In Armenien hat am Freitag ein Strafprozess gegen den mächtigsten Geistlichen des Südkaukasus-Landes begonnen. Vor dem staatlichen Bezirksgericht in der Stadt Wagharschapat muss sich das Oberhaupt der armenisch-apostolischen Kirche verantworten, Karekin II. Neben dem 74-Jährigen sind sechs Bischöfe der Kirche angeklagt, gegen eine Gerichtsanordnung verstoßen zu haben, die die Wiedereinsetzung eines von der Kirche geschassten Bischofs verlangt.
Viele Dutzend Anhänger begrüßten den Kirchenführer mit viel Applaus vor dem Gerichtsgebäude, als er am Nachmittag zur Verhandlung ging. Ein armenischer Nachrichtensender übertrug seine Ankunft live. Das Gericht liegt nur etwa einen Kilometer von der Residenz des Katholikos entfernt. Den Angeklagten drohen Geldstrafen oder bis zu zwei Jahre Haft. Richter Hakob Manukjan schloss noch Prozessbeginn die Öffentlichkeit von der Verhandlung aus.
Die Staatsanwaltschaft wirft Karekin II. und den sechs Bischöfen vor, die Amtsenthebung des Bischofs von Masjatsotn, Geworg Sarojan, nicht rückgängig gemacht zu haben. Alle Angeklagten gehören dem obersten Leitungsgremium der Kirche an. Das Gremium hatte Sarojan im Januar abgesetzt, nachdem er den Rücktritt des Katholikos gefordert hatte. Gegen seine Abberufung zog Sarojan vor Gericht und bekam nur eine Woche später vorläufig Recht.
Einsetzung durch Justiz
Die Justiz ordnete damals bis zu einer endgültigen Gerichtsentscheidung die Wiedereinsetzung des Bischofs an. Doch das Kirchenoberhaupt und die sechs Bischöfe folgten dem Richterspruch nicht, sondern entzogen Sarojan wegen Ungehorsams sogar die Priesterwürde. Die Kirche argumentiert, staatliche Gerichte dürften sich nicht in interne Kirchenangelegenheiten einmischen. Auch der Bischof der deutschen Diözese, Serovpe Isakhanyan, sieht in dem Strafverfahren einen Verstoß gegen die in der Verfassung verankerte Trennung von Staat und Kirche.
Die aktuelle Situation beeinträchtige "die normale Tätigkeit unserer Kirche", betonte er am Donnerstagabend in einer gemeinsamen Erklärung mit zwei weiteren Bischöfen seiner Kirche aus Syrien und dem Irak. Darin beklagen sie "Spannungen und gegenseitiges Misstrauen" zwischen Staat und Kirche in Armenien. "Wir sind überzeugt, dass derartige komplexe und sensible Fragen nicht durch rechtlichen Druck, strafrechtliche Verfolgung, scharfe Konfrontation oder Einmischung in das innere Leben der Kirche zu einer gerechten und dauerhaften Lösung geführt werden können", so die drei Bischöfe. "Vielmehr besteht die Gefahr, dass solche Entwicklungen gesellschaftliche Spannungen weiter verschärfen, bestehende Spaltungen vertiefen und das Vertrauen in die demokratischen und rechtsstaatlichen Institutionen des Landes beeinträchtigen."
In der Armenien bekämpfen sich der pro-westliche Regierungschef Nikol Paschinjan und das russlandfreundliche Kirchenoberhaupt heftig. Beide verlangten den Rücktritt des jeweils anderen. Die armenisch-apostolische Kirche hat in dem Land traditionell viel Einfluss. 90 Prozent der Bevölkerung Armeniens bekannten sich 2022 in einer Volkszählung zu ihr. Karekin II. steht seit 1999 an der Spitze der Kirche. Er studierte in Armenien, Wien, Bonn und Russland Theologie. (KNA)