Kolumne: Mein Religionsunterricht

"Es werde Licht": Wie Schüler die Schöpfungsgeschichte verstehen

Aktualisiert am 12.03.2021  –  Lesedauer: 

Wentorf ‐ Die biblische Schöpfungserzählung kann nicht naturwissenschaftlich verstanden werden. Also hat Heinz Waldorf in seinem Unterricht eine andere Annäherung an die Geschichte versucht – und lässt nun seine Schüler mit ihren Erkenntnissen zu Wort kommen.

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In der letzten Kolumne hatte ich von der Arbeit im achten Schuljahr mit der ersten Schöpfungsgeschichte erzählt. Es ging mir darum zu fragen, um was es in dieser Geschichte gehe, welche sinnvollen Akzente in einer einstündigen Veranstaltung an der Schule zu setzen seien, damit die Schüler*Innen ihr einen Sinn geben könnten. Ich erzählte von dem einen in den Vordergrund gerückten Aspekt des Lichts. Ich wollte dabei zentrale Fragen des Menschseins stellen und meine Gruppe mit diesen konfrontieren: Was ist der Mensch? Was kann er von diesem Leben erwarten?

Im Teil zum Licht stehen Äußerungen zu den Stichworten aus Gen 1,2f. – Finsternis, Öde, Wüste Leere und Licht– im Vordergrund. Ich frage, was diese Worte den Schüler*Innen sagen. Im Januar hatte ich versprochen, diese selbst zu Wort kommen zu lassen. Ich möchte dieses Versprechen heute einlösen. Denn ich bin angetan von dem, was die Schüler*Innen geäußert haben. Einmal sind es authentische Zeugnisse, die allen unterrichtlichen Arrangements gewissermaßen stets vorausgehenden Originale. Zugleich werde ich mit den schlichten, ganz einfachen Fragen des Lebens konfrontiert, um die es vor aller theologischen und philosophischen Problematisierung doch stets geht. Es ist eine Art von Elementarisierung, die ich gar nicht bewerkstelligen muss, sondern die aus der Gruppe selbst kommt.

Ohne Freunde entsteht ein Gefühl von "Finsternis"

Was sagt meinen Schüler*Innen das Wort "Finsternis"? Naheliegenderweise spielt der schulische Alltag eine Rolle. So kommt das "Gefühl von Finsternis" "auch durch schlechte Noten und Schulstress" auf. Manchmal hat man einfach keinen Durchblick. Denn "man kann auch blind für eine bestimmte Sache sein". Manche machen die Erfahrung, den eigenen Anforderungen nicht gerecht zu werden. "Für mich bedeutet Finsternis, dass es dunkel ist und man enttäuscht von sich selber ist, und dass man weiß, dass man versagt." Für manchen ist es dunkel, "und man fühlt sich enttäuscht von sich oder auch von der Menschheit". Finsternis tritt ein, "wenn man nicht mehr weiterkommt (Sackgasse)".

Für eine Reihe von Schüler*Innen spielen Einsamkeit und das Gefühl, bei Problemen alleingelassen zu werden eine Rolle. "Manchmal hat man ein Problem und findet keine Person, der man sich anvertrauen kann. ... Es ist zwar sonnig, aber man ist alleine und fühlt sich verlassen." Man ist enttäuscht, "wenn man ein Problem hat und evtl. Hilfe oder Unterstützung zum Reden braucht, aber niemand zu finden ist". "Wenn man keine Freunde hat, entsteht ein Gefühl von 'Finsternis.'"

Es geht um Verlusterfahrungen, "wenn man jemanden verliert, den man liebt". "Finsternis bedeutet für mich Traurigkeit, z.B. wenn man Streit mit seinen Eltern hat oder wenn jemand gestorben ist." "Außerdem ist es für einen finster, wenn man Verluste zu beklagen hat." "Tod bedeutet für mich Trauer um einen Menschen, wenn man eine Person verloren hat, die einem vielleicht nah war."

Eine Frau sitzt verängstigt auf dem Boden.
Bild: ©Fotolia.com/yupachingping

Manchmal überkommt einen Menschen ein "Gefühl von Finsternis", wie es die Schüler von Heinz Waldorf ausgedrückt haben. Ein Licht, wie das aus der Schöpfungserzählung, kann dann Hoffnung bringen.

