Damit hatte niemand gerechnet: Nach genau zehn Jahren an der Spitze des Bistums Dresden-Meißen hat Bischof Heinrich Timmerevers überraschend seinen vorzeitigen Rücktritt bekannt gegeben. Vergangene Woche hatte er sein 74. Lebensjahr vollendet. Üblicherweise bieten Bischöfe dem Papst erst zum 75. Geburtstag gemäß dem Kirchenrecht ihren Rücktritt an. An diesem Mittwoch teilten das Bistum und der Vatikan nun mit: Papst Leo XIV. hat Timmerevers' Rücktrittsgesuch angenommen – am 25. Jahrestag seiner Bischofsweihe. Damit ist der Bischofsstuhl in Dresden ab sofort vakant.
Beim Jahresempfang des Katholischen Büros Sachsen am Montag, an dem auch der neue Papst-Botschafter, Nuntius Hubertus van Megen, teilnahm, waren keinerlei Gerüchte in diese Richtung zu hören. Timmerevers wirkte entspannt und vital wie immer. Doch in einer Videobotschaft erklärte er nun: "In den letzten beiden Jahren habe ich festgestellt, dass die Spannkräfte aufgrund des Alters nachlassen und ich zunehmend Zeiten der Regeneration und Erholung brauche, um mich den Herausforderungen in unserem Bistum stellen zu können." Daher habe er beschlossen, die Leitung des Bistum in jüngere Hände zu übergeben, und den Papst um Entpflichtung gebeten.
Feier zum Silbernen Bischofsjubiläum
Die Nachricht dürfte jetzt die großen Feierlichkeiten zu Timmerevers' Silbernem Bischofsjubiläum am kommenden Samstag prägen. Mehrere hundert Gäste sind geladen. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), Bischof Heiner Wilmer, hält die Festpredigt. Jetzt ist klar: Es ist zugleich die Verabschiedung von Timmerevers.
Als Heinrich Timmerevers 2016 erfuhr, dass er Bischof von Dresden-Meißen werden sollte, reagierte der damals 64-Jährige nach eigenem Bekunden erst mal "ziemlich geschockt": "Für mich war klar: Jetzt verlässt du Haus, Hof und Vaterland und ziehst in ein anderes Land." Was folgte, war ein Aufbruch – nicht nur geografisch und biografisch, sondern auch im Nachdenken über Kirche und Glaubensleben.
Heimatverbundener Bauernsohn
Timmerevers kommt von einem Bauernhof, geboren als zweites von sechs Kindern. Seine Heimat ist das Oldenburger Münsterland, eine zum Bistum Münster gehörende katholische Enklave im sonst evangelisch geprägten nordwestlichen Niedersachsen. Ihr ist er bis heute eng verbunden, was er selten unerwähnt lässt. Verlassen hatte er seine Heimat nur für das Theologiestudium in Münster und Freiburg im Breisgau, einen Kurs der Fokolarbewegung in Rom, der er angehört, und einige Jahre in leitender Funktion bei der Priesterausbildung in Münster.
1990 kehrte Timmerevers in seine Heimat als Pfarrer zurück. 2001 folgte seine Ernennung zum Weihbischof und Leiter des Offizialatsbezirks Oldenburg. Der niedersächsische Teil des Bistums Münster ist auf der Grundlage einer weltweit einmaligen Rechtskonstruktion kirchenpolitisch weitgehend unabhängig. Der Weihbischof in Vechta hat dadurch ein machtvolleres Amt als andere Weihbischöfe. Der Volksmund spricht gern mal vom "Moorpapst".
In den letzten beiden Jahren habe ich festgestellt, dass die Spannkräfte aufgrund des Alters nachlassen und ich zunehmend Zeiten der Regeneration und Erholung brauche, um mich den Herausforderungen in unserem Bistum stellen zu können.
— Bischof Heinrich Timmerevers
Überraschend wählte ihn 2016 das Domkapitel von Dresden-Meißen zum 50. Bischof des sächsischen Bistums, das in Teilen auch in den Osten Thüringens reicht. Timmerevers stieg auf und verkleinerte sich zugleich: Als Ortsbischof in der sächsischen Diaspora ist er für deutlich weniger Katholiken zuständig. Das Bistum Dresden-Meißen zählt derzeit noch knapp 125.000 Mitglieder.
Auch ist das Budget erheblich kleiner, wenngleich Dresden-Meißen in Ostdeutschland zu den finanziell besser gestellten Bistümern zählt. In der Diskussion um Finanzhilfen wechselte Timmerevers von der Geber- auf die Nehmerseite. Und verantwortete in den vergangenen Jahren einen harten Sparprozess im Bistum, der auch großen Unmut hervorrief. Zuletzt sorgte im Sommer für Aufsehen, dass das Bistum sich von seinem traditionsreichen Bildungsgut Sankt Benno in Schmochtitz trennt.
Der Westdeutsche Timmerevers musste auch ein Gefühl für die Mentalität der Menschen in seinem Bistum, die Prägung durch die DDR-Zeit bekommen, eine Sensibilität für ostdeutsche Perspektiven, Befindlichkeiten und Realitäten entwickeln. Ihn beeindruckten die Glaubensbiografien vieler Ostdeutscher – "wegen ihrer Gradlinigkeit". Dass man für seinen Glauben teils empfindliche Nachteile in Kauf nehmen musste, vielleicht deswegen nicht studieren durfte, dass der Glaube keine gesellschaftliche Selbstverständlichkeit ist und Kirche nicht "systemrelevant". All dies war für Timmerevers Neuland, das er sich aber über die Jahre erschloss.
Fürsprecher für Anliegen Homosexueller
Bei seinen Reisen durchs Bistum wurde er immer wieder mit Verlustängsten, der Überalterung ganzer Landstriche und einer mehr und mehr erstarkenden AfD, die in Sachsen gesichert rechtsextrem ist, konfrontiert. Begegnungen mit queeren Christinnen und Christen seines Bistums machten ihn zu einem offenen Fürsprecher für ihre Anliegen, etwa für die Segnung homosexueller Partnerschaften. Als Vorsitzender der Schulkommission der Deutschen Bischofskonferenz verantwortete Timmerevers im vergangenen Jahr eine Handreichung der Bischöfe, die für mehr Sichtbarkeit und Anerkennung der Vielfalt sexueller Identitäten an Schulen eintritt.
Eines der größten Konfliktfelder von Timmerevers war der Umgang mit der Aufarbeitung von Missbrauchsfällen. Eine gemeinsame Aufarbeitungskommission der Bistümer Berlin, Görlitz und Dresden-Meißen wurde in einem bundesweit einmaligen Vorgang nach monatelangen Unstimmigkeiten Anfang Juni 2025 von den Bischöfen aufgelöst. Timmerevers entschied, für sein Bistum eine eigene Kommission zu gründen – allerdings erst einmal ohne Betroffene. Wann sie an den Start geht, ist weiter offen.
Offene Leitungsstellen
Auch scheint es schwierig, qualifiziertes Personal für die Bistumsverwaltung zu finden: Es fehlen ein Finanz- und ein Personalchef, die Hauptabteilung Pastoral wird seit dem Weggang der Leiterin von den verbliebenen Mitarbeitern als "Leitungsteam" geführt. Die angekündigte Verschmelzung der Katholische Akademie mit der Evangelischen zu einer bundesweit einzigartigen ökumenischen Akademie ist immer noch nicht vollzogen. Auf Bischof Timmerevers' Nachfolger dürfte einiges an Arbeit zukommen.