Mehr Glaube, mehr Teilhabe?

Was der Religionsmonitor über Zusammenhalt verrät – und was nicht

Was der Religionsmonitor über Zusammenhalt verrät – und was nicht
Bild: Jürgen Fälchle/Fotolia.com

Wer beim Begriff Religionsmonitor zuerst an Kirchgang, Gottesglauben oder Gebet denkt, dürfte vom neuen Bericht der Bertelsmann-Stiftung zunächst überrascht sein. Auf den ersten Seiten geht es vor allem um soziale Beziehungen, Vertrauen in die Bundesregierung, Gerechtigkeitsempfinden und politisches Interesse. Religion kommt erst später ins Spiel.

Das ist kein Zufall. Mit der aktuellen Ausgabe des Religionsmonitors führt die Stiftung zugleich die Forschung ihres inzwischen abgeschlossenen Projekts "Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt" fort. Mehr als zehn Jahre lang hatte dieses untersucht, wie es um das soziale Miteinander in Deutschland bestellt ist. Der 2007 gestartete Religionsmonitor übernimmt nun einen Teil dieses Ansatzes und verbindet ihn mit Fragen nach Religion, Religiosität und Wertorientierungen. Die Grundidee: Zunächst wird gemessen, wie stark der gesellschaftliche Zusammenhalt insgesamt ausgeprägt ist. Anschließend wird untersucht, ob und wie Religionszugehörigkeit und Stärke der Religiosität damit zusammenhängen.

Was heißt überhaupt "Zusammenhalt"?

Schon hier wird es kompliziert. Einen gesellschaftlichen Zusammenhalt, den man wie die Temperatur mit einem Messgerät bestimmen könnte, gibt es nicht. Die Stiftung versteht darunter die "Qualität des Miteinanders" und zerlegt sie in mehrere Bestandteile. Der Religionsmonitor verwendet dafür einen Kurzindex mit neun Indikatoren. Drei davon betreffen die sozialen Beziehungen: Wie oft trifft jemand Freunde oder Bekannte? Wie groß ist das Vertrauen in andere Menschen? Wird zunehmende Vielfalt eher als Bereicherung oder als Bedrohung wahrgenommen?

Weitere Fragen sollen die Verbundenheit mit dem Gemeinwesen abbilden: Wie stark fühlt sich jemand mit seinem Wohnort verbunden? Wie groß ist das Vertrauen in die Bundesregierung? Und hält die Person die Verteilung wirtschaftlicher Gewinne in Deutschland für gerecht? Schließlich geht es um Gemeinwohlorientierung: ehrenamtliches Engagement, das Sicherheitsempfinden in der eigenen Umgebung und das politische Interesse. Die neun Werte werden auf eine Skala von 0 bis 100 übertragen und zu einem Gesamtindex zusammengeführt.

Das ist für die Interpretation wichtig. Wenn eine Bevölkerungsgruppe einen höheren "Zusammenhaltswert" hat als eine andere, bedeutet das nicht, dass ihre Mitglieder automatisch besser miteinander auskommen. Es heißt zunächst nur, dass sie über die neun erfassten Merkmale hinweg im Durchschnitt Antworten geben, die nach dem verwendeten Modell für stärkeren gesellschaftlichen Zusammenhalt stehen.

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Bild: © IMAGO/Funke Foto Services

Auf den ersten Seiten geht es vor allem um soziale Beziehungen, Vertrauen in die Bundesregierung, Gerechtigkeitsempfinden und politisches Interesse. Religion kommt erst später ins Spiel.

Auch die Bezeichnungen der einzelnen Dimensionen sind breiter als manche konkrete Frage dahinter. Das "Institutionenvertrauen" wird etwa ausschließlich über das Vertrauen in die Bundesregierung gemessen, die "gesellschaftliche Teilhabe" über das politische Interesse.

Zusammenhalt verbessert sich wieder

Für die repräsentative Untersuchung wurden im März gut 5.200 Menschen zwischen 18 und 94 Jahren befragt. Um die muslimische Bevölkerung genauer untersuchen zu können, wurde deren Anteil in der Stichprobe gezielt erhöht; anschließend wurden die Daten gewichtet. Insgesamt hat sich demnach der gesellschaftliche Zusammenhalt in Deutschland nach einem deutlichen Rückgang wieder verbessert. Der Gesamtindex stieg von 46 Punkten im Jahr 2023 auf 51 Punkte. 2017 hatte er bei 54 Punkten und 2020 bei 55 Punkten gelegen. Das frühere Niveau ist damit noch nicht wieder erreicht.

Besonders kräftig haben sich die sozialen Beziehungen erholt. Gleichzeitig bleibt das Verhältnis zum Gemeinwesen belastet. Das Vertrauen in die Bundesregierung verharrt bei 37 Punkten. Das Gerechtigkeitsempfinden fällt auf 25 Punkte und damit auf den niedrigsten Wert im betrachteten Zeitraum. Das politische Interesse erreicht dagegen mit 65 Punkten einen Höchststand. Mehr Interesse und Engagement auf der einen, wenig Vertrauen und ein starkes Ungerechtigkeitsgefühl auf der anderen Seite: Die Entwicklung verläuft also keineswegs einheitlich.

Und welche Rolle spielt nun Religion?

