Der neue Hirte in Münster: Bischof Heiner Wilmer

"Das Bistum braucht einen Hirten", sagte der emeritierte Bischof Felix Genn über das Anforderungsprofil für seinen Nachfolger in Münster. Und den hat die Diözese nun offenbar gefunden: Am Donnerstag wurde Heiner Wilmer als neuer Münsteraner Bischof vorgestellt. Dass Wilmer sich als ein solcher Hirte begreift, zeigen nicht nur die drei Schafe auf seinem bisherigen Hildesheimer Bischofswappen.
In seinen ersten Worten nach der Bekanntgabe der Wahl griff Wilmer die Emmaus-Erzählung aus dem Neuen Testament auf. "Ist das nicht eine Geschichte für unsere postmoderne Zeit?", fragte der neue Bischof. "Vielleicht ist das der Weg der Kirche heute: aufsuchen, zuhören, verstehen und dann gemeinsam vorangehen." Er vertraue darauf, dass Gott den Menschen unerkannt und leise, aber wahrhaftig begegne. "Liebe Schwestern, liebe Brüder, wenn ich Sie alle hier heute im Sankt-Paulus-Dom zu Münster anschaue, dann brennt auch mir das Herz. Ein Herz erfüllt mit Dank." Wilmer dankte Gott sowie dem Domkapitel, dem Auswahlgremium und Papst Leo XIV. für das Vertrauen. "Ich freue mich auf Sie und zwar auf Sie alle", sagte Wilmer unterbrochen von Applaus der Gläubigen im Dom. "Und vielleicht eines Tages, wenn wir zurückblicken auf unseren gemeinsamen Weg, werden wir uns fragen: 'Mein Gott, brannte nicht unser Herz?'"
Seine Herde kennt er bereits
Erst im Februar hatten die deutschen Bischöfe Wilmer zu ihrem neuen Vorsitzenden gewählt. Nun muss sich der 64-Jährige also auch in ein weiteres Amt hineinfinden. Über zu wenig Arbeit wird sich Wilmer in der kommenden Zeit also kaum beklagen können.
Seine Herde kennt er dabei aber bereits ein wenig: Im emsländischen Dorf Schapen – der Name leitet sich vom niederdeutschen Wort für Schaf ab – wuchs Wilmer nahe an der Grenze zu Nordrhein-Westfalen und dem Bistum Münster auf. Auch nach seinem Eintritt in den Orden der Herz-Jesu-Priester, der Priesterweihe und dem Theologiestudium in Freiburg, Paris und Rom kam Wilmer in das Bistum Münster: Von 1995 bis 1997 arbeitete der Ordensmann als Lehrer für Religion, Geschichte und Politik sowie als Schulseelsorger an der Liebfrauenschule in Vechta. Diese wird heute vom Bischöflich Münsterschen Offizialat in Vechta getragen. Das Offizialat verwaltet den niedersächsischen Teil der Diözese, die künftig von Wilmer geleitet wird.
Der neue "Arbeitsplatz" von Bischof Heiner Wilmer: Der Sankt-Paulus-Dom in Münster.
Nach der Station in Vechta führte es Wilmer als Lehrer in die New Yorker Bronx, später leitete er das ordenseigene Gymnasium im emsländischen Handrup. Auch in seinem Orden machte er eine steile Karriere: 2007 wurde er Provinzial der deutschen Ordensprovinz, 2015 ging er als Generaloberer der Herz-Jesu-Priester nach Rom. Dort leitete er den Orden, bis er 2018 zum Bischof in Hildesheim ernannt wurde.
In Münster übernimmt Wilmer nun das zahlenmäßig größte Bistum Deutschlands: Laut aktueller Statistik der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) leben derzeit über 1,5 Millionen Katholikinnen und Katholiken in der Diözese. Zum Vergleich: Im Bistum Hildesheim sind es rund 490.000. Aus der norddeutschen Diaspora geht es für Wilmer nun in ein katholisches Kerngebiet.
"Aber die Gläubigen vor Ort sind gut drauf"
Doch auch in Münster geht die Zahl der Katholikinnen und Katholiken stetig zurück. Man müsse aber nicht depressiv sein, sondern könne "hoffnungsvoll in die Zukunft blicken", erklärte der Noch-Diözesanadministrator Antonius Hamers zur jüngst veröffentlichten Statistik seiner Diözese. Die katholische Kirche im Bistum Münster sei nach wie vor eine starke Gemeinschaft. Hamers wird das Bistum weiter leiten, bis Wilmer offiziell in sein Amt eingeführt wurde.
