Es ist ein Kontrastprogramm, das Papst Leo XIV. in Paris erlebt. Erst der höflich-distanziert wirkende Empfang durch Präsident Emmanuel Macron im Élysée-Palast. Dann die freundlichen, von viel Applaus und Weltrettungs-Rhetorik begleiteten Reden am Sitz der Unesco – und schließlich das Eintauchen ins lebendige Wasser des katholischen Frankreichs.
Das begann mit der Begegnung am Freitagnachmittag, als der Papst in der warmen Septembersonne auf dem Platz vor der Kathedrale Notre-Dame ein Bad in der Menge nimmt und frenetisch wie eine Mischung aus Popstar und Vaterfigur gefeiert wird.
Tiefer Glaube
Erst vor und später in der renovierten Kathedrale trifft er auf Tausende Menschen, die den Glutkern einer erstaunlich vital wirkenden katholischen Kirche in Frankreich ausmachen: Ordensleute, Priester, Diakone mit ihren Frauen, geweihte Jungfrauen, Eremiten, Mitglieder kirchlicher Bewegungen und Hunderte Seminaristen, die sich auf das Priesteramt vorbereiten.
Mehr als 40.000 Menschen macht diese Gruppe "sichtbarer" Katholiken in Frankreich aus, wie der Pariser Erzbischof dem Papst berichtet. 8.000 von ihnen feiern mit Leo XIV. einen Vespergottesdienst vor und in der Kathedrale, die nach Brand und Wiederaufbau wie ein Sinnbild der als Phönix aus der Asche wiederaufstehenden katholischen Kirche wirkt.
Gebete und Gesänge vermitteln einen Eindruck davon, wie tief und lebendig der Glaube dieser Menschen ist. Das steigert sich am späten Abend bei einer Gebetsvigil im Stade de France, dem größten Sportstadion Frankreichs. 80.000 junge Menschen feiern ihren Glauben und den Papst, einige von ihnen teilen ihre Ängste und Hoffnungen mit ihm. Viele bleiben lange, singend und betend bis tief in die Nacht.
Papst Leo XIV. spricht bei seinem Besuch in einem Sozialzentrum mit einem Jungen.
An seinem zweiten Tag in Paris steht nach einem Besuch in einer Sozialstation eine ungewöhnliche Begegnung auf dem Programm: Der Papst trifft im "Institut Catholique" Menschen, die auf dem Weg zur Taufe sind oder kürzlich getauft wurden. Über 13.000 waren das zuletzt landesweit, die Zahl steigt seit einigen Jahren. Damien, ein 27-jähriger Student aus Créteil, ist einer von ihnen.
Auf die Journalistenfrage, wie er dazu kam, als Erwachsener getauft werden zu wollen, berichtet er von einem Weckruf, der ihn ereilte, als er den Film "Die Passion Christi" im Kino sah. Er habe sich gefragt, ob in dieser Geschichte und dieser Person vielleicht doch mehr drinsteckt als eine dramatische Story, und was das mit ihm selbst zu tun hat.
Es folgten Gespräche mit katholischen, aber auch mit muslimischen Freunden, und erst dann ein Kontakt mit einem Priester. Am Ende des langen Wegs als Taufbewerber stand das Sakrament der Taufe in der Osternacht dieses Jahres. "Es war der großartigste Tag in meinem Leben", sagt er. Auf die Frage, ob ihn nicht die Skandale in der Kirche abschrecken, meint er schulterzuckend: "Das sind Verfehlungen von Menschen, dafür können wir Gott nicht die Schuld geben."
"Wirken der Gnade Gottes"
Als der Papst die Neugetauften inmitten einer kirchlichen Versammlung der Pariser Kirchenprovinz trifft, explodiert der Saal vor Freude. "Eure Erfahrung und euer Zeugnis, liebe Katechumenen und Neugetaufte, sind ein konkretes Zeichen des Wirkens der Gnade Gottes, das statistische und soziologische Analysen übersteigt", sagt der Papst bei der Begegnung.
Dann fährt Leo XIV. in biblischen Bildern fort: "Wir müssen die kleine Flamme erkennen, annehmen und bewahren, die der Heilige Geist in der Dunkelheit der Nacht entzündet hat – das kleine Samenkorn, das selbst inmitten von Dornen und Disteln wachsen will."
Die Welle der Begeisterung schwillt weiter an, als der Papst am Nachmittag auf der Place de la Concorde den größten Gottesdienst seiner viertägigen Reise feiert. Rund 700.000 Menschen nehmen auf dem Platz und auf der Prachtallee Champs-Élysées daran teil. Der Papst zeigt sich sichtlich berührt und ruft am Ende aus, er bete von Paris aus "inständig dafür, dass sich das lebendige Wasser des Heiligen Geistes über ganz Frankreich ausbreitet".