Der langjährige Leiter des Recollectio-Hauses, Wunibald Müller, verteidigt Pater Anselm Grün. In einer Stellungnahme gegenüber katholisch.de weist er die Vorwürfe zurück, Grün habe sich für die Weiterverwendung eines Missbrauchstäters eingesetzt. "Anselm Grün ging bei seinem Gespräch mit dem Personalverantwortlichen davon aus, dass von dem besagten Priester keine Gefahr für Übergriffe gegenüber Minderjährigen ausgeht", so Müller. "Wer den Eindruck erweckt, dass er einem Einsatz dieses Priesters in der Seelsorge nicht widersprochen hat, obwohl er davon ausgehen musste, dass dieser Priester potentiell eine Gefahr für Minderjährige sein könnte, wird Pater Anselm Grün nicht gerecht." Grün und das Recollectio-Haus hätten sich anders als die offizielle Kirche nicht weggeduckt, sondern sich "der furchtbaren Wirklichkeit sexualisierter Gewalt im Kontext der Kirche gestellt".
Pater Anselm Grün ist geistlicher Leiter des Recollectio-Hauses der Abtei Münsterschwarzach. Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs im Erzbistum Paderborn hatte in ihrem vierten Jahresbericht Grün vorgeworfen, 1992 einen geständigen Missbrauchstäter in die Seelsorge im Bistum Würzburg vermittelt zu haben. Der Benediktinerpater selbst wies die Vorwürfe zurück. Die Abtei Münsterschwarzach, der Grün angehört, relativierte das Dementi des Mönchs kurz darauf. Der Betroffenenbeirat bei der Deutschen Bischofskonferenz forderte eine umfassende Aufklärung des Vorwurfs.
Recollectio-Haus als Vorreiter im Umgang mit Missbrauch
Müller, der das Recollectio-Haus von 1991 bis 2016 leitete, bezeichnet es in seiner Stellungnahme als "unerträglich", dass Anselm Grün in ein Licht gerückt werde, "das ihm und seinen Einsatz gerade auch für die Opfer sexualisierter Gewalt nicht gerecht wird". Es gebe innerkirchlich keine andere Einrichtung, die sich in den vergangenen 30 Jahren so "unerschrocken" dafür stark gemacht habe, "dass die offizielle Kirche endlich zuerst die Opfer sieht und das angeht, was nötig ist, um sexualisierte Gewalt in der Kirche gegenüber Minderjährigen, aber auch gegenüber Erwachsenen zu verhindern".
Das Recollectio-Haus äußerte sich nach Bekanntwerden der Vorwürfe in einer eigenen Stellungnahme und betonte, dass der Einsatz des geständigen Missbrauchstäters in der Seelsorge "nicht originär P. Anselms Vorschlag" gewesen sei, "auch wenn er sich dafür offen gezeigt habe." Organisation und Umsetzung hätten bei den beteiligten Diözesen gelegen. Die Stellungnahme räumt ein, dass in den 1990er-Jahren vereinzelt Menschen, die als sexuell übergriffig wahrgenommen wurden, dort begleitet wurden. "Durch aktuelle psychologische Erkenntnisse sowie die Offenlegung der Missbrauchsfälle am Canisius-Kolleg im Jahr 2010 erfolgte eine klare Zäsur, die ein Umdenken einleitete", so die Stellungnahme weiter. Dies habe dazu geführt, dass seitdem keine sexuell übergriffigen Menschen mehr aufgenommen würden. (fxn)
Im Wortlaut: Stellungnahme von Wunibald Müller
Stellungnahme zu den Vorwürfen gegenüber Pater Anselm Grün
Anselm Grün ging bei seinem Gespräch mit dem Personalverantwortlichen davon aus, dass von dem besagten Priester keine Gefahr für Übergriffe gegenüber Minderjährigen ausgeht. Wer den Eindruck erweckt, dass er einem Einsatz dieses Priesters in der Seelsorge nicht widersprochen hat, obwohl er davon ausgehen musste, dass dieser Priester potentiell eine Gefahr für Minderjährige sein könnte, wird Pater Anselm Grün nicht gerecht. Das gilt umso mehr, wenn ihm unterstellt wird, die unselige Praxis der Kirche in der Vergangenheit, übergriffige Priester einfach zu versetzen, unterstützt zu haben.
Das Gegenteil ist der Fall. Im Unterschied zur offiziellen Kirche, die oft über eine lange Zeit weggeschaut hat, haben Pater Anselm und wir im Recollectiohaus uns nicht weggeduckt, sondern uns der furchtbaren Wirklichkeit sexualisierter Gewalt im Kontext der Kirche gestellt. Wir haben im Unterschied zu vielen Verantwortlichen in der Kirche den Schrei der Opfer gehört, weil wir ihn auch aus ihrem eigenen Mund vernommen haben und er unser Herz erreicht hat.
Es gibt innerkirchlich keine andere Einrichtung, die in den vergangenen dreißig Jahren so unerschrocken sich dafür stark gemacht hat, dass die offizielle Kirche endlich zuerst die Opfer sieht und das angeht, was nötig ist, um sexualisierte Gewalt in der Kirche gegenüber Minderjährigen, aber auch gegenüber Erwachsenen zu verhindern.
Wir haben für unserer Arbeit im Recollectiohaus, bei es vorwiegend darum ging, kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, bei einer Auszeit, die an die Grenzen ihrer Belastbarkeit gekommen sind, die sich in einer Kise befanden, spirituell und psychotherapeutisch zu begleiten, viel Unterstützung erfahren.
Wir waren aber auch nicht selten kirchlicher Kritik ausgesetzt, wenn wir auf die problematische Seite des Pflichtzölibats hinwiesen und einen ehrlichen Umgang mit homosexuellen Priestern anmahnten. Bei unseren Interventionen, endlich der Tatsache ins Gesicht zu sehen, dass es sich bei pädophilen und übergriffigen Priester nicht nur um eine kleine, überschaubare Gruppe handelt, trafen wir bei der offiziellen Kirche oft auf Schwerhörigkeit und sahen uns manchmal genötigt, uns dafür rechtfertigen zu müssen, dass wir nicht bereit waren, die Schattenseite der Kirche zu verbergen.
Wir haben bei unserer Arbeit nach bestem Wissen gehandelt, haben uns von Expertinnen und Experten beraten lassen und vor allem auch Erkenntnisse und Erfahrungen aus den USA berücksichtigt. Wir haben ständig dazugelernt und dazu lernen müssen.
Auf diesem Hintergrund finde ich es unerträglich, dass Anselm Grün, der von Anfang an bis heute, unsere Arbeit im Recollectiohaus entscheidend mitgeprägt hat, in ein Licht gerückt wird, das ihm und seinen Einsatz gerade auch für die Opfer sexualisierter Gewalt nicht gerecht wird. Mir ist es daher wichtig, ihm gegenüber auch öffentlich, wie ich es schon persönlich getan habe, meine volle Solidarität zu bekunden.
Dr. Wunibald Müller
Leiter des Recollectiohauses von 1991 bis 2016