"Man darf nicht an seinem Amt kleben"

Keine Resignation: Bischof Wiesemann und sein Amtsverzicht

Bischof Karl-Heinz Wiesemann spricht auf der Pressekonferenz zu seinem Rücktritt als Bischof von Speyer
Bild: KNA/Norbert Demuth

Das kirchengeschichtlich bedeutsame Bistum Speyer sucht einen neuen Bischof. Aber am Donnerstag erläuterte zunächst der am Mittwoch mit sofortiger Wirkung zurückgetretene Bischof Karl-Heinz Wiesemann seine Beweggründe näher. In der einstündigen Pressekonferenz vor rund einem Dutzend Medienvertretern im Bischöflichen Ordinariat in Speyer wirkte Wiesemann in manchen Momenten regelrecht befreit.

Sein Schritt sei "nicht aus Verdruss an der Kirche" erfolgt und auch nicht aus einer resignativen Haltung heraus, betonte Wiesemann. In den 18 Jahren seiner Amtszeit habe sich "die katholische Kirche massiv geöffnet". Er wies damit Spekulationen zurück, dass sein Amtsverzicht auch mit einer Enttäuschung über mangelnde innerkirchliche Reformschritte zu tun haben könnte.

"Leistungskraft nicht mehr wie früher"

Vielmehr habe er gemerkt, dass er das Bischofsamt mit den Kräften, die er heute habe, "nicht mehr stemmen" könne. Nach seiner 2021 genommenen monatelangen Auszeit sei "dieselbe Leistungskraft von vorher nicht mehr da gewesen". In einem am Mittwoch veröffentlichten Brief an die Katholiken im Bistum Speyer hatte Wiesemann ganz offen geschrieben: Unmittelbarer Auslöser für den Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik vor fünf Jahren wegen einer "depressiven Störung" sei die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle im Bistum Speyer gewesen, die ihn tief erschüttert hätten.

Zugleich habe er nun registriert, dass die Herausforderungen bei der Strukturreform der Pfarreien in der Diözese "deutlich das übersteigen werden, was wir bisher hatten". Hinzu komme, dass das Bistum 2027 in eine dreijährige Vorbereitung des 1.000-Jahr-Jubiläums der Grundsteinlegung des Speyerer Doms eintrete, die 2030 gefeiert wird. Der Speyerer Dom mit seiner herausragenden geistlichen und historisch-politischen Bedeutung habe es verdient, dass ein neuer Bischof "mit entsprechender Kraft und Leidenschaft" präsent sei. Wiesemann betonte zudem: "Man darf nicht an seinem Amt kleben."

Normalerweise reichen katholische Bischöfe erst mit 75 Jahren ihren Rücktritt beim Papst ein. Er habe erlebt, dass manche Bischöfe in der Vergangenheit versucht hätten, ihre letzten Bischofsjahre mehr oder weniger zu "überstehen".

"Seelisch schwerwiegende Spuren"

Der 66-jährige Wiesemann hatte den Papst aus gesundheitlichen Gründen um seine Entpflichtung vom Amt des Bischofs gebeten, wie das Bistum Speyer am Mittwoch mitteilte. Den Antrag reichte Wiesemann nach eigenen Worten bereits vor Monaten – nach Ostern – ein. Papst Leo XIV. nahm das Rücktrittsgesuch Wiesemanns am Mittwoch an.

Bischof Karl-Heinz Wiesemann blickt aus einem Fenster
Bild: © Julia Steinbrecht/KNA

Nach seiner 2021 genommenen monatelangen Auszeit sei "dieselbe Leistungskraft von vorher nicht mehr da gewesen".

Wiesemann schrieb in dem Brief an die Katholiken in seinem Bistum: "Ich bin mit ganzem Herzen und großer innerer Freude mit Ihnen Christ und für Sie Bischof gewesen. Dennoch hat die Last der umfänglichen Verantwortung in mir körperlich, wie vor allem seelisch schwerwiegende Spuren hinterlassen."

Der scheidende Bistumsleiter gestand jetzt auch ein, dass die vielfältigen organisatorischen Managementaufgaben eines heutigen Bischofs für ihn als leidenschaftlichen Seelsorger und "musischen Typ" nicht unbedingt seine Welt waren.

Domkapitel wählt Diözesanadministrator

Wie geht es nun weiter im Bistum Speyer, wo mit der Annahme des Amtsverzichts von Bischof Wiesemann der bischöfliche Stuhl unbesetzt ist – und somit die Sedisvakanz eingetreten? Innerhalb einer Woche müssen die Mitglieder des Speyerer Domkapitels einen Diözesanadministrator wählen, der bis zur Ernennung eines neuen Bischofs die Amtsgeschäfte mit eingeschränkten Kompetenzen weiterführen wird. Einen Weihbischof, der sonst in solchen Fällen oft vorübergehend zum Diözesanadministrator gewählt wird, gibt es derzeit allerdings im Bistum Speyer nicht.

"Nicht zu lange" bischofslose Zeit erhofft

Bis zur Wahl eines neuen Bischofs wird es dann erfahrungsgemäß wesentlich länger dauern – in der Vergangenheit war das in manchen vakanten Bistümern teilweise ein ganzes Jahr oder länger. Laut Bistum Speyer wird zunächst das Domkapitel eine Dreierliste mit geeigneten Kandidaten erstellen. Diese Liste wird über den päpstlichen Nuntius an den Vatikan übermittelt. Der Papst kann dann "daraus wählen oder auch einen Kandidaten aus anderen bayerischen Kandidatenlisten bestimmen".

Die Besonderheit: Das Bistum Speyer gehört zur übergeordneten Kirchenprovinz Bamberg, ebenso wie die Bistümer Eichstätt und Würzburg. Für die Speyerer Bischofswahl gelten daher die besonderen Bedingungen des Bayerischen Konkordats von 1924. Wiesemann zeigte sich aber zuversichtlich, dass sich trotz allem dieser Prozess der Bischofswahl "nicht zu lange" hinziehen wird.

Norbert Demuth (KNA)