Der polnische Kardinal und ehemalige Papstsekretär Stanislaw Dziwisz hat in einem Zivilprozess um Schmerzensgeld für ein Missbrauchsopfer eigene Versäumnisse bestritten. Dziwisz musste am Montag vor dem Bezirksgericht im südpolnischen Krakau aussagen. Das Gericht verhandelt seit Juni über eine Klage, mit der ein ehemaliger Ministrant wegen jahrelangen sexuellen Kindesmissbrauchs durch einen Priester umgerechnet 4,6 Millionen Euro vom Erzbistum Krakau fordert.
Der 87-jährige Kardinal erklärte laut polnischen Medien, er habe nicht davon erfahren, dass sich der Priester von 1984 bis 1989 an einem damaligen Messdiener vergangen habe. Er sei seinerzeit 27 Jahre lang als Sekretär von Papst Johannes Paul II. (1978-2005) im Vatikan und nicht für das Erzbistum Krakau zuständig gewesen.
Als er von 2006 bis 2016 in der Erzdiözese Ortsbischof war, habe er zwar einen "unangenehmen" Brief erhalten, in dem es um den Priester und andere Geistliche gegangen sei. Dziwisz sagte aber, er könne sich nicht daran erinnern, dass in den Dokumenten der Name des jetzigen Klägers gestanden habe.
Zweimal nicht vor Gericht erschienen
Für Aufsehen hatte in Polen gesorgt, dass der prominente Kardinal in dem Prozess zuvor zweimal einer gerichtlichen Ladung als Zeuge nicht gefolgt war. Sein Anwalt hatte Dziwisz' Nichterscheinen unter anderem mit dessen Alter und einem langen Aufenthalt in Rom im Juli begründet.
Der Kläger Janusz Szymik (54) kämpft seit Jahren öffentlich für Schmerzensgeld und schilderte seinen Fall mehrfach unter vollem Namen in den Medien. Im Januar 2025 gewann er einen Zivilprozess gegen das Bistum Bielsko-Zywiec. Ein Gericht verurteilte das Bistum zur Zahlung von umgerechnet 93.000 Euro Schmerzensgeld. Der Tatort liegt in der Kirchenprovinz Krakau und gehört seit 1992 zum Bistum Bielsko-Zywiec.
Szymik kritisierte Dziwisz' Zeugenaussage scharf. Der Kardinal sei ein "widerlicher Lügner", sagte er dem Portal Onet. "Er verbirgt eine Menge dunkler Geheimnisse, und genau deshalb will er nicht die Wahrheit sagen." (KNA)