Die Debatten vom Leipziger Christentreffen im Überblick

Der politische Katholikentag

Bundestagspräsident Norbert Lammert (l) spricht neben dem Rabbiner Juriy Kadnykov während einer Veranstaltung beim Katholikentag in Leipzig.
Bild: dpa/Sebastian Willnow

EKD-Chef Bedford-Strohm wünscht sich "neue Reformation"

Für eine "neue Reformation, die nicht zu einer Spaltung führt, sondern zu einer neuen Einheit", spricht sich der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, aus. Vom Reformationsjahr 2017 erhoffe er sich die Chance für einen neuen Aufbruch, sagte der bayerische Landesbischof beim Katholikentag. Im ökumenischen Dialog sollte nach seiner Auffassung künftig stärker darauf geachtet werden, ob die Differenzen zwischen den Kirchen noch kirchentrennend seien. Dabei sei er auch im Blick auf die "härteste Nuss", das Papstamt, zuversichtlich.

Nach Auffassung des EKD-Ratsvorsitzenden sollte es darum gehen, nicht den schwächsten Punkt der anderen Seite anzugreifen, sondern auch deren Stärken zu sehen. Im Blick auf die Stellung des Papstes bedeute dies, vonseiten der Protestanten nicht nur den Jurisdiktionsprimat, also die Vorrangstellung des Papstes, zu sehen, dem man sich nicht unterstellen könne, so Bedford-Strohm. Es müsse auch berücksichtigt werden, wie die Katholiken heute das Papstamt tatsächlich verstünden - als "gebunden an einen kommunikativen Prozess in der Kirche". Die Katholiken müssten umgekehrt anerkennen, dass auch bei den Protestanten keine Beliebigkeit herrsche, sondern Verbindlichkeit sehr wichtig sei. Wenn die Kirchen auf diese Weise ihre "Suchrichtung" änderten, könnten sie näher zueinander kommen, sagte der Landesbischof. Dabei wünsche er sich "keine einheitliche Großorganisation, sondern Einheit in Vielfalt".

Woelki: Sterbende intensiver begleiten

Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki ruft zur intensiveren Begleitung von Sterbenden auf. Beim Katholikentag wandte sich der Erzbischof am Freitag gegen eine "Verkürzung des Lebens". Das Sterben sei eine äußerst wichtige Phase, die zu jedem Leben dazugehöre. Dabei gehe es nicht darum, "das Leben und damit das Sterben um jeden Preis zu verlängern", sagte Woelki. Medizinische Apparate, die den Tod letztlich nicht verhindern könnten, seien "zu Recht eine Horrorvorstellung". Hospize aber kämpften nicht gegen das Sterben, sondern ermöglichten dieses ohne Schmerzen und mit liebevoller Begleitung. Am Stand des Erzbistums Köln dankte Woelki dem Diözesanrat für seine Aktion "Sterbebegleitung ist Lebenshilfe". Die dort präsentierte Initiative mache darauf aufmerksam, dass Sterbende jederzeit Zuwendung benötigen.

ZDF-Chefredakteur kritisiert Fokussierung auf AfD

ZDF-Chefredakteur Peter Frey kritisiert eine starke Fokussierung vieler Medien auf das Thema AfD beim Katholikentag. Er sei "etwas entsetzt, dass die Frage 'AfD ja oder nein?' die Berichterstattung über den Katholikentag überlagert". Aus seiner Sicht hätten die Organisatoren besser Vertreter der Partei zu einer Veranstaltung eingeladen und dabei "zum Beispiel über das christliche Menschenbild diskutiert". Eine solche Öffnung hätte die Fixierung auf das Thema verhindern können, betonte Frey, der dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) angehört.

Der alte Sozialismus ist an den Menschen gescheitert - man könnte ihn vielleicht mit Heiligen machen, aber nicht mit den erbsündlichen Menschen, die wir sind.

