Viele Schülerinnen und Schüler wissen heute deutlich weniger über Christentum und Kirche als noch vor einigen Jahren. Zugleich wächst die weltanschauliche Vielfalt in den Klassenzimmern. Im Interview mit katholisch.de spricht Marcus Hoffmann, Vorsitzender des Bundesverbandes der katholischen Religionslehrer und -lehrerinnen an Gymnasien, mit Blick auf das neue Schuljahr, das in diesen Wochen beginnt, über die Zukunft des Religionsunterrichts, verbreitete Vorurteile und die Fragen, die Jugendliche heute bewegen.
Frage: Herr Hoffmann, das neue Schuljahr steht vor der Tür. In welcher Verfassung befindet sich der Religionsunterricht derzeit?
Hoffmann: Ich würde sagen: in einer durchwachsenen Verfassung. Es gibt nach wie vor viele Schülerinnen und Schüler, die den Religionsunterricht gerne besuchen und ihn als Bereicherung erleben. Studien zeigen zudem, dass viele Menschen ihren eigenen Religionsunterricht rückblickend als relevant und gewinnbringend wahrgenommen haben – insbesondere dann, wenn er Raum für offene Diskussionen und lebensnahe Themen bot. Gleichzeitig steht das Fach wie kaum ein anderes unter Legitimationsdruck. Immer wieder wird behauptet, Religionsunterricht sei nicht mehr zeitgemäß, indoktrinierend oder ein verlängerter Arm kirchlicher Missionsbemühungen. Für uns Lehrkräfte ist das oft frustrierend, weil diese Vorwürfe häufig auf veralteten Vorstellungen beruhen. Der Religionsunterricht von heute hat mit der Katechese früherer Jahrzehnte wenig zu tun. Trotzdem kämpfen wir noch immer gegen dieses Image an.
Frage: Viele Lehrkräfte berichten von sinkendem religiösem Vorwissen. Was wissen Schülerinnen und Schüler heute noch über Christentum, Kirche und Glauben?
Hoffmann: Man kann durchaus feststellen, dass das Wissen über religiöse Inhalte zurückgeht. Viele Jugendliche können etwa die Bedeutung kirchlicher Feste oder grundlegende Zusammenhänge des christlichen Glaubens nicht mehr erklären. Die größere Herausforderung liegt aber nicht in der Erarbeitung eines solchen Sachwissens, sondern bei der Relevanzfrage. Schülerinnen und Schüler fragen: Warum ist das wichtig? Warum soll ich mich für Jesus interessieren? Was habe ich davon, mich zu einer Institution zu bekennen, die mir großteils fremd und widersprüchlich erscheint? Hier zeigt sich die Realität einer säkularisierten Gesellschaft, in der Religion für viele Menschen nicht mehr selbstverständlich zum Alltag gehört, in der es viele andere Sinnangebote gibt und die auch durch einen Vertrauensverlust in die Kirchen gekennzeichnet ist.
Frage: Welche Rolle spielt dabei das Elternhaus?
Hoffmann: Eine sehr große. Wenn Eltern selbst wenig Bezug zu Religion haben oder keine religiösen Erfahrungen mit ihren Kindern teilen, fehlen oft wichtige Anknüpfungspunkte. Dann werden Kirche, Glaube oder erst recht die Liturgie schnell zu etwas Fremdem. Dabei lebt das Christentum aber wesentlich von solchen Erfahrungen und von Gemeinschaft. Wenn Kinder all dies nicht kennenlernen, etwa auch in Jugendgruppen, fehlt ihnen eine wichtige Grundlage, um religiöse Inhalte mit Erfahrungen zu verbinden. Das können wir nicht im Religionsunterricht herstellen. Er ist in erster Linie der Ort, um Religion und Glaube zu reflektieren, nicht um Religion zu erfahren.
Formulierungen wie "unsere Kirche" oder "meine Gemeinde" treffen längst nicht mehr auf alle Schülerinnen und Schüler zu, weil viele von ihnen keine christliche Sozialisation mehr erlebt haben.
— Marcus Hoffmann
Frage: Wie verändert das abnehmende oder ganz fehlende Vorwissen über Religion die Arbeit der Lehrkräfte?
Hoffmann: Mehr Sachwissen muss zunächst einmal erarbeitet werden. Vor allem fehlt jedoch das erwähnte erfahrungsbezogene Wissen. Deshalb wird es wichtiger, gelebte Religion sichtbar zu machen und darüber mit den Lernenden ins Gespräch zu kommen. Schülerinnen und Schüler sollen abwägen und beurteilen können, was Glaube für Menschen konkret bedeutet. Genau darin liegt übrigens auch der eigentliche Sinn eines konfessionellen Religionsunterrichts: nicht in Missionierung, sondern darin, Religion aus der Perspektive derjenigen kennenzulernen, die sie leben.