Und auch die Erfahrungen mit den Zeitumständen werden thematisiert. "Finsternis bedeutet für mich Grausamkeit (Terroranschläge)." "Finsternis bedeutet für mich Unterdrückung, Ermordung wie z.B. in China oder Russland. Es bedeutet für mich auch, dass es Artensterben, Klimawandel und andere von Menschen herbeigeführte Katastrophen gibt." Natürlich flackert auch schon im Finstern Hoffnung auf: "Es hilft, wenn man dann bei der Familie ist und liebt."

Im nächsten Schritt ist dann die Frage, was es "meinen" Schüler*Innen bedeutet, wenn in eine solche Situation "Es werde Licht!" gesagt wird. Ganz klar: "Wenn es licht wird, dann vertreibt man die Dunkelheit." Und etwas verhaltener: "Vielleicht bedeutet 'Es werde Licht' so etwas wie 'Es werde Hoffnung' oder 'Es werde Freude'." "Das Licht lässt dich alles rund um die Finsternis vergessen. Fröhlichkeit, wenn man wieder das Gefühl hat, dass man lebt." "Es ist fröhlicher, glücklicher."

Viele der oben angedeuteten finsteren Seiten hellen sich auf, werden gewendet. "Alle Finsternis ist plötzlich weg, alle sind glücklich und niemand ist traurig. Keiner ist krank, jeder ist gesund." "Man sieht, man ist doch nicht allein, man fühlt sich nicht mehr einsam ... man sieht wieder den Weg und weiß, wo man langgeht"; außerdem geht die Einsamkeit auch deswegen, "weil man sieht, wer um einen herum ist". Im Licht ist es "einfacher, seine Probleme zu klären", das Licht bedeutet "einen Durchblick und eine Übersicht". Selbst wenn die Lebenssituation sich nicht sofort ändert, antizipieren manche bereits die Lichterfahrung. "Auch wenn man das Licht nicht sieht, ist es immer da und auch greifbar." "Wenn es einem schlecht geht, ist es einfacher die 'Trauer' in sich zu finden als im Dunkeln."

"Es ist nicht alles und immer finster"

Die Verantwortung, die wir Menschen tragen für das Dunkel auf dieser Welt, ein Gespür dafür, dass es keineswegs um ein dunkles Schicksal geht, dem wir ausgesetzt sind, betont diese Äußerung: "Es ist nicht alles und immer finster, es ist eigentlich sehr viel Licht da, es ist nur so finster, wie wir es uns machen." Von hier aus erscheint es übrigens möglich, den Gehalt der Idee von der Gottebenbildlichkeit des Menschen zu klären und die hier mitgemeinte Verantwortung des Menschen für die Schöpfung und die in ihr lebenden Geschöpfe zu thematisieren.

Was soll das Ganze? Es geht um die Frage, welche Relevanz die Schöpfungsgeschichte für Schüler*Innen heute haben kann. Sie finden sich offenbar in einer Situation wieder, die man ohne weiteres als Facette der Jahrtausende alten conditio humana bezeichnen kann, der Konfrontation mit der Fragwürdigkeit unserer Existenz. Für diese Fragen muss der Unterricht ein Forum bieten. Es stellt sich dann aber schnell heraus, dass alle auf je eigene Weise nach den weiterführenden Perspektiven, nach Hoffnung, Heilung, Leben fragen – zusammengefasst in der Metapher des Lichts. Die Schöpfungsgeschichte ist ein Angebot an den Menschen, der nach diesem Licht fragt, sie ist wie ein Versprechen, dass über unserem Leben Licht scheinen möge und nicht alles in Finsternis und Wüste untergehe. Ich habe schon öfter betont, wie befriedigend es für mich ist, im Religionsunterricht solche Perspektiven zu eröffnen und in diesem Sinn Orientierungsmarken zu setzen und zu einer Erweiterung des Weltverständnisses beizutragen. Wer wollte mit Bestimmtheit sagen, dass es nicht tatsächlich so kommen könnte, wie es einer meiner wunderbaren Achtklässler formuliert hat: "Ab dem Zeitpunkt geht es den Lebewesen gut und sie müssen keine Angst mehr haben, denn sie sind geborgen und in Sicherheit."

Von Heinz Waldorf

Der Autor

Heinz Waldorf ist Lehrer am Gymnasium Wentorf bei Hamburg.

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