Ähnlich äußerte sich auch Wilmer: "Wir werden weniger Christinnen und Christen in Deutschland, was uns nicht davon abhält – bei allen notwendigen Maßnahmen, die damit verbunden sind –, mit hohem persönlichen Einsatz Zeugnis von unserem Glauben zu geben", sagte er in der Funktion als DBK-Vorsitzender zu den bundesweiten Zahlen für das Jahr 2025 . Schon bei seinem Pressestatement nach seiner Wahl in dieses Amt hatte Wilmer sich optimistisch geäußert: "Die katholische Kirche hat eine schwere Zeit hinter sich. Wir haben viel gerungen, doch es geht nach vorn." Er sei in vielen Gemeinden unterwegs und mit Jugendlichen im Gespräch und dabei immer wieder positiv überrascht. "Wir haben Probleme und Herausforderungen. Ja. Aber die Gläubigen vor Ort sind gut drauf. Davon lasse ich mich als Bischof anstecken." Außerdem wandte er sich an die Katholikinnen und Katholiken in Deutschland und nannte sie "das lebendige Gesicht der Kirche".
16 Jahre lang war Felix Genn Bischof in Münster. Sein Nachfolger Heiner Wilmer ähnelt ihm in einigen Eigenschaften.
Solche Aussagen dürften bei den Gläubigen vor Ort gut ankommen – genau wie die Ankündigung, sich für die Reformvorhaben des Synodalen Wegs in Rom stark zu machen. "Mir persönlich ist es sehr wichtig, dass es synodal in unserem Bistum weitergeht und dass der neue Bischof Laiinnen und Laien ernst nimmt, wertschätzt und dass gemeinsam Entscheidungen gefällt werden", sagte die Vorsitzende des Diözesankomitees in Münster, Brigitte Lehmann, vor rund einem Jahr in einem katholisch.de-Interview. Sie gehörte zum Laiengremium, das vor der Wahl Wilmers ein Profil für den neuen Bischof erarbeitet hat. Auch dieses Gremium war eine Frucht des Synodalen Wegs. Beim Reformprozess der Kirche in Deutschland positionierte Wilmer sich stets auf der Seite der Reformer – steht aber für einen Dialog mit der Weltkirche und gilt als Vermittler zwischen den Positionen mit guten Kontakten nach Rom.
Alles Eigenschaften, mit denen Wilmer seinem Vorgänger, Bischof Felix Genn, ähnelt. "Mit großer Sympathie und Dankbarkeit sowie mit Respekt und Ehrfrucht schaue ich auf die Spuren, die du, lieber Felix, im Bistum hinterlassen hast", sagte Wilmer in seiner Antrittsansprache am Donnerstag in die Richtung seines Vorgängers. Er komme mit großem Respekt vor den Menschen und der Aufgabe. "Und ich komme mit Vertrauen, mit einem großen Vertrauen."
Zahlreiche Strukturprozesse
Vertrauen und Teamarbeit werden auch notwendig sein, denn an Herausforderungen mangelt es nicht. Das Bistum steckt mitten in einem mehrjährigen Prozess zur Entwicklung der pastoralen Strukturen. Zu Beginn des Jahres übernahmen in den 39 Pastoralen Räumen des nordrhein-westfälischen Teils des Bistums neue Teams aus Priestern, Pastoralreferenten und Ehrenamtlichen die Leitung. Parallel laufen weitere Veränderungsprozesse, etwa im Hinblick auf die Trägerstrukturen von Tageseinrichtungen für Kinder. Auch um diese Prozesse wird sich Wilmer künftig kümmern müssen.
Er wolle Gott Raum geben und gemeinsam mit den Gläubigen am Frieden bauen, sagte Wilmer bei seiner Vorstellung als DBK-Vorsitzender im Februar in Würzburg. Als seinen Kompass bezeichnete der Bischof dabei zwei Sätze: "Ehre sei Gott in der Höhe. Und Friede den Menschen seiner Gnade." Für den neuen Hirten der Friedensstadt Münster eigentlich ganz passend.