Frage: Die Schülerschaft in Deutschland ist in den vergangenen Jahren vor allem durch Zuwanderung weltanschaulich vielfältiger geworden. Wie verändert das den Unterricht?
Hoffmann: Zunächst erfordert es vor allem eine Haltung der Anerkennung dieser Vielfalt. Jenseits dessen kann nicht mehr voraussetzen, dass Schülerinnen und Schüler mit christlichen Begriffen oder Traditionen vertraut sind. Außerdem müssen Unterrichtsmaterialien und Unterrichtssprache sensibler werden. Formulierungen wie "unsere Kirche" oder "meine Gemeinde" treffen längst nicht mehr auf alle Schülerinnen und Schüler zu, weil viele von ihnen keine christliche Sozialisation mehr erlebt haben. Gleichzeitig gewinnen interreligiöse und weltanschauliche Perspektiven an Bedeutung. Wir fragen stärker danach, wie Muslime, Juden oder auch Religionskritiker bestimmte Themen sehen. Das erweitert den Horizont, ist wichtig für die ehrliche Urteilsbildung und entspricht der Realität unserer Gesellschaft.
Frage: Wie groß ist das Interesse der Schülerinnen und Schüler am Religionsunterricht? Begegnen sie dem Fach eher mit Interesse, mit Gleichgültigkeit oder mit Skepsis?
Hoffmann: Am häufigsten begegnen mir Interesse und Indifferenz. Wirkliche Ablehnung ist eher selten, weil viele skeptische Schülerinnen und Schüler inzwischen alternative Fächer zum Religionsunterricht wie etwa Philosophie wählen. Das Interesse hängt aber auch sehr stark von den jeweiligen Themen ab. Neugier erlebe ich vor allem dort, wo es um die persönliche Glücks- und Sinnsuche geht. Gerade Jugendliche ohne religiöse Sozialisation fragen in diesem Kontext auch ganz offen nach der Bedeutung christlicher Glaubensinhalte oder biblischer Aussagen. Insbesondere bei kirchlichen Themen fehlt vielen jedoch die persönliche Relevanz. Dann besteht die Herausforderung darin zu zeigen, warum die Auseinandersetzung damit spannend sein kann.
Marcus Hoffmann ist Vorsitzender des Bundesverbandes der katholischen Religionslehrer und -lehrerinnen an Gymnasien.
Frage: Welche Themen bewegen Schülerinnen und Schüler im Religionsunterricht denn besonders?
Hoffmann: Grundsätzlich kommen Themen gut an, die einen erkennbaren Bezug zur Lebenswelt haben und Raum für Diskussion bieten. Jugendliche nehmen wahr, dass wir in einer Zeit großer Krisen und Umbrüche leben. Fragen nach Frieden, Gerechtigkeit, Zukunft oder gesellschaftlichem Zusammenhalt stoßen deshalb auf Interesse. Allerdings gibt es auch eine gewisse Übersättigung. Wenn beispielsweise die Klimakrise bereits in mehreren Fächern behandelt wurde, fragen Schülerinnen und Schüler manchmal: Warum reden wir jetzt auch noch im Religionsunterricht darüber? Daneben gibt es weiterhin klassische religiöse Fragen. Entscheidend ist, einen guten Mix zu finden: zwischen lebensweltlichen Fragen und den Perspektiven, die die christliche Tradition dazu anbietet.
Frage: Kritiker wie zuletzt etwa der Augsburger Bildungsforscher Klaus Zierer bemängeln, dass der Religionsunterricht zu wenig Glaubenswissen vermittle. Was antworten Sie?
Hoffmann: Natürlich braucht Religionsunterricht Grundlagenwissen über den eigenen Glauben. Ohne dieses Wissen können Schülerinnen und Schüler religiöse Fragen gar nicht angemessen beurteilen. Aber dieses Wissen darf nicht losgelöst von den Fragen vermittelt werden, die junge Menschen tatsächlich beschäftigen. Wenn man ausschließlich Fakten über die Bibel oder die Kirchengeschichte vermittelt, entsteht nicht automatisch Interesse an religiösen Fragen. Gute Religionsdidaktik versucht deshalb, beides miteinander zu verbinden. Manchmal braucht es zudem auch den Umweg über das "Unbekannte", also etwa die Gedanken anderer Religionen, um sich des eigenen Standpunkts bewusst zu werden. In dieser Hinsicht würde ich die Aussage Herrn Zierers ebenfalls einschränken wollen.
