Der Fußballexperte Michael Ballack hat Fehler in der Talentausbildung für das schlechte Abschneiden der Deutschen bei Fußball-WM verantwortlich gemacht. "Das Problem ist, dass alles zu sehr systematisiert wurde." Zwar kann sein Pauschalurteil nicht mehr als ein Indikator sein. Aber es ist ein Indikator für Fehler, die nicht nur die Ausbildung der Fußballer, sondern möglicherweise unsere schulische Bildung insgesamt betreffen.
Auch im Schuljahr 2026/27 werden PISA und weitere Evaluationen das Ungenügen der schulischen Praxis dokumentieren. Evidenzbasierte pädagogische Forschung lebt davon. Systematisierung und Standardisierung sind das Geschäft, mit dem sie Forschungsgelder abgreift und das steuernde Eingreifen der Bildungspolitik legitimiert.
In den Erläuterungen zu den KMK-Bildungsstandards aus dem Jahr 2004 wird demgegenüber auf Selbstverständlichkeiten hingewiesen, die es immer wieder in Erinnerung zu rufen lohnt. Dort heißt es: "Schulqualität ist aber selbstverständlich mehr als das Messen von Schülerleistungen anhand von Standards. Der Auftrag der schulischen Bildung geht weit über die funktionalen Ansprüche von Bildungsstandards hinaus. Er zielt auf Persönlichkeitsentwicklung und Weltorientierung, die sich aus der Begegnung mit zentralen Gegenständen unserer Kultur ergeben. Schülerinnen und Schüler sollen zu mündigen Bürgerinnen und Bürgern erzogen werden, die verantwortungsvoll, selbstkritisch und konstruktiv ihr berufliches und privates Leben gestalten und am politischen und gesellschaftlichen Leben teilnehmen können."
Standardisierung als absoluter Wert ist Ausdruck mangelnden Vertrauens in die Kompetenz derjenigen, die vor Ort pädagogisch Verantwortung tragen. Schüler und Schülerinnen benötigen Freiraum, um Verantwortung für ihre eigene Bildung übernehmen zu können. Lehrer und Lehrerinnen benötigen ihn, weil ihr Urteil pädagogisch unverzichtbar ist. Nur sie wissen, wie Schülerinnen und Schüler sich zu Personen mit eigener Stimme entwickeln.
Das Messen von Standardabweichungen generiert weder demokratisches Verhalten noch international vorzeigbare Leistungen, das Fördern der persönlichen Entwicklung schon.
Der Autor
Michael Böhnke ist emeritierter Professor für systematische Theologie an der Bergischen Universität Wuppertal. Außerdem ist er Ethik-Beauftragter des Deutschen Leichtathletikverbands.
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Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.