"Außergewöhnliche Lernfähtigkeit"

Kardinal Ryś: Johannes Paul II. hat angemessen auf Missbrauch reagiert

Kardinal Grzegorz Rys aus Krakau bei einer Messe
Bild: IMAGO / ZUMA Press Wire

Der Krakauer Kardinal Grzegorz Ryś hat Papst Johannes Paul II. (1978–2005) im Umgang mit Missbrauchsfällen eine "außergewöhnliche Lernfähigkeit" attestiert. Johannes Paul II. habe das Ausmaß des Übels des sexuellen Missbrauchs erkannt und eine "angemessene Reaktion" darauf gezeigt, sagte Ryś dem polnischen Nachrichtenmagazin "Gość Niedzielny".

Gewissenserforschunggegen "erheblichen Widerstand"

Ryś, der als Krakauer Erzbischof einer der Nachfolger von Karol Wojtyła ist, erklärte, dass Johannes Paul II. im Jahr 2000 – als erstmals in größerem Ausmaß Missbrauchsfälle bekannt geworden seien – die Kirche zur Gewissenserforschung aufgerufen und dazu ermahnt habe, sich der eigenen Vergangenheit "in schmerzhaften Fragen wie Gewalt im Namen des Glaubens, Antisemitismus oder der Geringschätzung von Frauen" zu stellen. Dies sei damals auf "erheblichen Widerstand" der Kardinäle gestoßen.

Zugleich betonte Ryś: "Ich bin der Überzeugung, dass wir Maßstäbe – insbesondere bei Karol Wojtyła – anlegen, die auf unserem heutigen Wissen über Pädophilie, deren Bekämpfung und die Hilfe für Betroffene beruhen." Johannes Paul II. sei zweifellos ein großer Mann gewesen, aber in die Zukunft habe er nicht schauen können. "Konnte man von ihm erwarten, seiner Zeit in dieser Hinsicht" – mit Blick auf das heutige Wissen über sexuellen Missbrauch in der Kirche – "um ein halbes Jahrhundert voraus zu sein? Ich glaube nicht", so der Erzbischof.

Im Frühjahr Kritik an Amtszeit in Krakau

Im Frühjahr hatte sich das Erzbistum Krakau mit Blick auf die Amtszeit Wojtyłas als Erzbischof (1964–1978) kritischer geäußert. "Er hat sich nicht um die Geschädigten gekümmert", sagte ein Bistumssprecher Ende März dem Magazin "Tygodnik Powszechny". Karol Wojtyła habe damals nicht erkannt, "wie wichtig es ist, die Perspektive der Missbrauchsbetroffenen einzunehmen, sich mit ihnen zu treffen und ihnen zuzuhören". Wenn man Wojtyłas Reaktionen aus heutiger Sicht beurteile, "können wir enttäuscht sein, dass er keine Maßnahmen ergriffen hat, die uns heute selbstverständlich erscheinen", so der Sprecher. Obwohl er von der Verwerflichkeit von Pädophilie überzeugt gewesen sei, "blieb er nicht frei von Fehlern".

Eine Recherche der Zeitung "Rzeczpospolita" hatte zuvor ergeben, dass Wojtyła Missbrauchsfälle nicht vertuschte, sondern Maßnahmen gegen Täter ergriff. Die Bischofskonferenz des Landes verteidigt Johannes Paul II. seit Jahren gegen Vorwürfe, er habe Missbrauchsfälle vertuscht. (stz)