Ein Gespräch mit katholisch.de

Mein Freund, der Papst: Armando Lovera über Leo XIV.

Robert Francis Prevost und Armando Lovera zu Studienzeiten
Bild: Archiv der Familie Lovera

Es gibt Menschen, die jede Reise bis ins kleinste Detail planen. Und dann gibt es Robert Francis Prevost. Eine Gruppe junger Augustiner sitzt im Auto und ist auf dem Rückweg nach Trujillo im Norden Perus, wo sich das Ausbildungshaus der Augustiner befindet. Hinter ihnen liegen Wochen der Missionsarbeit in den peruanischen Anden und im Regenwald. Alle sind erschöpft, freuen sich auf die Rückkehr ins Kloster. Die Straße führt Richtung Küste. Plötzlich blickt Robert Prevost nach vorne und fragt ganz beiläufig, als würde er vorschlagen, auf einen Kaffee anzuhalten: "Wollen wir nach Huaraz fahren?"

Kein Hotel ist gebucht. Niemand weiß, wo die Gruppe übernachten wird. Es gibt keinen Reiseplan, keine Reservierungen, keine Vorbereitung. "Wir sahen uns gegenseitig an", erinnert sich Armando Jesús Lovera. "Fahren wir, antworteten wir. Und wir fuhren."

Was folgte, waren zwei Tage voller Improvisation. Gemeinsam suchten sie Unterkünfte, entschieden spontan, welche Orte sie besuchen, und lösten unterwegs jedes noch so kleine Problem. Für Lovera steckt in dieser Episode bis heute etwas Wesentliches über seinen Freund, erzählt er im Gespräch mit katholisch.de. Er sagt: "Über all dem lag ein Gefühl von Freiheit. Roberto wusste, dass Gemeinschaft auch auf diese Weise entsteht: in der Freude, den Weg miteinander zu teilen, und in jenen unerwarteten Momenten, die es ermöglichen, einander besser kennenzulernen."

Heute kennt die Welt Robert Prevost als Papst Leo XIV. Für Armando Jesús Lovera ist er dagegen bis heute vor allem Roberto – ein Freund, der ihn seit mehr als drei Jahrzehnten begleitet. Einer der engsten Vertrauten des Papstes erzählt nicht von Macht oder Kirchenpolitik. Er erzählt von einem Menschen. Sie kennen sich seit Jahrzehnten, haben gemeinsam WM-Fußballspiele geschaut und sind zusammen auf Reisen gegangen.

Ein Amerikaner, dem er zunächst misstraute

Als sich beide 1991 im kolumbianischen Bojacá begegnen, beginnt ihre Geschichte alles andere als ideal. Lovera ist aus Iquitos in Peru gekommen, um seine Berufung bei den Augustinern zu prüfen. Über den Neuankömmling Prevost weiß er nur zwei Dinge: Er ist Amerikaner und Kirchenrechtler. "Ich gestehe, dass ich damals gewisse Vorurteile gegenüber US-Amerikanern hatte – und vielleicht noch mehr gegenüber Kirchenrechtlern. Ich stellte mir einen distanzierten, strengen Mann vor, der sich mehr um Vorschriften als um das Leben der Menschen kümmerte."

Robert Francis Prevost und Armando Lovera
Bild: © Archiv der Familie Lovera

Robert Francis Prevost und Armando Lovera

Doch statt über Kanones und Paragraphen, spricht Prevost über – Menschen. Über Gemeinden, die trotz Gewalt und Armut zusammenhalten. Über Familien in Peru, die unter dem sogenannten "Fujishock" leiden; einem radikalen wirtschaftlichen Schockprogramm, das in den 1990er Jahren in Peru unter dem damals neu gewählten Präsidenten Alberto Fujimori eingeführt wurde und später unter der Präsidentschaft von Alan García in eine Phase der Hyperinflation führte. Doch Prevost sprach nicht aus der Theorie heraus, erinnert sich Lovera. "Er erzählte uns, was die Ordensleute gemeinsam mit den Menschen unternahmen, wie sie die am stärksten betroffenen Familien begleiteten." Mit einem einzigen Gespräch zerbrechen seine Vorurteile: "Ich hatte mich anfänglich geirrt. Seine Erfahrungen weckten in mir den Wunsch, selbst dort zu sein."

"Er hörte mir zu, ohne mich zu verurteilen…"

Wenig später führt der gemeinsame Weg beide wieder ins Ausbildungshaus nach Trujillo. Dort wird Robert Prevost nicht nur Mitbruder, sondern auch Loveras geistlicher Begleiter. Sieben Jahre begleitet der heutige Papst Leo damals den jungen Augustiner. Dann kommt die Krise. Lovera spürt immer deutlicher, dass das Ordensleben nicht sein Weg ist. Nicht, weil er den Glauben verloren hätte. Sondern weil er merkt, dass ihm die Form des gemeinschaftlichen Gehorsams schwerfällt. Es ist ein Moment, in dem viele Ausbilder versuchen würden zu überzeugen. Robert Prevost tut das Gegenteil: "Er hörte mir zu, ohne mich zu verurteilen oder zu versuchen, mich zu einer Entscheidung zu drängen. Er respektierte meine Freiheit."