— Joachim Wanke, ehemaliger Bischof von Erfurt

Altbischof Wanke ruft zu ökumenischem Friedenseinsatz auf

In globalen Fragen sollten die Kirchen nach Ansicht des früheren Erfurter Bischofs Joachim Wanke stärker gemeinsam auftreten. "Die Ökologiefrage und die Fragen nach Gerechtigkeit und Frieden brennen uns allen auf den Nägeln - das könnte uns gemeinsam voranbringen", sagte Wanke. Bestimmte Wirtschaftsmodelle seien aber nicht christlich vermittelbar. "Der alte Sozialismus ist an den Menschen gescheitert - man könnte ihn vielleicht mit Heiligen machen, aber nicht mit den erbsündlichen Menschen, die wir sind", so Wanke. Der Generalsekretär der Weltgemeinschaft reformierter Kirchen, Chris Ferguson, appellierte an alle Kirchen, in der Flüchtlingsfrage "niemals aufzuhören, ihre Hand auszustrecken." Die Kirchen müssten hier uneingeschränkt für Barmherzigkeit eintreten. "Das bringt sozialen Wandel", so Ferguson.

De Maizière wirbt für Zusammenhalt in der Flüchtlingspolitik

Staat und Zivilgesellschaft ziehen nach den Worten von Bundesinnenminister Thomas de Maiziere (CDU) in der Flüchtlingspolitik an einem Strang. Zwischen beiden Bereichen solle kein Gegensatz aufgebaut worden, sagte der Minister. Er reagierte damit auf eine kritische Äußerung der Berliner Caritas-Direktorin Ulrike Kostka. Sie sagte mit Blick auf die zwischenzeitlich chaotische Lage im Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) in Berlin: "Wir haben Nothilfe für den Staat geleistet."

De Maiziere räumte ein, die Politik stehe unter einem erheblichen Handlungsdruck. So bearbeite das Bundesamt für Flüchtlinge und Migration (BAMF) pro Monat 50.000 Asylanträge; zu früheren Zeiten seien es 40.000 Anträge im Jahr gewesen, so der Minister. Dennoch sehe er in der Flüchtlingsfrage den Rückhalt bei der Bevölkerung gefährdet. "Eine Asylpolitik ist in gewisser Weise auf den Zusammenhalt einer Gesellschaft angewiesen", sagte de Maizière. "Das heißt nicht, dass alle einer Meinung sind. Politische Führung heißt auch, gegen den Zeitgeist etwas zu machen. Aber sie brauchen ein Mindestmaß von gesellschaftlichem Zusammenhalt. Und der war gefährdet und ist noch gefährdet."

Minister verteidit EU-Abkommen mit der Türkei

De Maizière verteidigte erneut den EU-Flüchtlingspakt mit der Türkei, an dem es wegen der Menschrechtslage Kritik gibt. "Die Bundesregierung kann sich außerhalb Europas die Partner nicht aussuchen", sagte de Maizière. "Das ist ein schwieriger Interessenausgleich, eine sehr schwierige Abwertung zwischen unseren Werten und Interessen." Der Minister nahm an einer Podiumsdiskussion zum Thema Gastfreundschaft teil. Über der Bühne blendeten die Veranstalter ein Foto des ertrunkenen syrischen Flüchtlingsjungen Aylan Kurdi und seiner Mutter ein.

Marx und Altmaier würdigen Umweltenzyklika

Papst Franziskus ist nach Ansicht von Kardinal Reinhard Marx kein genereller Kritiker von Wirtschaftswachstum. Ein qualitatives Wachstum, das nicht auf Kosten der Umwelt und der sozial Schwachen gehe, lehne auch Franziskus nicht ab, sagte Marx. Die Umweltenzyklika "Laudato si" sei gesellschaftlich so gut angenommen worden wie noch kein päpstliches Lehrschreiben zuvor, betonte Marx.

Auch Kanzleramtsminister Peter Altmaier (CDU) lobte die Enzyklika. Er sei dem Papst für das Lehrschreiben enorm dankbar, denn es habe ein besonderes Gewicht, wenn das weltweite Oberhaupt von 1,2 Milliarden Katholiken für den Erhalt des gemeinsamen Hauses Erde eintrete. Eine nationale Regierung habe im Vergleich dazu nur einen begrenzten Einfluss, erklärte Altmaier. Optimistisch äußerte sich der CDU-Politiker über die im Dezember 2015 in Paris verabschiedeten "nachhaltigen Entwicklungsziele". Damit hätten erstmals alle Staaten, alle Unternehmen und die Zivilgesellschaften weltweit einen Kompass für verantwortliches Handeln.