Frage: Häufig wird auch argumentiert, dass eine zunehmend säkulare Gesellschaft überhaupt keinen Religionsunterricht mehr brauche. Teilen Sie diese Meinung?
Hoffmann: Nein, denn Religionsunterricht bleibt unverzichtbar, weil er sich mit grundlegenden Fragen des Menschseins beschäftigt. Es geht um Sinn, Hoffnung, Werte, Religion und Weltanschauungen. Außerdem kann Religionsunterricht einen wichtigen Beitrag zur Prävention von Fundamentalismus leisten. Wer versteht, wie Religion funktioniert und wie sie unterschiedlich interpretiert wird, ist weniger anfällig für vereinfachende oder extremistische Deutungen. Über die konkrete Organisationsform des Unterrichts kann man sicher diskutieren. Aber dass es einen Raum geben muss, in dem solche Fragen behandelt werden, halte ich für unverzichtbar. Skeptisch sehe ich die Forderung nach einem angeblich wertneutralen Fach als Ersatz. Vollständige Neutralität gibt es im Unterricht nicht. Jede Lehrkraft, jedes Material und jede Perspektive bringt bestimmte Voraussetzungen mit. Entscheidend ist deshalb nicht Neutralität, sondern Transparenz und Offenheit.
Wenn Schulen zwischen einer Lehrkraft für Mathematik oder Deutsch und einer Lehrkraft für Religion wählen müssen, werden häufig die Hauptfächer bevorzugt.
— Marcus Hoffmann
Frage: Viele Schulen haben mit einem zunehmenden Lehrkräftemangel in einzelnen Unterrichtsfächern zu kämpfen. Gilt das auch für den Religionsunterricht?
Hoffmann: Einen gewissen Mangel gibt es durchaus, allerdings regional sehr unterschiedlich. In Universitätsstädten ist die Situation oft besser als in ländlichen Regionen. Das größere Problem ist aus meiner Sicht die Schulorganisation. Wenn Schulen zwischen einer Lehrkraft für Mathematik oder Deutsch und einer Lehrkraft für Religion wählen müssen, werden häufig die Hauptfächer bevorzugt. Das wirkt sich oft stärker auf den Religionsunterricht aus als der eigentliche Lehrkräftemangel.
Frage: In mehreren Bundesländern werden inzwischen neue Formen des Religionsunterrichts erprobt, etwa in Niedersachsen, wo zum neuen Schuljahr das gemeinsame Fach "Christliche Religion" eingeführt wird. Wie sehen Sie die Zukunft des Faches?
Hoffmann: Wir werden regional unterschiedliche Lösungen brauchen. In manchen Gegenden lassen sich klassische konfessionelle Lerngruppen langfristig kaum noch aufrechterhalten. Dort werden kooperative oder gemeinsame christliche Modelle an Bedeutung gewinnen. In anderen Regionen wird ein konfessioneller Religionsunterricht dagegen weiterhin gut funktionieren. Entscheidend ist weniger die Organisationsform als die Qualität des Unterrichts.
Frage: Wie sollte guter Religionsunterricht in zehn Jahren aussehen?
Hoffmann: Er sollte deutlich machen, welche Beiträge der christliche Glaube für unser gesellschaftliches Zusammenleben leisten kann. Dazu gehören Fragen nach Werten, Hoffnung und Verantwortung ebenso wie die Förderung eines demokratischen Miteinanders. Zugleich wird die Bedeutung von Fundamentalismusprävention weiterwachsen, dieser wächst auch im Christentum wieder. Außerdem muss Religionsunterricht offen sein für den Dialog zwischen unterschiedlichen Religionen und Weltanschauungen. Die größte Herausforderung bleibt allerdings der Spagat, den das Fach seit Jahren bewältigen muss: Die einen kritisieren, dass Religionsunterricht angeblich nicht mehr genug Glaubenswissen vermittle. Die anderen halten das Fach grundsätzlich für überflüssig. Beide Seiten haben sich oft nur wenig damit beschäftigt, was moderner Religionsunterricht heute tatsächlich leisten will. Diese Fehlvorstellungen zu korrigieren und zu zeigen, dass der Religionsunterricht einerseits sehr wohl Sach- und Urteilskompetenzen vermittelt, dies jedoch weder losgelöst von den Sinn- und Identitätsfragen der Jugendlichen noch in Form einer Katechese tun kann oder will, erscheint mir eine zentrale Aufgabe für die Zukunft.