Die Studie unterscheidet zwei Dinge, die leicht durcheinandergeraten: die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft und die Stärke der individuellen Religiosität. Beim ersten Vergleich liegen evangelische Befragte mit durchschnittlich 55 Punkten vorn, gefolgt von Katholiken mit 53 Punkten. Konfessionslose kommen auf 49, muslimische Befragte auf 46 Punkte. Die Stiftung warnt allerdings ausdrücklich davor, den niedrigeren muslimischen Gesamtwert als Ausdruck geringerer Solidarität oder geringeren gesellschaftlichen Engagements zu verstehen. Frühere Untersuchungen hätten in diesen Bereichen ähnlich große Potenziale bei Muslimen und Christen gezeigt.

Ein anderes Bild ergibt sich, wenn nicht die Konfession, sondern die Stärke der Religiosität betrachtet wird. Wenig oder gar nicht religiöse Menschen erreichen durchschnittlich 49 Punkte, mittelreligiöse 53 und hochreligiöse 52 Punkte. Auch wenn Alter, Bildung, Einkommen, Migrationsbiografie und weitere Faktoren statistisch berücksichtigt werden, bleibt ein positiver Zusammenhang zwischen Religiosität und dem Zusammenhaltsindex bestehen. Die Daten zeigen damit einen Zusammenhang – nicht automatisch, dass Religion den höheren Wert verursacht.

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Besonders kräftig haben sich die sozialen Beziehungen erholt. Gleichzeitig bleibt das Verhältnis zum Gemeinwesen belastet.

Die Mitautorin des Religionsmonitors, Yasemin El-Menouar, sieht dennoch ein gesellschaftliches Potenzial von Religion. "Religion kann soziale Beziehungen festigen, Hilfsbereitschaft fördern und Menschen zum Engagement motivieren", sagt die Soziologin und Islamwissenschaftlerin. Entscheidend sei offenbar weniger die bloße Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft als die gelebte religiöse Praxis und die soziale Einbindung. "Religiosität ist damit auch in einer zunehmend säkularen Gesellschaft eine relevante soziale Ressource."

Besonderes Muster bei Muslimen

Das Zusammenhaltspotenzial von Religiosität kommt jedoch nicht in allen Religionsgemeinschaften gleichermaßen zum Tragen. Bei Christen verläuft das Muster vergleichsweise geradlinig. Bei Katholiken steigt der Gesamtwert von 46 Punkten bei geringer Religiosität auf 54 bei mittlerer und 56 bei hoher Religiosität. Bei Protestanten sind es 50, 55 und 61 Punkte. Komplexer ist der Befund bei Muslimen. Dort steigt der Gesamtindex zunächst von 47 Punkten bei wenig religiösen auf 49 Punkte bei mittelreligiösen Befragten, fällt bei Hochreligiösen aber auf 45 Punkte.

Der Blick auf die Einzelbereiche zeigt, woher das kommt: Bei sozialen Beziehungen und Gemeinwohlorientierung steigen die Werte auch bei muslimischen Befragten mit der Religiosität. Gleichzeitig nimmt die Verbundenheit mit dem Gemeinwesen deutlich ab – von 46 Punkten bei wenig oder gar nicht religiösen Muslimen über 42 Punkte bei mittelreligiösen auf 28 Punkte bei hochreligiösen.

Die Autoren nennen dafür keine eindeutige Ursache. Sie diskutieren mehrere mögliche Erklärungen: Erfahrungen mit Diskriminierung, eine aus ihrer Sicht begrenzte institutionelle Anerkennung und Repräsentation muslimischen Lebens, aber auch eine stärkere Orientierung an der eigenen religiösen Gemeinschaft. Gegen eine simple Abschottungsthese spreche wiederum, dass höhere muslimische Religiosität gerade mit stärkeren sozialen Beziehungen und höherer Gemeinwohlorientierung verbunden sei. Genau darin liegt eine Schwierigkeit griffiger Schlagzeilen über den Religionsmonitor. "Religion stärkt den Zusammenhalt" ist als Zuspitzung nachvollziehbar, bildet die Daten aber nur teilweise ab. Ebenso verkürzt wäre die Aussage, Muslime hätten einen besonders schwachen gesellschaftlichen Zusammenhalt. Der Index bündelt verschiedene Dimensionen, die sich innerhalb derselben Gruppe in entgegengesetzte Richtungen bewegen können.

Forschung mit gesellschaftspolitischem Anspruch

Dass die Bertelsmann-Stiftung nicht bei der Beschreibung der Zahlen stehenbleibt, gehört zum Konzept des Projekts. Der Religionsmonitor soll nicht allein erfassen, wie religiös Menschen sind. Er fragt auch danach, was Religion für gesellschaftliches Zusammenleben, Teilhabe und soziale Beziehungen bedeutet. Die aktuelle Studie formuliert deshalb konkrete Empfehlungen. Politik und Verwaltung sollten Entscheidungen nachvollziehbarer erklären und Bürger stärker beteiligen.

Soziale Orte wie Bibliotheken, Nachbarschaftszentren, Schulen, Sportvereine und religiöse Gemeinden sollten gestärkt werden. Religiöse Minderheiten sollten aus Sicht der Autoren stärker in kommunale Beratungs- und Gestaltungsprozesse einbezogen werden. Als Beispiel symbolischer Anerkennung nennt das Papier sogar Ramadan-Beleuchtung nach dem Vorbild Frankfurts – analog zur Adventsbeleuchtung. Die nun vorgelegte Auswertung soll erst der Anfang sein. Die Studie versteht sich nach Angaben der Stiftung als Auftakt zu weiteren Veröffentlichungen, die einzelne Aspekte des gesellschaftlichen Zusammenhalts vertiefen sollen.

Michael Althaus (KNA)