Rekordzahl an Protestanten beim Katholikentag

Den 100. Katholikentag in Leipzig haben bisher nach Veranstalterangaben mehr evangelische Teilnehmer besucht als je zuvor. Ihr Anteil beantrage zehn Prozent, sagte die Vizepräsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Claudia Lücking-Michel, am Freitag in Leipzig. Allgemein betonte sie: "Wir steuern auf einen dritten ökumenischen Kirchentag zu." Ein Termin sei aber unklar. Lücking-Michel sprach von einem "Skandal der Zerrissenheit der Christenheit". Dabei seien theologische Hürden in zentralen Punkten aus dem Weg geräumt worden. Man müsse klarmachen, dass das Trennende nicht wichtiger sein dürfe als das Gemeinsame. Von Leipzig solle das Signal ausgehen: "Wir müssen gemeinsam aufeinander zugehen."

Bode warnt Kirche und Gläubige vor Selbstzufriedenheit

Kirche und Gläubige dürfen nach den Worten des Osnabrücker Bischofs Franz-Josef Bode nicht in Selbstgefälligkeit und Selbstzufriedenheit verfallen. Nötig sei eine permanente Erneuerung, sagte er bei einem Gottesdienst am Freitag. Er sieht zudem eine Gefährdung von Glaube und Kirche durch eine zunehmende Ökonomisierung in der Gesellschaft. Bode betonte: "Gott wirkt keine Wirtschaftswunder. Liebe ist unverkäuflich, und Gott gibt sie gratis." Der Bischof nahm auch die Katholikentage ins Visier: Sie verlören ihren Wert, wenn nur noch hektische Betriebsamkeit und ein übertriebenes Angebot um seiner selbst willen herrsche. Mit Blick auf den Katholikentag in der Diaspora würdigte Bode die Glaubenstreue der dort lebenden Katholiken. Anders als manche Gläubige in christlich geprägten Regionen hätten sie sich einen Sinn für das Wesentliche des Glaubens bewahrt. In Leipzig sind rund 80 Prozent der etwa 570.000 Einwohner konfessionslos, rund 4 Prozent sind Katholiken.

Gemeinsames Papier vorgestellt: Hilfswerke schlagen Alarm

Die sechs katholischen Hilfswerke haben auf das Schicksal "der grundlegend benachteiligten Flüchtlinge" aufmerksam gemacht. In einem gemeinsamen Papier kritisieren sie eine "immer schlechter werdende Versorgungslage und zunehmende Perspektivlosigkeit in den Flüchtlingslagern". Der Text wurde am Freitag auf dem Katholikentag vorgestellt. Darin heißt es: "In der aktuellen Debatte gerät oft in Vergessenheit, dass die meisten Flüchtlinge sich nicht auf den Weg nach Europa machen, sondern nahe ihrer Heimat Schutz suchen." In der EU lebten 3,9 Prozent der derzeit 60 Millionen Flüchtlinge weltweit. Es komme darauf an, sich entschieden "für die Anliegen der vor Krieg und Gewalt Zuflucht suchenden Menschen" einzusetzen.

Zugleich betonen die Unterzeichner, Deutschland sei durch die deutlich gestiegene Zahl der Flüchtlinge in vielerlei Hinsicht herausgefordert. Zahlreiche Menschen hätten bereits Schutz gefunden und erhofften sich hier ein sicheres Leben "ohne Bedrohung und Überlebenskampf". Das Papier erschien zum "Tag des Flüchtlings", der am Freitag auf dem Katholikentag begangen wurde. Es handelt sich um eine gemeinsame Initiative der katholischen Hilfswerke Adveniat, Misereor, Deutscher Caritasverband, Renovabis, missio und "Die Sternsinger". Im vergangenen Jahr hat allein die katholische Kirche in Deutschland 115 Millionen Euro an außerordentlichen Mitteln für Flüchtlingshilfen im In- und Ausland zur Verfügung gestellt.

