Manchmal habe ich das Gefühl, Petrus ist ein ziemlich launischer Typ. Wahrscheinlich ist er einer der Heiligen, mit denen ich am meisten spreche und auch am meisten hadere. Wie beispielsweise vor wenigen Wochen: Da war ich bei einer Open-Air Veranstaltung, bei den Bregenzer Festspielen. 7.000 Menschen sitzen dort im Freien und lauschen einer Oper, in diesem Fall war es "la traviata". Die handelt von einer wahren Geschichte einer Frau, die fällt. Der heilige Petrus ist ja traditionellerweise für das Wetter zuständig. Als ich also im Bus auf dem Weg zu den Festspielen war, bat ich den ihn in einem kurzen Stoßgebet, ein gutes Wort für mich einzulegen. Und dann war er scheinbar wieder launisch. Denn wenige Momente später begann es zu regnen und zu stürmen. Bis ich an der Oper ankam, schüttete es in Strömen. "Ernsthaft, Petrus?", fragte ich ihn launisch in Gedanken.
Dass Petrus im Volksglauben gerne für das Wetter angerufen wird, hat im weitesten Sinne mit dem heutigen Sonntagsevangelium zu tun. Jesus überträgt ihm "die Schlüssel des Himmelreiches", wenn das auch im biblischen Sinne weniger mit dem Wetter zu tun hat. Es geht in dieser Bibelstelle um die Frage, wer Jesus für die ist, die ihm nahestehen. Auf das Bekenntnis von Petrus "Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes" hin, überträgt ihm Jesus eine im wahrsten Sinne des Wortes tragende Rolle. Auf ihn möchte er seine Kirche bauen. "Auf diesem launischen Typen?", könnte man durchaus fragen. Und das nicht, weil er nicht immer für das Wetter sorgt, das ich mir wünsche. Sondern weil er in der Bibel immer wieder Fehler macht, am Ende sogar leugnet, Jesus zu kennen und obwohl er scheinbar verstanden hat, wer dieser Gott ist, immer wieder scheitert. Mir macht das Mut. Wenn dieser Gott seine Kirche nicht auf einem perfekten, toten Stein, sondern auf Menschen baut, die Fehler machen. Das heißt doch dann auch, dass er mit mir etwas bauen und seine Geschichte mit Menschen wie mir schreibt, auch wenn ich Fehler mache oder scheitere.
Ob man nun etwas auf den Volksglauben der diversen Zuständigkeiten von Heiligen gibt, oder nicht: Ich verzeihe Petrus, dass er auch mal launisch ist. Wenn es nicht das Wetter gibt, das ich mir wünsche, lächle ich und denke mit einem Augenzwinkern an Petrus: "Er ist halt auch nur ein Mensch." Und auf Menschen möchte Gott bauen, nicht auf Perfektion. Übrigens: Diese Menschen können überraschen. Pünktlich zur Vorstellung der Bregenzer Festspiele hörte der Regen an diesem Tag auf und ich konnte Verdis beeindruckende "la traviata" bei schönem Wetter bewundern – auch eine Erzählung von Menschen, mit denen Gott Geschichte schreibt.
Evangelium nach Matthäus (Mt 16,13–20)
In jener Zeit, als Jesus in das Gebiet von Cäsaréa Philíppi kam, fragte er seine Jünger und sprach: Für wen halten die Menschen den Menschensohn?
Sie sagten: Die einen für Johannes den Täufer, andere für Elíja, wieder andere für Jeremía oder sonst einen Propheten. Da sagte er zu ihnen: Ihr aber, für wen haltet ihr mich?
Simon Petrus antwortete und sprach: Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!
Jesus antwortete und sagte zu ihm: Selig bist du, Simon Barjóna; denn nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel. Ich aber sage dir: Du bist Petrus – der Fels – und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Pforten der Unterwelt werden sie nicht überwältigen.
Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird im Himmel gelöst sein.
Dann befahl er den Jüngern, niemandem zu sagen, dass er der Christus sei.
Die Autorin
Luisa Maurer arbeitet als Pastoralreferentin im Bistum Trier und ist Rundfunkbeauftragte des Bistums für den Saarländischen Rundfunk und das Deutschlandradio.
Ausgelegt!
Als Vorbereitung auf die Sonntagsmesse oder als anschließender Impuls: Unser Format "Ausgelegt!" versorgt Sie mit dem jeweiligen Evangelium und Denkanstößen von ausgewählten Theologen.
Zur Übersicht