Zeichen nicht nur bischöflicher Autorität

Die Herde führen: Wer in der Kirche einen Stab tragen darf

Bischofsstab
Bild: KNA/CNS photo/Justin Mclellan

Ein Bischof soll wie ein Hirte seine Herde anführen, sammeln und wenn nötig beschützen – und hat dafür ein besonderes Werkzeug: den Bischofs- oder Krummstab. Er gehört gemeinsam mit der Mitra, dem Ring und dem Brustkreuz zu den (liturgischen) Erkennungszeichen eines Bischofs, den sogenannten Pontifikalinsignien. Er leitet sich vom einfachen Hirtenstab ab und symbolisiert, dass ein Bischof wie ein "Guter Hirte" sein soll, den Jesus im Neuen Testament in einem Gleichnis beschreibt. Daneben kennen verschiedene Kulturen den Krumstab seit Jahrtausenden als Herrschafts- und Hoheitszeichen. Und in der Kirche dürfen nicht nur Bischöfe Stäbe tragen.

Schon im Alten Ägypten galt der Krummstab als Herrschaftszeichen von Pharaonen und Gottheiten. Im altägyptischen Totenbuch gehörte er zu den Ausrüstungsgegenständen des Unterweltgottes Osiris in seiner Funktion als Richter über die Toten. Mit dem Hirtenstab besaß Osiris laut ägyptischer Religion die Macht, über den Eintritt in das Jenseits zu entscheiden. Damit bildete der altägyptische Hirtenstab eine Art erste Vorlage für den Bischofsstab.

Erkennungszeichen

Einen ähnlichen Stab kannten auch die Römer, den sogenannten Lituus. Er war ein Erkennungszeichen für kultische und politische Amtsträger. Die frührömischen Könige trugen ihn, später die Kaiser – und die Auguren, also Beamte, die etwa politische Entscheidungen durch Rituale mit dem Götterwillen abglichen. Kaiser Konstantin erteilte schließlich im vierten Jahrhundert den Bischöfen die Erlaubnis, als Zeichen geistlicher und weltlicher Rechtsprechung einen dem Augurenstab ähnlichen Stab zu tragen. Der eigentliche Krummstab verbreitete sich in seinem Gebrauch vor allem bei kirchlichen Würdenträgern im 7. Jahrhundert in Spanien und Frankreich. Neuen Bischöfen wurde er bei ihrer Weihe übergeben.

Der Krummstab als kirchliche Insignie besteht aus einem Schaft und der an seinem oberen Ende anschließenden Krümme. Der Schaft ist aus Holz oder Metall und etwa 1,5 Meter lang. Sein unteres Ende besteht manchmal aus einer Spitze. Die Krümme am oberen Ende ist künstlerisch gestaltet und besteht meistens auch auch edleren Materialien.

Bild: © Dreifoto/Abtei Seligenthal (Archivbild)

Bei einer Prozession trägt eine Äbtissin ihren Krummstab.

Der Aufbau des Stabes symbolisiert die drei Aufgaben des Bischofs als Hirte seiner Gemeinde oder seines Bistums: Die Krümme oben ist gebogen, um verirrte Schafe sanft in die Herde zurückzuziehen. Der gerade Schaft dient dem Bischof als Stütze, um Halt und Sicherheit zu geben. Die Spitze unten war im Mittelalter oft mit einer scharfen Metallspitze versehen, um im übertragenen Sinne die trägen Schafe anzuspornen oder Wölfe, also Gefahren, abzuwehren. Geführt wird er mit der linken Hand – damit die rechte frei ist, um Segensgesten zu verteilen. Getragen wird er beim liturgischen Einzug, bei Prozessionen, beim Hören des Evangeliums während der Messe, bei der Predigt und bei der Entgegennahme etwa von Professen, also Gelübden.

Auch Äbte tragen bei liturgischen Handlungen Stäbe, die sich äußerlich von denen der Bischöfe nicht wesentlich unterscheiden. Allerdings war das nicht immer so. Von einem Stab, der den Äbten bei Empfang der Abtsbenediktion vom Bischof übergeben wurde, weiß man zwar schon ähnlich lang wie von der Übergabe an einen Bischof bei der Weihe. Bis 1917 stand Äbten jedoch das Führen eines Stabs nur aufgrund eines besonderen Privilegs zu. Bei Pontifikalhandlungen wie etwa Firmungen durfte er von Äbten nur auf Grund einer besonderen päpstlichen Ermächtigung gebraucht werden.

