Straßenaltäre und Wandgemälde für Heilige sind in Italien so alltäglich wie die Bar an der Ecke. Doch während sich in den meisten Orten eine Vielzahl verehrungswürdiger Personen tummelt, hat sich ein Bergstädtchen ganz einer einzigen Frau verschrieben: der Muttergottes. Wer durch die verwinkelten Gassen von Genazzano streift, begegnet Maria an blumengeschmückten Hausfassaden, in kleinen Nischen und sogar auf dem Kopfsteinpflaster – und manchmal auch einem Papst.
Die Hingabe zur Muttergottes hat in dem verträumten Örtchen, in dem Einheimische wie Fremde mit einem freundlichen "Buongiorno" gegrüßt werden, eine lange Geschichte. Der Legende nach suchte Maria sich die Gemeinde einst selbst als Standort aus – in Form eines Gnadenbilds, das Zuflucht vor Kriegswirren in Albanien suchte. Das Gemälde von der "Mutter vom Guten Rat" soll auf wundersame Weise an der Wand einer unvollendeten Kirche erschienen sein. Engel, so die Überlieferung, hätten es nach Genazzano getragen. Das war im Jahr 1467.
Nicht das einzige Wunder
Das plötzliche Auftauchen der Ikone, die das Jesuskind in inniger Umarmung mit seiner Mutter zeigt, blieb nicht das einzige Wunder. Zahlreiche Pilger berichteten nach Gebeten vor dem Bild von plötzlichen Heilungen, Bekehrungen oder anderen außergewöhnlichen Ereignissen. Allein in den ersten sechs Monaten nach Erscheinen des Gemäldes sollen über 170 Wunder registriert worden sein.
Auch Papst Benedikt XVI. besuchte einst Genazzano.
Die ursprüngliche Kirche wurde nicht fertiggestellt. Stattdessen entstand für das Gnadenbild ein größeres Gotteshaus: das Heiligtum della Madre del Buon Consiglio, das bis heute vom Augustinerorden betreut wird. Die Ikone befindet sich geschützt hinter dicken schwarzen Gitterstäben, eingelassen in einen goldenen Altar im linken Kirchenschiff. Gemälde und Fotografien in Räumen der Basilika und dem eigenen Museum zeigen die vielen prominenten Gäste, die den kurvigen Weg auf sich genommen haben, um vor dem Gnadenbild zu beten. Die mittlerweile heilige Mutter Teresa war da, ebenso wie Don Bosco und der Ordensgründer der Steyler Missionare, Arnold Janssen.
Seit jeher kommen auch die Päpste aus dem rund 60 Kilometer entfernten Rom zu Besuch. Der deutsche Benedikt XVI. war da, Johannes Paul II. ebenfalls, und überraschend nur zwei Tage nach seiner Wahl, Leo XIV. Am 7. September will das aktuelle Kirchenoberhaupt wiederkommen und im Heiligtum eine Messe feiern.
Seine Verbundenheit gilt dabei nicht nur den dortigen Augustinern, jenem Orden, aus dem er selbst stammt. Die Marienikone begleitet den Papst schon sein ganzes Leben. Bereits seine Mutter verehrte sie. Zudem ist diese Muttergottes die Schutzpatronin der Augustinerprovinz von Leos XIV. Heimat Chicago und begleitet ihn bei seinen Auslandsreisen in Form eines Bildes in der Flugzeugkabine. Und nicht erst als Papst besuchte Leo XIV. das etwa 30 mal 40 Zentimeter kleine Gemälde persönlich, sondern schon in seiner Ordenszeit.
Leo XIV. spricht am 10. Mai 2025, zwei Tage nach seiner Wahl zum Papst, mit Menschen vor der Basilika Mutter vom Guten Rat im italienischen Genazzano.
Diese Hingabe teilt Leo XIV. mit einem Mann, in dessen Nachfolge er durch die Wahl seines Papstnamens getreten ist: Leo XIII., der von 1878 bis 1903 als Papst regierte. Der gebürtige Italiener war nicht nur ein wichtiger Förderer des Augustinerordens, sondern auch ein großer Verehrer der Madonna von Genazzano. Im nahe gelegenen Carpineto Romano geboren, kannte er die Muttergottes von Kindesbeinen an. Als er Papst wurde, verlieh Leo XIII. dem Heiligtum zahlreiche Privilegien. Er erklärte den 25. April zum Festtag der "Mutter vom Guten Rat" und ließ ihre Anrufung in die Lauretanische Litanei aufnehmen, die traditionell das Rosenkranzgebet abschließt.
Überraschungsbesuchvon Leo XIV.
Die Wallfahrtskirche erhob er zur römischen Basilika minor. Dieser Ehrentitel symbolisiert ihre Verbindung zum Papst. Der Wallfahrtsort selbst bezeichnet Leo XIII. als einen der Päpste, "die dem Heiligtum von Genazzano mit ihrer geistlichen und materiellen Großzügigkeit am meisten Gutes getan haben".
Daran knüpft Namensnachfolger Leo XIV. nun an und hat mit seinem Überraschungsbesuch kurz nach der Papstwahl merklich Eindruck in Genazzano hinterlassen. Mittlerweile schmückt nicht nur die Muttergottes die Winkel und Wände des beschaulichen Städtchens. Hin und wieder grüßt auch Leo XIV. von einem Bild. Bis der Papst der Muttergottes in Sachen Dauerpräsenz tatsächlich Konkurrenz machen kann, wird er Genazzano allerdings noch einige Male besuchen müssen.