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Koch fordert weltweiten Dialog zur Familientheologie

Der Berliner Erzbischof Heiner Koch plädiert dafür, die kirchliche Debatte über Familienfragen internationaler zu führen. "Wir brauchen einen größeren theologischen Austausch auch mit USA, Osteuropa und Afrika - das Papstschreiben 'Amoris laetitia' hat noch längst nicht alle Fragen zu Familie und Ehe gelöst", sagte der Vorsitzende der Familien-Kommission der Deutschen Bischofskonferenz. "Das Zusammenkommen unterschiedlicher Sichtweisen - was spannend ist - wird weitergehen." Er beobachte hierbei eine hohe Bereitschaft, allerdings sei ein langer Atem nötig.

Marx warnt vor Populismus

Kardinal Reinhard Marx hat vor einer "aufgehetzten Gesellschaft" und den Folgen populistischer Politik gewarnt. Parteien dürften ihre  Programme nicht nach "kurzatmigen Stimmungen oder den Empfehlungen der Forschungsgruppe Wahlen ausrichten", sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz am Freitag. Wichtig sei daher eine langfristige Orientierung an Grundprinzipien. In einer "aufgehetzten Gesellschaft" bestehe die Gefahr eines Schwarz-Weiß-Denkens und des Versprechens von vermeintlich einfachen Lösungen. "Ich dachte eigentlich, da wären wir schon weiter", kritisierte der Münchner Erzbischof. Auch Religion müsse sich gegen jede Instrumentalisierung wehren; Gott dürfe nicht als Mittel zum Zweck für eigene Machtinteressen missbraucht werden.

Die biblische Aussage "Seht, da ist der Mensch" aus der Passionsgeschichte Jesu - zugleich das Motto des Katholikentages  - fordere dazu auf, den Menschen tiefer zu verstehen, so Marx. Der Gottesglaube schließe "keinen Moment des Menschen" aus. "Das gilt vom Sündenfall bis Aleppo, von den größten Errungenschaften des Menschen bis Auschwitz!"

Lammert formuliert Grundregeln für Integration

Bundestagspräsident Norbert Lammert warnt davor, beim Blick auf den Islam die eigene Geschichte aus dem Blick zu verlieren. "Auch die katholische Kirche war nachweislich über Jahrhunderte unvereinbar mit Demokratie - eigentlich bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil, also quasi bis vorgestern", sagte er bei einer Podiumsdiskussion. Lammert warnte vor pauschalen Vorwürfen, nach denen der Islam unvereinbar mit Freiheit oder Demokratie sei.

Unabhängig davon müsse man aber selbstverständlich von allen Muslimen in Deutschland verlangen, sich an die Regeln des Grundgesetzes zu halten. Es gebe in Deutschland zwei entscheidende Voraussetzungen für gelingende Integration, betonte Lammert: "Diejenigen, die hier leben, müssen bereit sein, andere aufzunehmen. Und alle, die kommen, müssen bereit sein, sich integrieren zu lassen." Problematisch sei es jedoch, "wenn Einheimische von Zuwanderern fordern, Werte und Regeln zu befolgen, an die sie sich selbst nicht halten".

Overbeck: Wir brauchen keine Mauern und Zäune

Militärbischof Franz-Josef Overbeck hat nationalstaatliche Interessen verurteilt und zu einer Orientierung am Wohl aller Völker und Menschen aufgerufen. "Genau darum braucht es Gastfreundschaft und offene Türen und keine Abschottung, Mauern und Zäune", sagte er bei einem Gottesdienst in der General-Olbricht-Kaserne. Derzeit werde jedoch schwachen Staaten ein gleichberechtigter Zugang zum Weltgemeinwohl verwehrt und "damit der Grund für gewalttätige Reaktionen gelegt". Christliche Friedensethik, so der Essener Diözesanbischof, sei visionär und realistisch zugleich. Sie halte unter genauen Bedingungen an einem staatlichen Verteidigungsrecht ebenso fest wie auch unter bestimmten, eng gefassten Voraussetzungen "am Einsatz militärischer Mittel in Folge einer verantworteten Sicherheitspolitik".

Overbeck warnte vor einer völlig neuen Dimension von Gewalt, die die Welt in bisher unbekannter Weise bedrohen könne. Dies werde in ersten Umrissen sichtbar. Der Militärbischof bezeichnete hier beispielsweise "Cyberkriege als eine konkrete Bedrohung und als eine leise Gefahr zugleich". Der Friede sei ein zerbrechliches Gut und bleibe der Freiheit des Menschen überantwortet. Dieser dürfe vom "Glauben an die Realutopie eines solchen Friedens nicht ablassen", so der katholische Militärbischof für die Bundeswehr.

