Deutschlands jüngster Weihbischof, Martin Marahrens (49), hat bei der Herbstvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) festgestellt, dass einige Amtsbrüder Mitleid mit ihm haben. Warum, das verriet der Hildesheimer Diözesanadministrator im Interview mit katholisch.de und der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Er sprach auch darüber, warum er manchmal mit Bischof Heiner Wilmer verwechselt wird, welche Spuren der DBK-Vorsitzende in seiner früheren Diözese hinterlässt und was ein neuer Hildesheimer Bischof mitbringen muss.
Frage: Herr Diözesanadministrator, das war Ihre erste Bischofsvollversammlung, an der Sie in Fulda teilgenommen haben. Wie sind Sie von Ihren Mitbrüdern aufgenommen worden?
Marahrens: Ach, erst mal sehr herzlich. Es ist ganz mühelos, miteinander ins Gespräch zu kommen und Erfahrungen auszutauschen. Viele erinnern sich auch dann an ihre erste Vollversammlung und erzählen davon, wie das für sie gewesen ist.
Frage: Sie waren der jüngste Teilnehmer der Vollversammlung. Werden Sie daher von den Bischöfen gefragt, wie die jungen Leute so ticken?
Marahrens: Das ist mir jetzt noch nicht begegnet. Ich werde eher darauf angesprochen, dass ich jetzt ja in die Verlegenheit gekommen bin, auch gleich der Diözesanadministrator zu sein.
Frage: Haben Ihre Amtsbrüder Mitleid, dass Sie innerhalb kürzester Zeit erst Weihbischof wurden und jetzt auch sofort das Bistum leiten müssen?
Marahrens: Ja, doch ein gewisses Mitleid, so kann man es vielleicht nennen. Aber es ist eher freundschaftlich, und es gibt tatsächlich auch eine ganze Reihe von Bischöfen, die das ähnlich erlebt haben und bei denen sich manches überraschend anders entwickelt hat, als sie es sich damals vorgestellt hatten.
"Tatsächlich bin ich schon mal begrüßt worden in einer evangelischen Kirche mit den Worten: 'Ah, Sie sind der, den wir immer für den Zwilling von Bischof Wilmer halten'", erzählt Weihbischof Marahrens. Doch es gibt auch persönliche Unterschied zum früheren Diözesanbischof.
Frage: Wie war das für Sie, so ins kalte Wasser geworfen zu werden?
Marahrens: Es war tatsächlich überraschend. Ende Februar war meine Bischofsweihe. Wenige Wochen später kam die Ernennung von Bischof Heiner nach Münster. Ich wusste natürlich, dass Münster einen Bischof sucht, und natürlich hört man auch dieses oder jenes, aber ich hatte das überhaupt nicht auf dem Schirm.
Frage: Hat Ihnen schon mal jemand gesagt, dass Sie eine äußere Ähnlichkeit haben mit Bischof Wilmer?
Marahrens: Tatsächlich bin ich schon mal begrüßt worden in einer evangelischen Kirche mit den Worten: "Ah, Sie sind der, den wir immer für den Zwilling von Bischof Wilmer halten." Wobei ich auch schon mit anderen Bischöfen verwechselt worden bin – aber ich verrate jetzt nicht, mit welchen.
Frage: Verraten Sie uns denn, was Sie unterscheidet? Was machen Sie anders als Bischof Wilmer?
Marahrens: Also Bischof Heiner ist erst mal einer, der sehr offensiv auf Menschen zugehen kann. Das kann ich, glaube ich, auch – und trotzdem würde ich meine Art als etwas ruhiger bezeichnen. Bischof Heiner hat gerade im Erstkontakt etwas sehr Gewinnendes, er ist polyglott und international erfahren. Das bring ich in der Form nicht mit. Egal, wo ich hinkomme, wird mir erst mal immer erzählt, wie toll das mit Bischof Heiner war.
Martin Marahrens wurde 1977 in Gehrden bei Hannover geboren. Er studierte katholische Theologie in Frankfurt am Main und Rom und wurde 2004 zum Priester geweiht. Seit 2014 leitet er das Priesterseminar des Bistums Hildesheim. Seit Februar 2026 ist er Weihbischof. Nach dem Wechsel von Bischof Heiner Wilmer nach Münster wurde er im Juni zum Diözesanadministrator gewählt, der bis zur Wahl eines neuen Bischofs das Bistum leitet.
Frage: In Hildesheim suchen Sie jetzt den Nachfolger von Bischof Heiner Wilmer. Was muss er denn aus Ihrer Sicht unbedingt mitbringen?
Marahrens: Er muss natürlich die Qualitäten mitbringen, die Bischof Heiner ausgemacht haben. Und zugleich darf er keine Kopie von ihm sein, denn das würde, glaube ich, am Ende nicht funktionieren. Es muss jemand sein, der menschennah ist und seinen eigenen Weg geht.
Frage: Sie waren neulich in Rom beim Kurs für Nachwuchsbischöfe. Was haben Sie da gelernt?
Marahrens: Also erst mal habe ich gelernt, wie großartig es ist, der katholischen Kirche als einer weltumspannenden Institution anzugehören. In dem Sinne, dass dort bischöfliche Kollegen aus der ganzen Welt waren, mit denen ich ins Gespräch gekommen bin. Zudem war es interessant, viele der Verantwortungsträger der Kurie kennenzulernen, die aus unterschiedlichen Perspektiven, aber auf einer Linie über den bischöflichen Dienst angesichts der Herausforderungen der Gegenwart und eine sich synodal verstehenden Kirche nachgedacht haben. Ein Nordamerikaner hat das sehr schön auf den Punkt gebracht: Egal, wen wir gehört haben, alle waren "on one bus" – alle sind relativ einig und auf der Linie von Papst Leo XIV.
