"Viele Stärken – ein Land"

Kirchen rufen am Tag der Deutschen Einheit zu Zusammenhalt auf

Offizielle zentrale Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit 2026 in Bremen
Bild: IMAGO / Chris Emil Janßen

Führende christliche Geistliche haben am Tag der Deutschen Einheit zu gesellschaftlichem Zusammenhalt und zum Schutz der Menschenwürde aufgerufen. Der evangelische Bremer Kirchenpräsident Bernd Kuschnerus und der katholische Osnabrücker Bischof Dominicus Meier warnten am Samstag bei einem ökumenischen Festgottesdienst im Bremer Sankt-Petri-Dom davor, Schwächere auszugrenzen und gesellschaftliche Gegensätze zu verschärfen.

Meier sagte laut Predigtmanuskript, viele Menschen fühlten sich angesichts gesellschaftlicher Veränderungen müde, überfordert oder hätten Angst, zu den Verlierern zu gehören. Dass Menschen wieder zu Stärke fänden, dürfe jedoch nicht dem Zufall überlassen bleiben. Es sei falsch, daraus die Botschaft abzuleiten, jeder sei allein seines Glückes Schmied. Eine Gesellschaft, in der nur das Recht des Stärkeren zähle, widerspreche dem christlichen Menschenbild. In Bremen findet in diesem Jahr der zentrale Festakt zum Tag der Deutschen Einheit statt.

Aus Sicherheitsgründen war der Gottesdienst im St. Petri-Dom nur für geladene Gäste zugänglich. Das ZDF übertrug die Feier live im Fernsehen und auf Großbildschirmen in der Bremer Innenstadt. An dem Gottesdienst unter dem Leitwort "Viele Gaben – ein Geist" nahmen unter anderem die Spitzen der deutschen Verfassungsorgane, der Bundesländer und der Parlamente teil. Dazu zählten Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) sowie der amtierende Bundesratspräsident und Bremer Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD). Durch den Gottesdienst leitete Pastorin Nina Kleinsorge von der Domgemeinde St. Petri.

Stadtmusikanten als Vorbild

Der Bischof verwies auf den ersten Artikel des Grundgesetzes und die dort festgeschriebene Unantastbarkeit der Menschenwürde. Das Evangelium stelle den Menschen mit seiner Einmaligkeit und seinen Gaben in den Mittelpunkt und schütze damit vor Ausgrenzung, Fremdenhass und Antisemitismus. Einheit und Zusammenhalt könnten nur gelingen, wenn Menschen sich gegen Spaltung und Polarisierung stellten, so Meier.

Ökumenischer Gottesdienst im Dom St. Petri. Nina Kleinsorge. Pastor, leitet durch den Gottesdienst
Bild: © IMAGO / Chris Emil Janßen

Nina Kleinsorge. Pastorin, leitete durch den ökumenischen Gottesdienst im Dom St. Petri.

Kuschnerus griff in seiner Predigt das Märchen von den Bremer Stadtmusikanten auf. Esel, Hund, Katze und Hahn würden zunächst als zu schwach angesehen, entwickelten aber gerade durch ihr Zusammenwirken neue Stärke. Auch für die Gesellschaft gelte: "Allein kommt niemand von uns weiter." Menschen seien aufeinander angewiesen und müssten bereit sein, einander zu tragen und auch zu ertragen.

Anderen etwas zutrauen

Nächstenliebe bedeute darüber hinaus, die Fähigkeiten anderer wahrzunehmen und ihnen etwas zuzutrauen, so der Kirchenpräsident laut Manuskript. Besonders wichtig sei dies für Menschen, die als schwach wahrgenommen oder gesellschaftlich ausgegrenzt würden. "Wahre Stärke gibt es, wo wir einander brauchen und uns gegenseitig etwas zutrauen", sagte Kuschnerus. In anstrengenden Zeiten dürfe sich die Gesellschaft die Zuversicht nicht nehmen lassen.

Beim Gottesdienst wurden unter anderem Obdachlosigkeit und die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Seeleuten thematisiert. Vertreter verschiedener christlicher Kirchen gestalteten die Feier mit. In den Fürbitten wurde unter anderem für Demokratie, gesellschaftlichen Zusammenhalt, Menschen in Armut oder Einsamkeit sowie für Menschen aus anderen Ländern gebetet. (mtr/epd/KNA)