Vier Theologen weisen darauf hin, dass die laut gewordene Kritik am geplanten Christlichen Religionsunterricht in Niedersachsen keine religionspädagogischen Sachanliegen als Motiv habe. "Vielmehr scheint die Themenbearbeitung an ein Agenda-Setting der politischen Rechten angelehnt, wenn zum Beispiel der Islam auf 'Scharia' zugespitzt wird", schreiben Ariane Dihle, Dominik Gautier, Jan-Hendrik Herbst und Andreas Kubik in einem Beitrag für das Portal "Feinschwarz" am Mittwoch. Die Kritik an dem neuen Modell hatte sich daran entzündet, dass es zu wenig um Jesus und zu viel um etwa Klimaschutz und den Islam gehe. Die "Bild" hatte getitelt: "Grünen-Ministerin will Unterricht verändern: Weniger Jesus, dafür mehr Scharia und Klima in Religion". Medien der politischen Rechten hätten den Artikel "weiterverbreitet und zugespitzt".
In Niedersachen wird zum neuen Schuljahr das Unterrichtsfach Christliche Religion eingeführt, das nach und nach den evangelischen und katholischen Religionsunterricht ersetzt. Das Fach wird von den beiden Kirchen gemeinsam verantwortet. Es ist in dieser Form eine Premiere.
Vermeintliche Verdrängung des Christentums
Die aktuelle Kritik richtet sich nun, so die vier Autorinnen und Autoren, gegen eine vermeintliche Verdrängung des Christentums. "Der Vorgang ist ungewöhnlich, da öffentliche Kritik am Religionsunterricht sonst meist eher seine Abschaffung zugunsten 'gemeinsamer', nicht-konfessioneller religionsbezogener oder ethischer Bildung fordert." Religiöse Bildung werde anhand von Triggerpunkten wie Migration, Gender, sexuelle Vielfalt, Islam und Klimapolitik zum Gegenstadt sozialer Polarisierung gemacht. Einzelaspekte "werden aus ihrem Gesamtkontext gelöst und mit politisch aufgeladenen Debatten verknüpft". Dabei werde suggeriert, Fragen etwa nach Klima und Gender stünden außerhalb des Christentums.
"Im Gegensatz zu dieser Suggestion stellt sich jedoch inzwischen immer klarer heraus, dass ökologisches Engagement und der Einsatz für marginalisierte Minderheiten längst zum Selbstverständnis zahlreicher christlicher Gruppierungen und Menschen gehören", stellt das Autorenteam fest. "Und umgekehrt: Wenn beklagt wird, Jesus komme zu wenig vor, müsste dann nicht vor allem eine intensivere Auseinandersetzung mit seiner Botschaft vom Reich Gottes, seiner Ethik sowie der Bedeutung seiner Kreuzigung und Auferstehung eingefordert werden?" Stattdessen aber würden Themen wie Islam, Nachhaltigkeit oder sexuelle Vielfalt skandalisiert. "Angesichts der langen Geschichte und Gegenwart der Instrumentalisierung Jesu für rechte Politik, drängt sich daher dieser Verdacht auf: Möglicherweise geht es hier gar nicht um eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der herausfordernden Person Jesu und seiner Botschaft." Vielmehr scheine die Klage über "zu wenig Jesus" als Chiffre zu dienen, "um Gruppen abzuwerten, die ohnehin kaum gesellschaftliche Macht besitzen – etwa ökologisch Engagierte, queere Menschen oder Muslim:innen."
Da es nicht um eine vertiefte Reflexion des christlichen Glaubens gehe, werde ein theologischer Dialog darüber kaum möglich sein, konstatieren die Autorinnen und Autoren. "Die dafür aufgewendete Energie wäre an anderer Stelle weit besser investiert: in eine differenzierte Auseinandersetzung mit Person und Ethik Jesu und seiner Bedeutung für uns heute." (cph)