Frage: Wobei die Kirche in Deutschland ja doch ganz anders geprägt ist als viele Kirchen zum Beispiel in Afrika. Sie ist ja auch etwas in Verruf geraten, vorantreiben zu wollen und die anderen nicht mitzunehmen. Ist Ihnen das nicht begegnet?
Marahrens: Das war immer wieder Thema. Es kam oft die Frage: Was macht ihr Deutschen da eigentlich? Und ich musste immer wieder deutlich markieren, dass kein deutscher Bischof plant, irgendeine neue Reformation auszurufen oder sich irgendwie vom Papst zu lösen. Dieses Vorurteil ist tatsächlich weit verbreitet.
Da nehme ich wahr, dass sich seit 2024 wieder vermehrt junge Männer dafür interessieren, Priester zu werden.
— Weihbischof Martin Marahrens
Frage: Wer hat dieses Vorurteil eigentlich so erfolgreich in die Welt gesetzt?
Marahrens: Ich glaube, dass es schlichtweg ist, wie mit allen Dingen heute, dass Diskurse manchmal auf Schlagzeilen reduziert werden und man eben hier oder dort etwas liest. Dann wird es zugespitzt und schon ist die Botschaft in der Welt: Die Deutschen gehen ihren Sonderweg. Umso schöner war dann immer, deutlich zu machen, dass kein deutscher Bischof einen Sonderweg gehen will. Und wie sagte es wiederum ein nordamerikanischer Bischof so schön: "Oh, it's so good to hear."
Frage: Wenn wir in ein Nachbarland blicken, sorgt die stark gestiegene Zahl der Erwachsenentaufen in Frankreich seit einiger Zeit für Furore. Beobachten Sie so etwas Ähnliches auch im Bistum Hildesheim?
Marahrens: Ich bin auch Regens und zuständig für die Priesterausbildung. Da nehme ich wahr, dass sich seit 2024 wieder vermehrt junge Männer dafür interessieren, Priester zu werden. Es gibt relativ viele, die sich taufen lassen oder konvertieren. Das sind jetzt keine Massen wie in Frankreich, aber es ist doch deutlich wahrnehmbar, dass sich etwas tut. Auch im Kontakt mit jungen Leuten habe ich den Eindruck, dass sie nach klarer Orientierung suchen und Religion für viele wieder eine Frage ist, die eine größere Rolle und Relevanz hat, als das vielleicht vor 10 oder 20 Jahren der Fall war. Auch im Kontext von Firmungen habe ich das jetzt vielfach von Katecheten gehört, dass sie in der Vorbereitung und den Gesprächen mit den Jugendlichen eine neue Ernsthaftigkeit wahrnehmen.
Frage: Sind die, die heute noch Priester werden, eher rechtskonservativ orientiert?
Marahrens: Sie sind oft sehr an Liturgie interessiert und kommen teils mit hohen Idealen, Menschen zu begleiten, Seelsorger zu sein. Ob sich das dann später immer so in der Realität abbilden lässt, ist eine andere Frage. Aber Sie kommen jetzt weniger sozial bewegt aus der Jugendarbeit, wie das vielleicht in früheren Zeiten war.
"Früher hat das Amt sehr die Person geschützt. Heute ist es eben so, dass man mit seiner Person eigentlich das Amt tragen muss und dass sehr stark eben auch auf die Person geschaut wird", sagt Weihbischof Martin Marahrens.
Frage: Zurück zu Ihnen: Laut Kirchenrecht haben Sie noch rund 26 Jahre als Bischof vor sich. Ist das nicht eine Überforderung? Zuletzt sind ja die Bischöfe von Speyer und Dresden-Meißen bereits vor der Altersgrenze von 75 Jahren zurückgetreten.
Marahrens: Zugegebenermaßen war das schon ein Punkt, über den ich nachgedacht habe, als ich davon erfahren habe, dass ich zum Weihbischof ernannt wurde. Als Weihbischof ist es noch mal anders als als Bischof. Man steht in der zweiten Reihe, während ein Bischof sehr im Fokus steht. Also, ich glaube schon, dass das eine Diskussion ist, die geführt werden muss: Wie kann man das Bischofsamt so gestalten, dass es über so lange Zeit auch menschlich möglich ist?
Frage: War es früher leichter?
Marahrens: Früher hat das Amt sehr die Person geschützt. Heute ist es eben so, dass man mit seiner Person eigentlich das Amt tragen muss und dass sehr stark eben auch auf die Person geschaut wird. Damit sind die Anforderungen an dieses Amt eigentlich noch mal ungleich höher, als es vielleicht, in aller Vorsicht, in früheren Zeiten der Fall war.
Frage: Sind Sie für eine Amtszeitbegrenzung zunächst bis 70 Jahre, um dann zu schauen, ob es noch mal eine Verlängerung gibt?
Marahrens: Ich bin da so – wie die meisten Katholiken – ganz klassisch traditionell veranlagt und denke: Das hat ja auch was, dass so ein Bischof verlässlich an einer Stelle ist. Und dass er auch bis 75 diesen Dienst wahrnimmt. Gleichzeitig muss man offen darüber reden. Von den letzten Bischofsrücktritten waren die meisten vorzeitig, soweit ich das überblicke. Insofern sollte man sich jetzt der Diskussion nicht verschließen.