Neuer Oberhirte von Chur in Kathedrale geweiht

Bischof Bonnemain: "Unser Bistum ist krank, braucht eine Therapie"

Veröffentlicht am 20.03.2021 um 09:55 Uhr – Lesedauer: 

Zürich ‐ Die Weiheliturgie konnte zwar nur unter Corona-Bedingungen stattfinden, doch seit gestern hat das Schweizer Bistum Chur einen neuen Bischof: Joseph Bonnemain möchte die Wunden der jahrelangen Auseinandersetzungen in seinem Bistum heilen.

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Der neue Churer Bischof Joseph Bonnemain bezeichnet sein Bistum als krank. Es brauche "eine Therapie", sagte der studierte Arzt und Mediziner am Tag seiner Bischofsweihe dem Portal kath.ch. Er wolle keine Kirche, die sich mit Strukturdebatten beschäftigt, sondern wolle nahe bei den Menschen sein.

"Unsere Kirche muss bescheidener, demütiger, ehrlicher, transparenter werden", sagte Bonnemain. "Mit Rüffeln erreicht man nichts - ebenso nicht mit Verboten oder Vorschriften." Ihm gehe es darum "zu motivieren, zu integrieren, zu begleiten". Niemand brauche vor ihm "Angst zu haben".

Der neue Bischof wörtlich: "Unser Bistum ist krank und braucht eine Therapie. Wir beschäftigen uns mit uns selbst, mit unseren Strukturen, mit unseren Spannungen und Konflikten. Wir verlieren viel Zeit - und verpassen die Chance, für die Menschen da zu sein und ihnen zu sagen, wie sehr Gott sie liebt." Es reiche nicht, "vom Balkon aus die Lehre der Kirche und den Katechismus vorzutragen, sondern wir müssen die Sorgen der Menschen verstehen und mittragen". Die Menschen "brauchen uns viel mehr auf der Straße". Es gelte herauszufinden: "Wie können wir diesen Menschen helfen? Wie können wir Zuversicht vermitteln?"

Bonnemain lud Prostituierte zu Bischofsweihe ein

Bonnemain räumte ein, er habe "riesigen Respekt" vor der neuen Aufgabe, die "viel größer ist, als es meine Kräfte zulassen". Er brauche dafür "die Hilfe aller", so der 72-Jährige; er selbst habe das Bischofsamt nicht gesucht.

Bei seiner Bischofsweihe am Freitagabend sollen auf seine Einladung auch drei Prostituierte aus Zürich teilnehmen. "Die beste Kapelle ist die Straße", sagt Bonnemain. Er wolle sie bald empfangen und im Gespräch kennenlernen.

Zu seiner geistlichen Heimat, der konservativ-katholischen Personalprälatur Opus Dei, sagte Bonnemain, sie sei seine "Familie" gewesen; aber "jetzt ist das Bistum meine neue Familie". Seit 40 Jahren arbeite er für das Ordinariat in Chur. Das Opus Dei habe sich "hier nie eingemischt". Auf ein eigenes Wappen verzichtet der neue Oberhirte. Das Kreuz als Zeichen für sein Bischofsamt reiche ihm.

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Auf die Frage, ob er als langjähriges Mitglied der Bistumsleitung nicht für Machtmissbrauch und spirituellen Missbrauch unter den Bischöfen Wolfgang Haas und Vitus Huonder mitverantwortlich sei, sagte Bonnemain: "Ich stand oft vor der Frage, ob ich gehen oder bleiben solle. Ich bin geblieben, weil ich überzeugt war, dadurch doch auch etwas Gutes bewirken zu können."

Erste Personalentscheidungen im Bistum kündigte er für frühestens in vier Wochen an. Nach dem Rücktritt von Weihbischof, Generalvikar und Mediensprecher gebe derzeit zu wenige Schultern, um Arbeitslast und Neuanfang zu stemmen. Doch vorher wolle er viele Gespräche führen und ein Team bilden, das seine Visionen mittrage.

Zur Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch in der Kirche sprach sich Bonnemain für eine groß angelegte Studie aus, wenn möglich in einem landesweiten Kontext. Wie am Donnerstag in Köln gelte es auch, die Namen von Verantwortlichen zu nennen. "Ich bin bereit dazu, schon am Montag alle Archive zu öffnen", so der neue Bischof.

Begegnung mit Krebskrankem veränderte Leben von neuem Bischof

Zudem berichtete Bonnemain von einer besonderen Begegnung, die sein Leben veränderte: "Ganz am Anfang meines Wirkens im Spital hatte ich mit einem 50-jährigen Italiener zu tun. Er hatte Krebs im Endstadium. Es war klar, dass er sterben wird. Ich kam zu ihm, um ihm die Sakramente zu spenden, aber er hat mich auf die nächste Woche vertröstet. Die Woche drauf dann wieder auf die nächste Woche - und ich wurde nervös, weil ich die Sakramente noch immer nicht gespendet hatte.

Irgendwann sagte er: 'Sie machen mir Angst. Sie sind jung, dünn, sportlich, haben zwei Doktortitel. Ich brauche einen alten, dicken und gutmütigen Kapuziner.' Ich habe mir gedacht: Hier spricht der Heilige Geist. Mir war klar, dass ich mich verändern muss. Ich habe verstanden, dass die Theologie in der Realität anders funktioniert als im Studium. Es gibt kein Schwarz oder Weiß, sondern viele Schattierungen." Der neue Bischof von Chur ist in Barcelona geboren und aufgewachsen. Er studierte in Zürich Medizin, in Rom Theologie und ist seit vier Jahrzehnten in der Churer Bistumsleitung tätig. (rom/KNA)