Für Lovera liegt genau darin bis heute eine der größten Stärken eines seiner engsten Freunde. Zu wissen, dass eine Berufung Zeit, Wahrhaftigkeit und vor allem Freiheit braucht. Statt Menschen nach eigenen Vorstellungen zu formen, habe Prevost seinen Mitbrüdern geholfen, ihren eigenen Weg vor Gott zu finden. Er war, so Lovera, überzeugt davon, dass nur ein innerlich mit sich versöhnter Mensch, den anderen das Beste von sich geben kann.

Mehr als eine Freundschaft

Obwohl sich ihre Lebenswege später trennen, bleibt die Verbindung der beiden weiter bestehen. Sie telefonierten regelmäßig, schrieben sich Nachrichten und sprachen über Fußball. "Er hält eher zu Real Madrid, ich dagegen zum FC Barcelona", erzählt Lovera und muss schmunzeln. Mal ging es um Theologie. Mal um Politik. Oft einfach um den Alltag. Und fast immer irgendwann um Peru. "Obwohl wir weit voneinander entfernt lebten, blieb Peru das Land, in dem wir uns kennengelernt hatten, in dem unsere Freundschaft gewachsen war und in dem wir beide gelernt hatten, uns zu Hause zu fühlen."

Robert Francis Prevost und Armando Lovera
Bild: © Archiv der Familie Lovera

Armando Lovera zu Besuch bei seinem Freund – dem Papst.

Mit den Jahren wird aus der Freundschaft sogar eine Familiengeschichte. "Roberto war in vielen der wichtigsten Momente meines Lebens präsent. Roberto war nicht mehr nur mein Freund. Er wurde Teil der Geschichte meiner Familie." Doch seit Prevosts Wahl zum neuen Papst hatte sich einiges verändert. Zwar nicht im Wesenskern, aber in der äußerlichen Form. Dass er das Oberhaupt der katholischen Kirche werden würde, dachte damals niemand. Auch Armando Jesús Lovera nicht. "Ich habe nie ernsthaft gedacht, dass er gewählt werden könnte."

"Gute Nacht, Heiliger Vater"

Doch am Sonntag vor dem Konklave passierte etwas, das er sich bis heute nicht erklären kann. Er hatte das Gefühl, dass sein Freund zum Oberhaupt von über 1,4 Milliarden Katholiken werden würde. Und merkwürdigerweise löste diese Vorahnung keine Freude bei ihm aus. Eher Traurigkeit. Eine Befürchtung war, die alltägliche Beziehung zu einem seiner besten Freunde zu verlieren, denn bis dahin konnte er Roberto oder "Bob" – wie er ihn ebenfalls gerne nennt – jederzeit anrufen. Ohne besonderen Anlass oder gar Protokoll.

Schließlich fiel dann am Abend des 8. Mai 2025 der Name seines Freundes. Richtig war seine Vorahnung – anders aber die Emotion. "Es fühlte sich an, als würde mich etwas bis ins Innerste durchdringen. Ich bedeckte mein Gesicht und begann zu weinen", erinnert er sich. Am Abend lässt er ihm eine Nachricht per Messenger zukommen. "Gute Nacht, Heiliger Vater. Wir beten für dich. (...) Du kannst auf uns zählen."

Die Antwort kommt noch in derselben Nacht. "Danke! Eine Umarmung!" Für Lovera sagt gerade diese kurze Nachricht viel über den Menschen aus, den nun die ganze Welt kennt. Seit der Papstwahl, erzählt er weiter, haben sie sich zweimal persönlich treffen können. Das erste Mal im Juli 2025 gemeinsam mit Loveras Familie. Das zweite Mal dann im Herbst desselben Jahres, als er nach Rom reiste um sein Buch – "De Roberto a León" ("Von Roberto zu Leo") – vorzustellen. "Normalerweise kommunizieren wir über Messenger-Nachrichten. Wenn sich ein Thema ergibt, das mehr Zeit oder Aufmerksamkeit erfordert, telefonieren wir", erzählt er weiter. "Wir bemühen uns, diese Beziehung mit Natürlichkeit und Diskretion zu leben und möchten für ihn weiterhin eine nahe und zugleich respektvolle Präsenz sein – im Bewusstsein der enormen Verantwortung, die er nun trägt."

Klare Antworten

Doch wenn Lovera gefragt wird, welche Eigenschaft die Öffentlichkeit an Leo XIV. noch entdecken müsse, muss er nicht lange überlegen: "Vielleicht seinen Sinn für Humor. Roberto ist ein geistreicher Mensch, der Gespräche genießt und es versteht, angespannte Situationen mit einem Scherz aufzulockern. Nach und nach, glaube ich, entdecken die Menschen auch diese Seite seiner Persönlichkeit."

Und dann beschreibt er noch eine Eigenschaft, die vielleicht mehr über den neuen Papst verrät als jeder Vortrag oder jede Predigt. "Seine Gelassenheit und seine Fähigkeit zuzuhören dürfen nicht mit mangelnder Entschlossenheit verwechselt werden. Er versteht es, den Dialog zu suchen, abzuwarten und zunächst zu versuchen, die Dinge zu verstehen, bevor er handelt", sagt Lovera. "Wenn die Umstände es jedoch erfordern, trifft er Entscheidungen und gibt klare Antworten. Seine Fähigkeit zuzuhören entspringt nicht einer Unsicherheit, sondern der Stärke eines Menschen, der die Dinge gründlich verstehen möchte, bevor er entscheidet."

Mario Trifunovic