Schavan: Die DDR wollte Gott für tot erklären

Die CDU-Politikerin Annette Schavan hat den Beitrag von Christen zur friedlichen Revolution von 1989 gewürdigt. Der Wille zum Frieden habe damals die Gefahr der Gewalt besiegt, sagte die Botschafterin beim Heiligen Stuhl bei einem Morgengebet in der Nikolaikirche am Freitag. Sie betonte, das DDR-System habe Gott für tot erklären wollen. Zivilcourage habe jedoch "ein neues Kapitel in der Geschichte Europas aufgeschlagen". Die Menschen hätten auf Gott und die Freiheit gesetzt; dies sei "eine der größten zivilisatorischen Leistungen Europas" gewesen. Christen dürften auf die Kraft setzen, die aus Tod und Auferstehung Jesu erwachse; daraus entstünden neue Lebensperspektiven, so Schavan. Die Nikolaikirche gilt als Ursprungsort der historischen Montagsdemonstrationen vor der politischen Wende von 1989.

Sternberg bekräftigt Haltung zur AfD

Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (Zdk), Thomas Sternberg, hat seine Haltung zur zur Alternative für Deutschland (AfD) bekräftigt: "Nein, die AfD ist keine christliche Partei", Sternberg auf einem SPD-Empfang am Donnerstagabend. Derzeit gibt es eine Diskussion darüber, dass die Organisatoren des Katholikentages keine Vertreter der Partei zu Podien eingeladen hatten. SPD-Generalsekretärin Katarina Barley sagte bei dem Empfang, sie habe Respekt vor dieser Entscheidung.

Der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse warnte davor, die Demokratie als allzu selbstverständlich zu betrachten. Als in der DDR Demonstranten "Wir sind das Volk" und "Keine Gewalt" riefen, hätten sie Demokratie und Rechtsstaatlichkeit sowie die Überwindung von Grenzen gewollt, sagte das Thierse, der auch Mitglied im ZdK ist. Wenn sich heute Rechtspopulisten diese Parolen zu eigen machten, sei das eine "böse Verfälschung". Unter großem Applaus ergänzte Thierse: "Wir sollten uns das nicht gefallen lassen." Es gelte, aus historischer Erfahrung heraus zusammenzustehen.

Rabbiner: "Die Ewiggestrigen sollen nicht gewinnen!"

Der emeritierte Landesrabbiner und langjährige jüdische Präsident der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, Henry G. Brandt, ruft alle im interreligiösen Dialog Engagierten dazu auf, "keine Rückschläge zuzulassen". Bei der traditionellen christlich-jüdischen Feier des Katholikentags sagte er am Donnerstagabend in Leipzig: "Das Erreichte muss gewahrt bleiben, die Ewiggestrigen sollen nicht gewinnen!" Damit spielte Brandt auch auf eine Äußerung des für den Dialog mit den katholischen Traditionalisten zuständigen Erzbischofs Guido Pozzo an, wonach die Erklärung "Nostra aetate" des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) über das Verhältnis zu den Juden keine verbindliche theologische Aussage sei.

Mit Besorgnis sehe er, dass es "hier und da die Bestrebung gibt, die Schraube zurückzudrehen", so der Rabbiner. Das Konzil dürfe nicht relativiert werden, auch nicht mit guten Absichten. Dies sei sein "Vermächtnis für die Zukunft", sagte Brandt unter großem Beifall. Er habe "wahrscheinlich zum letzten Mal qua Amt" bei einer solchen Feier des Katholikentags mitgewirkt. Seit drei Jahrzehnten habe er sich an Katholikentagen und an der "Woche der Brüderlichkeit" beteiligt, "aus der Überzeugung, dass wir gemeinsam vor Gott treten können, um zu beten", ohne damit die Unterschiede zwischen den Religionen zu verleugnen. (kim/KNA/dpa)

Linktipp: Seht, da sind die Debatten

Seit Donnerstag läuft beim 100. Katholikentag das umfangreiche inhaltliche Programm. Bundespräsident Joachim Gauck warnte vor Hetzte und Hysterie - und zeigte zugleich Verständnis für gewisse Ängste.

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