute meine kleine Tochter plötzlich aus Decken und Stühlen eine Höhle, um darin zu lesen. Etwas später saß sie dann an ihrem Schreibtisch und malte versonnen ein Sommerbild. Offenbar braucht Fantasie manchmal einfach ein bisschen Leere.

Ich dagegen saß zu diesem Zeitpunkt immer noch auf dem Sofa – inzwischen mit dem Handy in der Hand. Und las die nächsten, eigentlich völlig unwichtigen, Nachrichten. Vielleicht habe ich in diesem Moment verstanden: Nicht nur meine Kinder müssen die Langeweile neu lernen, sondern auch ich selbst.

Steffen Zimmermann

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