Schwester Anne Kurz über das Sonntagsevangelium

In Gottes Gerechtigkeit liegt unsere Zukunft

Aktualisiert am 15.10.2022  –  Lesedauer: 
Ausgelegt!

Venne bei Münster ‐ Es gibt viele Gründe, in diesen Tagen den Glauben an das Gebet zu verlieren. Kann Gott überhaupt unverzüglich Recht verschaffen? Schwester Anne Kurz folgt den bewegten Lebensspuren zweier Frauen – und findet eine Hoffnung, die sie aufleben lässt.

  • Teilen:

HTML-Elemente (z.B. Videos) sind ausgeblendet. Zum Einblenden der Elemente aktivieren Sie hier die entsprechenden Cookies.

Impuls von Schwester Anne Kurz

Oft hat mir eine gute Freundin aus ihrem Leben erzählt: von der Enttäuschung ihres Vaters bei ihrer Geburt, da sie ein Mädchen war; von der erlittenen Zerrüttung im Zweiten Weltkrieg; davon, wie es nicht einfach war, ihren eigenen Weg zu finden. Manchmal geschah in bedrängenden Situationen nachts etwas. Schlaflos begann sie, klarer zu sehen. Eine Art innere Stimme zeigte an, was sie zu tun habe. Wenn sie dann tags ging, spürte sie Unsicherheit und Angst, doch durch ihre Worte und Handlungen wandelten sich Situationen und die betreffenden Menschen.

Diese Freundin scheint mir seelenverwandt zu sein mit der Witwe im heutigen Evangelium. Ob sie arm war oder reich, alt oder jung, wissen wir nicht. Möglicherweise waren ihr Ehemann und sie sich in Liebe zugetan. Tod und Trauer mögen sie dahin geführt haben, aus der Tiefe ihrer selbst zu leben. Wir sehen eine Frau, die sich jeden Tag erhebt. Sie sendet keine Beschwerdebriefe, sondern geht los. Jeden Tag blickt sie in das Angesicht dessen, der ihr den Rechtsanspruch verweigert. Ihr Glaube muss groß sein. Verbunden muss sie sein mit dem, der die Auferstehung und das Leben ist.

Ihr gegenüber steht der Richter. Dieser hat jeglichen Glauben verloren: an Gott, die Menschen und sich selbst. Hart ist er geworden und abweisend. Auch sein Schicksal ist uns kaum bekannt. Doch eines Tages beginnt er mit sich selbst zu sprechen und entscheidet, sein Angesicht zu retten und der Witwe Recht zu verschaffen. Das Tun der Gerechtigkeit hat auch sein eigenes Leben "richtiger" gemacht hat. Hoffentlich ist er wieder ins Lot und ins Leben gekommen!

In unseren Tagen stehen wir in Gefahr, den Glauben an Gerechtigkeit und Gebet zu verlieren. Die Grauen des Krieges, wirtschaftliche Anspannung, Angst und Sorgen bedrücken. Der Winter steht bevor. Kein Ende ist in Sicht. Wie sollen wir glauben, dass Gott "unverzüglich" Recht verschafft? Papst Benedikt schrieb: "Die Frage der Gerechtigkeit ist das stärkste Argument für den Glauben an das ewige Leben." In diesem Sinne hoffen wir, dass Gottes Gerechtigkeit unsere Zukunft ist.

Hier und jetzt kann es entlastend sein, anzuerkennen, dass Glauben nicht abgeschlossen ist. Es geht darum, etwas zu erwarten, das nicht von uns selbst kommt. Der Weg liegt darin, mit Gott zu rechnen – ohne zu wissen, wie das sein wird. Vielleicht hören auch wir - wie meine Freundin - nachts eine weisende Stimme oder halten - wie der ungerechte Richter - tagsüber ein wendendes Selbstgespräch. Im Tun dieser kleinen Eingebungen kann sich Vieles verändern – unverzüglich.

Evangelium nach Lukas (Lk 18,1–8)

In jener Zeit sagte Jesus seinen Jüngern durch ein Gleichnis, dass sie allezeit beten und darin nicht nachlassen sollten:

In einer Stadt lebte ein Richter, der Gott nicht fürchtete und auf keinen Menschen Rücksicht nahm.

In der gleichen Stadt lebte auch eine Witwe, die immer wieder zu ihm kam und sagte: Verschaff mir Recht gegen meinen Widersacher!

Und er wollte lange Zeit nicht. Dann aber sagte er sich: Ich fürchte zwar Gott nicht und nehme auch auf keinen Menschen Rücksicht; weil mich diese Witwe aber nicht in Ruhe lässt, will ich ihr Recht verschaffen. Sonst kommt sie am Ende noch und schlägt mich ins Gesicht.

Der Herr aber sprach: Hört, was der ungerechte Richter sagt! Sollte Gott seinen Auserwählten, die Tag und Nacht zu ihm schreien, nicht zu ihrem Recht verhelfen, sondern bei ihnen zögern?

Ich sage euch: Er wird ihnen unverzüglich ihr Recht verschaffen. Wird jedoch der Menschensohn, wenn er kommt, den Glauben auf der Erde finden?

Die Autorin

Anne Kurz ist Schwester der Gemeinschaft Verbum Dei und lebt neben einem kleinen Exerzitienhaus in Venne bei Münster. Sie ist Theologin und Geistliche Begleiterin.

Ausgelegt!

Katholisch.de nimmt den Sonntag stärker in den Blick: Wie für jeden Tag gibt es in der Kirche auch für jeden Sonntagsgottesdienst ein spezielles Evangelium. Um sich auf die Messe vorzubereiten oder zur Nachbereitung bietet katholisch.de nun "Ausgelegt!" an. Darin können Sie die jeweilige Textstelle aus dem Leben Jesu und einen Impuls lesen. Diese kurzen Sonntagsimpulse schreibt ein Pool aus Ordensleuten und Priestern für uns.