Regelungen

Ähnlich ist es bei Äbtissinnen, bei denen ein Stab als Amtsinsignie jedoch erst seit dem 11. Jahrhundert überliefert ist. Auch sie bekommen bei der Benediktion einen Krummstab überreicht – als Hinweis auf das Hirtenamt der Äbtissin über das ihrer Leitung anvertraute Kloster.

Weil ein Hirte in erster Linie für seine eigene Herde zuständig ist, gilt grundsätzlich: Stabträger dürfen den Stab nur in ihrem Verantwortungsbereich tragen – für alles andere braucht es eine ausdrückliche Zustimmung. Die Regelungen dazu stehen im "Caeremoniale episcoporum", dem bischöflichen Zeremonienbuch. So darf ein Bischof, wenn er außerhalb seiner Diözese Gottesdienst feiert, den Bischofsstab nur mit Erlaubnis des zuständigen Ortsbischofs tragen. Ein Weihbischof, da er keine kirchliche Jurisdiktionsgewalt hat, darf generell nur in dem Bistum, in dem er tätig ist, den Stab tragen.

Papst Leo XIV. feiert im November 2025 im Petersdom im Vatikan eine Messe.
Bild: © KNA/Vatican Media/Romano Siciliani (Archivbild)

Papst Leo XIV. mit dem Kreuzstab, der Ferula.

Doch es gibt noch weitere Regeln: Wenn mehrere Bischöfe an derselben Feier teilnehmen, trägt nur jener den Stab, der der Feier als Hauptzelebrant vorsteht. Bei einer Bischofsweihe oder Amtseinführung in der Kathedrale des Bistums trägt beim Einzug der weihende oder einführende Bischof den Stab, beim Auszug nur der Neugeweihte beziehungsweise der neu Eingesetzte, der dann Besitz von seiner Diözese ergriffen hat und am Ende des Gottesdienstes selbst Ortsbischof in diesem Bistum ist. Eine Besonderheit in diesem Zusammenhang ist die Weihe eines Weihbischofs. Dieser trägt den Stab, der ihm bei der Liturgie überreicht wird, beim Auszug – genauso wie der Hauptzelebrant den seinen, da dieser in der Regel der Diözesanbischof ist.

Früher galt zudem, dass der jeweilige Geistliche im eigenen Territorium den Stab so hält, dass die Krümmung nach außen zeigt, und auf "fremdem" Gebiet so, dass die Krümmung zu ihm hinzeigt. Weihbischöfe verwendeten den Stab mangels eigener Jurisdiktion stets in der letztgenannten Weise. Nach der Reform des "Caeremoniale episcoporum" dürfen sämtliche Bischöfe den Stab unabhängig von ihrer Jurisdiktionsgewalt am Ort des Gottesdienstes (beziehungsweise der Pontifikalhandlung) mit der Krümmung nach vorne tragen. Mit der Krümmung nach hinten halten somit nur noch die Ministranten den Stab, die ihn während den Teilen der Liturgie, bei denen der Bischof ihn nicht braucht, verwahren.

Universelle Hirtengewalt

Neben dem Krummstab gibt es in der katholischen Kirche, noch einen anderen Stab, den nur einer trägt: die Ferula des Papstes. Im Gegensatz zum krummen Bischofsstab mündet diese an ihrem oberen Ende in ein gerades Kreuz. Das Fehlen der Krümme symbolisiert, dass die Hirtengewalt des Papstes universell ist. Historisch wurde der Stab dem Papst bei der Liturgie nur vorangetragen und selten von ihm selbst gehalten. Seit Paul VI. (1963–1978) nutzen die Päpste die Ferula jedoch regelmäßig bei Gottesdiensten.

So hat sich aus dem einfachen Hirtenstab über Jahrhunderte ein vielschichtiges Symbol kirchlicher Leitung entwickelt. Es erinnert bis heute daran, dass Autorität in der Kirche der Sorge für die anvertraute Gemeinschaft dienen soll. Ob Krummstab, Abtsstab, Äbtissinnenstab oder päpstliche Ferula – hinter den unterschiedlichen Formen steht letztlich dasselbe Bild: das des Hirten, der seine Herde führt, ihr Halt gibt und sie auf ihrem Weg begleitet.

Matthias Altmann