Trotz deutlicher Kritik an Strukturen und Machtmissbrauch in der Kirche will der Münsteraner Theologe Thomas Schüller katholisch bleiben. "Wir können treue Söhne und Töchter der katholischen Kirche bleiben, ohne für Macht- oder Amtsmissbrauch blind zu sein", sagte der Professor für Kirchenrecht der Universität Münster dem Portal "Kirche+Leben".
Getragen werde er dabei von der spirituellen Seite des katholischen Glaubens, sagte Schüller. Dazu zählten für ihn Liturgie, Lobpreis und Gemeinschaft. Zugleich helfe ihm das Wissen um die historische Wandelbarkeit kirchlicher Strukturen. Vieles, was heute als unveränderlich gelte, sei historisch entstanden und damit relativierbar.
Kritik an Kirche und Amtsträgern
Schüller hat sich in der Vergangenheit wiederholt kritisch zu Strukturen und Amtsträgern der katholischen Kirche in Deutschland geäußert, insbesondere zu deren Umgang mit Fällen sexualisierter Gewalt. Am Montag erscheint sein neues Buch "Katholische Kirche – eine Gebrauchsanweisung".
Der 65-Jährige beklagte außerdem einen zunehmenden Verlust grundlegenden Wissens über die katholische Kirche. "Wir haben heute weitgehend keine katholische Sozialisation mehr", sagte Schüller. "Die Generation der Babyboomer im Westen wusste noch, was ein Bischof zu sagen hat und was sein Amt mit sich bringt." Diese Kenntnisse seien weitgehend verloren gegangen. Selbst bei Journalisten, die sich viel mit der Kirche beschäftigten, fehle mitunter Basiswissen.
Irrtümer über kirchliche Macht
Als Beispiel nannte Schüller die verbreitete Annahme, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz sei Dienstvorgesetzter der deutschen Diözesanbischöfe. Tatsächlich sei er lediglich deren Sprecher. Ein anderes Missverständnis laute: "Wenn der Papst etwas sagt, spurt die katholische Kirche auf der ganzen Erde." Auch das stimme so nicht. "Selbstverständlich gibt es Leitlinien, aber die Weltkirche ist sehr viel bunter und vielfältiger. Gerade das macht ihren Reiz aus."
Schüller plädierte zugleich für eine stärker partizipative Kirche. Sie dürfe nicht allein von der Hierarchie her gedacht werden. Das Zweite Vatikanische Konzil habe den Gedanken des Volkes Gottes hervorgehoben: Alle Getauften seien befähigt, die "Zeichen der Zeit" zu erkennen. Unterschiedliche Ämter sollten ihren Platz behalten, zugleich müsse stärker gemeinsam beraten und entschieden werden. (KNA)