Pater Philipp König über das Sonntagsevangelium

Wer hoch hinaus will, muss tief hinunter

Aktualisiert am 27.08.2022  –  Lesedauer: 
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Frankfurt am Main ‐ Demut – gerade vielen Älteren läuft es da kalt den Rücken herunter. Zu lange wurde diese Tugend des Evangeliums benutzt und missbraucht. Pater Philipp aber nimmt Jesus beim Wort und fragt sich: Mit wem möchte er eigentlich (nicht) am Tisch sitzen? Und was macht die Abwesenheit von Demut mit uns?

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Schnell die besten Plätze sichern! Ob bei einem Event, einer Feier oder sonst einer wichtigen Veranstaltung: Menschen wollen gut dastehen und ihren Status beweisen. Der Wunsch, eine gute Position zu haben und mit wichtigen Leuten umzugehen, ist tief im Menschen verankert. Das war schon zur Zeit Jesu so: Bei Gastmählern wurde sehr genau registriert, wer wo sitzen (besser: liegen) durfte und die besten Plätze erhielt.

Von wem empfange ich meine Ehre?

Wenn Jesus rät, bei Tisch statt der Ehrenplätze den untersten Platz einzunehmen, dann geht es ihm wohl kaum um Benimmregeln nach Knigge oder um die Vermeidung peinlicher Situationen. Vielmehr trifft er eine Aussage über das Reich Gottes, wo die bekannten Wertmaßstäbe umgekehrt werden. Bei Gott haben wir es nicht (mehr) nötig, voneinander Titel oder Status zu empfangen.

Heute bemessen nicht nur Promis ihren persönlichen Wert und Status gern anhand von Follower-Zahlen und Likes in den sozialen Netzwerken. Doch der ständige Vergleich mit anderen, der Druck, sich optimal zu inszenieren und perfekte Fotos zu produzieren, führt häufig in die Leere und sogar in die Depression. Die oft fatalen psychischen Folgen gerade für viele junge Menschen sind inzwischen wissenschaftlich belegt. Woher beziehe ich mein Ansehen? Oder mit den Worten des Neues Testaments: Von wem empfange ich meine Ehre: Von Gott? Oder doch von Menschen? Hier ist eine Entscheidung gefordert!

Ein oft missbrauchter Satz

"Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden." Dieser Satz gehört wohl zu den am meisten missbrauchten Sätzen des Neuen Testaments. Herrschende benutz(t)en ihn allzu oft, um andere, vermeintlich Schwächere, kleinzuhalten und auszubeuten – leider auch in unserer Kirche! Oft beziehen ihn gerade die Menschen auf sich, die ohnehin schon schwer am Leben zu tragen haben und in ihrem Selbstvertrauen verunsichert sind.

Aus Jesu Mund bekommt der Satz jedoch einen ganz anderen Klang und wird zur Selbstaussage: "Ich bin demütig von Herzen." (Mt 11,29) Am Kreuz hat er sich aus Liebe erniedrigt und wurde erhöht. Bei dieser Demut geht es keinesfalls um erzwungene Demütigung oder gar Unterwerfung anderer, auch nicht um Selbstkasteiung um der Kasteiung willen! Vielmehr ist Demut eine reife und liebevolle Lebenshaltung aus dem rechten Verhältnis zu Gott: "Demut ist Wahrheit." (Therese von Lisieux)

Im lateinischen "humilitas" (Demut) steckt das Wort "humus" (Erdboden). Auch das Wort "Humor" ist damit verwandt. Wer demütig ist, behält Bodenhaftung, bleibt mit der Erde verwurzelt und kann auch einmal über sich selbst lachen. Es ist paradox: Um in den Himmel zu kommen, muss man mit beiden Beinen auf dem Boden stehen. Gerade wenn ich ein hohes Gebäude errichten will, muss ich ein tiefes Fundament legen. "Wer hoch hinaus will, muss tief hinunter." (Rudolf Stertenbrink)

Den Himmel erden

Hand auf‘s Herz: Mit welchen Menschen verkehre ich am liebsten? Mit wem möchte ich (nicht) an einem Tisch sitzen? Die Verlockung ist groß, mich lieber mit solchen Leuten zu umgeben, die besonders einflussreich, attraktiv oder eloquent sind. Kurzum: mit Menschen, die mir etwas "bringen" und meinen Marktwert steigern. Jesus stellt diese berechnende Logik von Leistung und Gegenleistung auf den Kopf: "Lade Arme, Krüppel, Lahme und Blinde ein." Es ist nicht schwer, herauszufinden, wer dies in unserer Zeit ist. Es braucht dafür Mut und manchmal Überwindung. Doch wer dies tut, baut jetzt schon mit am Reich Gottes, kann "den Himmel erden".

Aus dem Evangelium nach Lukas (Lk 14,1.7–14)

Jesus kam an einem Sabbat in das Haus eines führenden Pharisäers zum Essen. Da beobachtete man ihn genau. Als er bemerkte, wie sich die Gäste die Ehrenplätze aussuchten, erzählte er ihnen ein Gleichnis.

Er sagte zu ihnen: Wenn du von jemandem zu einer Hochzeit eingeladen bist, nimm nicht den Ehrenplatz ein! Denn es könnte ein anderer von ihm eingeladen sein, der vornehmer ist als du, und dann würde der Gastgeber, der dich und ihn eingeladen hat, kommen und zu dir sagen: Mach diesem hier Platz! Du aber wärst beschämt und müsstest den untersten Platz einnehmen.

Vielmehr, wenn du eingeladen bist, geh hin und nimm den untersten Platz ein, damit dein Gastgeber zu dir kommt und sagt: Mein Freund, rück weiter hinauf! Das wird für dich eine Ehre sein vor allen anderen Gästen. Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.

Dann sagte er zu dem Gastgeber: Wenn du mittags oder abends ein Essen gibst, lade nicht deine Freunde oder deine Brüder, deine Verwandten oder reiche Nachbarn ein; sonst laden auch sie dich wieder ein
und dir ist es vergolten.

Nein, wenn du ein Essen gibst, dann lade Arme, Krüppel, Lahme und Blinde ein. Du wirst selig sein, denn sie haben nichts, um es dir zu vergelten; es wird dir vergolten werden bei der Auferstehung der Gerechten.

Der Autor

Pater Philipp König gehört dem Dominikanerorden an und arbeitet als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Patristik und Antikes Christentum an der Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt/Main. Außerdem ist er als Postulatsleiter in der Ordensausbildung tätig.

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