Schwester Birgit Stollhoff über das Sonntagsevangelium

Lazarus und die Insel der Seligen

Aktualisiert am 24.09.2022  –  Lesedauer: 
Ausgelegt!

Hannover ‐ Alles, was in meinem kleinen Raum geschieht, erscheint mir ungemein groß und bedeutungsvoll. In der Konfrontation mit der Welt aber endet dieses Insel-Leben und beginnt das schmerzliche Erkennen. Was für einzelne Menschen stimmt, trifft auch auf die Kirche zu, warnt Schwester Birgitt Stollhoff.

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"Isolationstäuschung" – diesen Begriff habe ich in einer Fortbildung zur Öffentlichkeit kennengelernt. Isolationstäuschung bezeichnet hier eine Wahrnehmung, die entsteht, wenn ich mich in einem sehr kleinen sozialen oder geographischen Raum bewege: Alles, was in diesem Raum geschieht, ist von lebensentscheidender Bedeutung für mich. Der Welt jenseits dieser Insel, unterstelle ich, dass dort die gleichen Fragen und Themen wichtig sein müssen. Deutlich wird, was für ein Missbrauchs-Potential so eine Insel-Situation bietet. In vielen Filmen, modernen Hollywood-Filmen wie Matrix oder der Trumann-Show etwa, wird dieser Gedanke aufgegriffen: Können sich Menschen dauerhaft so täuschen lassen?

Wenn ich mir die Kirche anschaue, möchte ich das manchmal bejahen. Und zwar nicht nur bezogen auf die entsetzlichen Missbrauchsfälle, an denen bis heute deutlich wird, wie ganze Hierarchien ihre Wahrnehmung "ausschalten" können. Ich frage mich das auch manchmal bei all den anderen Fragen – wiederverheiratete Geschiedene, Ökumene, die Gleichstellung von Mann und Frau. In der Kirche sind das wichtige Fragen – aber interessiert das außerhalb der Kirche noch?

Der "reiche Mann" in Jesu Gleichnis ist der Prototyp des Menschen, der es erfolgreich geschafft hat, das Wissen über die Not um ihn herum Zeit seines Lebens auszuschalten. Und erst, als seinem Insel-Reichen-Leben eine biologische Grenze gesetzt wird, der Tod, beginnt das Erkennen. Und das ist "die Hölle". Für eine Beziehung, ein Lernen mit dem armen Lazarus und eine gemeinsame bessere Zukunft für die Generationen ist es jetzt zu spät.

Wie sieht es da mit der Kirche aus? Kirche, kirchliche Hierarchien und Gremien, so scheint es manchmal, leben immer noch in einem Elfenbeinturm. Und die Hölle, in die wir als Kirche gerade tief fallen, ist, so mein Eindruck, die einer gesellschaftlichen Irrelevanz. Die missionarische Verkündigung der Frohen Botschaft, das zentrale Erbe Jesu Christi, verhallt zunehmend ungehört und ungeglaubt trotz vieler Prophetinnen und Propheten.

Gleichzeitig bin ich optimistischer – und so versteht auch Jesus das Gleichnis: Weil Kirche – wie alle – sich dieser Gefahr bewusst ist, gibt es auch immer wieder und weiterhin Schritte aus der Isolation hinaus. Theologisch mag da bedeutend nach wie vor das II. Vatikanische Konzil sein etwa mit seiner Öffnung zu anderen Religionen im Dialog mit bedeutenden Religionsvertretern; auch die ständige Hilfe für Geflüchtete als konkreter diakonischer Ausdruck des Weltkirche-Seins sowie etwa die Suche nach neuen Wegen und Formen für Kirche in der Welt. "Keine Religion ist eine Insel": Dieser Satz stammt von dem jüdischen Religionsphilosophen und bedeutenden Konzils-Dialogpartner Abraham Joshua Herschel. Und so wird uns nur die Begegnung mit den Anderen – Religionen, Menschen, Kulturen und Zeiten – helfen, uns selber zu verändern. Nur so können wir als Teil der Gesellschaft unsere Frohe Botschaft in die Dynamik der Zukunft einbringen.

Evangelium nach Lukas (Lk 16,19–31)

In jener Zeit sprach Jesus zu den Pharisäern:

Es war einmal ein reicher Mann, der sich in Purpur und feines Leinen kleidete und Tag für Tag glanzvolle Feste feierte.

Vor der Tür des Reichen aber lag ein armer Mann namens Lázarus, dessen Leib voller Geschwüre war. Er hätte gern seinen Hunger mit dem gestillt, was vom Tisch des Reichen herunterfiel. Stattdessen kamen die Hunde und leckten an seinen Geschwüren.

Es geschah aber: Der Arme starb und wurde von den Engeln in Abrahams Schoß getragen. Auch der Reiche starb und wurde begraben. In der Unterwelt, wo er qualvolle Schmerzen litt, blickte er auf und sah von Weitem Abraham und Lázarus in seinem Schoß.

Da rief er: Vater Abraham, hab Erbarmen mit mir und schick Lázarus; er soll die Spitze seines Fingers ins Wasser tauchen und mir die Zunge kühlen, denn ich leide große Qual in diesem Feuer.

Abraham erwiderte: Mein Kind, erinnere dich daran, dass du schon zu Lebzeiten deine Wohltaten erhalten hast, Lázarus dagegen nur Schlechtes. Jetzt wird er hier getröstet, du aber leidest große Qual. Außerdem ist zwischen uns und euch ein tiefer, unüberwindlicher Abgrund, sodass niemand von hier zu euch
oder von dort zu uns kommen kann, selbst wenn er wollte.

Da sagte der Reiche: Dann bitte ich dich, Vater, schick ihn in das Haus meines Vaters! Denn ich habe noch fünf Brüder. Er soll sie warnen, damit nicht auch sie an diesen Ort der Qual kommen.

Abraham aber sagte: Sie haben Mose und die Propheten, auf die sollen sie hören. Er erwiderte: Nein, Vater Abraham, aber wenn einer von den Toten zu ihnen kommt, werden sie umkehren.

Darauf sagte Abraham zu ihm: Wenn sie auf Mose und die Propheten nicht hören, werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn einer von den Toten aufersteht.

Die Autorin

Sr. Birgit Stollhoff CJ gehört dem Orden Congregatio Jesu (auch bekannt als Mary-Ward-Schwestern) an, arbeitet im Jugendpastoralen Zentrum "Tabor" in Hannover, studiert Theologie im Fernstudium an der Universität Luzern und ist mitverantwortlich für die Öffentlichkeits- und Medienarbeit ihres Ordens.

Ausgelegt!

Wie für jeden Tag gibt es in der Kirche auch für jeden Sonntagsgottesdienst ein spezielles Evangelium. Um sich auf die Messe vorzubereiten oder zur Nachbereitung bietet katholisch.de "Ausgelegt!" an. Darin können Sie die jeweilige Textstelle aus dem Leben Jesu und einen Impuls lesen. Diese kurzen Sonntagsimpulse schreibt ein Pool aus Ordensleuten und Priestern für uns.