Fast fünf Jahre hatte ich ein schlechtes Gewissen, genauso lange stellte ich mir vor, wie die Taufe meiner Tochter aussehen würde. Vielleicht in kleiner Runde mit Masken unter Pandemiebedingungen? Nein! Eine Taufe, bei der die Hauptperson wahlweise über Bänke und Tische klettert, wegläuft oder die Kirche zusammenschreit, weil sie noch ein Kleinkind ist? Auch nein! Irgendwann kam der Tag, an dem mir klar wurde: Jetzt ist der richtige Zeitpunkt endlich gekommen.
Vergangenen Monat war es so weit und auf einmal sitze ich in der Kirchenbank und beobachte, wie der Pater auf dem Boden zwischen zwei Täuflingen sitzt. Die beiden sind vier und acht Jahre alt und angehende Katholiken. Der Pater spricht mit ihnen über das, was wir soeben in der Lesung gehört haben. Darüber, was man mit diesen Sätzen anfangen kann, was sie in der Tiefe bedeuten. Er spricht in einfachen Worten, zieht Vergleiche zu ihren Alltagssituationen – die Kinder hören aufmerksam zu. Ich denke mir: Großartig!
Du bist wertvoll
Dann folgt das Taufritual mit dem Chrisamöl. "Das ist etwas, das man wie eine Salbe auf Wunden geben kann, damit es heilt und schützt.", erklärt der Priester. Er lässt die Kinder an dem wertvollen Öl riechen, lässt ihnen Zeit, zu verstehen und zu staunen. Kein abstrakter liturgischer Gegenstand, sondern ein Öl, das kostbar ist und zeigt, wie kostbar jeder Mensch ist. "Auch Du", spricht er weiter.
Ich glaube in diesem Moment haben die Kinder und die Erwachsenen etwas gelernt: Nicht bloß über das Chrisamöl, sondern darüber, wie Kirche sein kann: Nicht von oben herab, nicht weit entfernt, sondern bodenständig und nah.
Der Pater, der auf dem Boden sitzt und mit den Kindern spricht, macht den Glauben nicht kleiner, sondern bringt ihn auf Augenhöhe. Und darin liegt für mich etwas zutiefst Christliches. Schließlich hat auch Gott sich ganz klein gemacht für uns Menschen, indem er Mensch wurde. Und dabei hat er nichts von seiner Größe verloren, sondern er hat sie gerade darin sichtbar gemacht. Auch der Priester wirkt nicht kleiner, weil er auf dem Boden sitzt, im Gegenteil: Für die Gemeinde war er in diesem Moment der Größte.
Vorteile der späten Taufe
Als Mutter frage ich mich oft, wie ich den Glauben meinen Kindern weitergeben kann. Ich kann ihnen verschiedene Gebete beibringen wie Formeln, ich kann ihnen Bibelgeschichten vorlesen, ich kann mit ihnen erörtern, was Sakramente sind, und ich kann vorleben, was ich von der Bibel verstanden habe. Aber ein Gefühl für den Glauben, das kann ich nicht so leicht vermitteln. Das müssen sie selbst erspüren. Ich bin mir sicher, dass meine Tochter diese Erfahrung bei ihrer verspäteten Taufe machen konnte.
Vielleicht hat der Geistliche, ein für meine Tochter fremder Mensch in außergewöhnlicher Kleidung, ihr das Gefühl vermittelt: Du bist wichtig! Du bist hier richtig und vor allem: Du bist willkommen! Und wir in der Gemeinde, wir haben es gleich mit ihr erfahren.