Gemeinde auf dem Friedhof für eine Dreiviertelstunde

Bei Gott ist niemand vergessen: Die Kirche und das einsame Sterben

Aktualisiert am 10.12.2022  –  Lesedauer: 

Köln/Stuttgart ‐ Jeder vierte Mensch in Deutschland fühlt sich einsam. Das hat auch Auswirkungen auf den Tod: Nicht wenige Menschen sterben allein und ohne Angehörige. Die Kirchen bemühen sich, den Menschen trotzdem einen würdigen Abschied zu ermöglichen und gegen das Vergessen vorzugehen.

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Auf einmal stand Pastoralreferent Peter Otten allein vor der Urne eines Menschen, von dem er nicht viel mehr als den Namen kannte. Gemeinsam mit den Friedhofsmitarbeitenden beerdigte er eine Person, die ein Leben mit zahlreichen Erlebnissen und Geschichten hinter sich hatte. Doch daran konnte in diesem Moment niemand erinnern, der sie kannte – weil niemand da war: Keine Angehörigen oder Freunde, keine Nachbarinnen oder Arbeitskollegen. "Das ist wahnsinnig berührend und extrem traurig", erinnert sich Otten. Das wollte er ändern und gegen das Vergessen vorgehen.

Vier bis fünf solcher sogenannten Ordnungsamtsbestattungen macht der Theologe nach eigener Schätzung im Jahr. Es handelt sich dabei um Todesfälle von Menschen, bei denen die Behörden oft monatelang nach Angehörigen suchen. Können trotz dieser erheblichen Bemühungen trotzdem keine Angehörigen ermittelt werden – oder wollen sie keinen Kontakt und das Erbe nicht antreten – und hat auch der Verstorbene selbst keinerlei Vorsorge getroffen, übernimmt das städtische Ordnungsamt Kosten und Organisation der Bestattung. So gab es 2021 in Köln beispielsweise 745 ordnungsbehördliche Bestattungen. Diese werden einzeln und meistens – 2021 war das 700 Mal der Fall – als Urnenbestattung durchgeführt. War der oder die Verstorbene ein eingetragenes Kirchenmitglied, wird vor der Beisetzung auch die Kirchengemeinde benachrichtigt.

Gottesdienstgemeinschaft auf Zeit

Wenn Otten über einen solchen Fall informiert wird, fährt er oft zu den Adressen, an denen die verstorbene Person zuletzt gemeldet war. Im Hausflur hängt dann er einen Zettel mit dem Hinweis auf, dass ein Nachbar verstorben ist, wann und wo die Beisetzung stattfindet, verbunden mit der Einladung, zur Beerdigung zu kommen. "Das Erstaunliche ist: Bisher sind immer Menschen aus dem Haus gekommen", sagt Otten. Auf dem Weg zum Grab erzählen die Nachbarn dann oft das, was sie von der verstorbenen Person wissen. Auf diese Weise entsteht zum bloßen Namen auf der Urne das Bild eines Menschen, der ein Leben gelebt hat. Auch im Internet veröffentlicht Otten den Aufruf – ohne Angabe des Namens der verstorbenen Person –, sodass auch Menschen kommen, die die Person nicht kannten. "Für eine Dreiviertelstunde bilden wir dann dort auf dem Friedhof eine kleine Gottesdienstgemeinschaft", sagt der Pastoralreferent.

Theologin Marianne Bevier: Corona hat die Bestattungskultur verändert

Die Corona-Pandemie hat die Art und Weise verändert, wie über Verluste getrauert wird, sagt die Theologin und Vorsitzende des Bundesverbands Trauerbegleitung, Marianne Bevier. Im katholisch.de-Interview erklärt sie, wozu das führen kann – und warum sie sich einen weiteren Corona-Gedenktag wünscht.

Einsamkeit und damit einhergehend auch einsames Sterben werden mehr und mehr zu einem Problem für die Gesellschaft. Konkret äußert sich das etwa bei unentdeckten Todesfällen, wo Menschen erst einige Zeit nach ihrem Tod gefunden werden. Der Großteil der Menschen versterbe heute in Institutionen wie Krankenhäusern oder Pflegeheimen, sagt Susanne Loke. Die Sozialwissenschaftlerin hat zum einsamen Sterben und unentdeckten Toden in Städten geforscht. Die Forschungsliteratur gehe davon aus, dass lediglich 23 Prozent aller Sterbefälle im privaten Umfeld stattfänden, sagt Loke. "Wenn man die Anzahl der unentdeckten Todesfälle in Bezug zu diesen 23 Prozent der Sterbefälle setzt, dann sieht man, dass das ein Phänomen ist, das auch quantitativ eine hohe Relevanz aufweist." Gerade sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen seien davon betroffen. "Insbesondere ältere Menschen mit wenig Einkommen und gesundheitlichen Beeinträchtigungen haben ein viel größeres Risiko, einsam und unentdeckt zu versterben", erklärt die Sozialwissenschaftlerin.

Diesem Problem hat man sich nicht nur in Köln angenommen. In Stuttgart gründete die evangelische Organistin Sabine Ostmann 2010 das "Chörle", um einsam verstorbenen Menschen einen würdigen Abschied zu bereiten. Das Ensemble aus rund 40 Engagierten singt seitdem bei Trauerfeiern von Menschen, die keine Angehörigen mehr hatten und einer christlichen Konfession angehören. Für dieses Engagement bekam das "Chörle" 2019 sogar den Stuttgarter Bürgerpreis.

"Ich habe dich beim Namen gerufen, du gehörst mir"

"Natürlich singen wir alle gerne, die Hauptmotivation ist aber das Bewusstsein, dass ein Mensch stirbt und das niemand mitbekommt und Anteil nimmt. Das hat mich sehr bewegt", schildert es Chormitglied Manfred Scherer. Er ist seit 2013 in der Gruppe aktiv und hat bereits zahlreiche angeordnete Bestattungen begleitet. Allein im letzten Jahr gab es laut Angaben der Stadtverwaltung 392 angeordnete Bestattungen in Stuttgart, im Jahr zuvor waren es 391, 2019 wurden 387 Bestattungen angeordnet. Nachdem das "Chörle" vor rund drei Jahren aber immer seltener angefragt wurde, fanden Stadtverwaltung und Kirchen einen neuen Modus: Seit 2020 gibt es jährlich mehrere ökumenische Trauerfeiern für unbedacht Verstorbene in Stuttgart.

Bei diesen Andachten werden die Namen der Verstorbenen verlesen und für jede und jeden wird eine Kerze entzündet. Katholische und evangelische Geistliche gestalten die Gottesdienste mit Gebeten und Abschiedsritualen. Auch das "Chörle" singt. Zunächst gab es aus der Gesangsgruppe Kritik an diesen Sammel-Abschiedsfeiern, erzählt Scherer. "Wir sind aber mittlerweile alle froh, dass eine Form gefunden wurde, die von städtischen Ämtern und Kirchen getragen wird und wirklich gut und würdig ist." Der Rentner erinnert an das Buch Jesaja: "Ich habe dich beim Namen gerufen, du gehörst mir", heißt es dort. "Verstorbene zu verabschieden ist nicht nur ein Verwaltungsakt, sondern Teil unseres christlichen Auftrags", betont Scherer.

Bild: ©katholisch.de/ Madeleine Spendier (Symbolbild)

"Wenn es stimmt, was wir glauben, dass jeder Mensch ein Abbild Gottes ist, dann kann das nicht nur für die gelten, die wir täglich im Blick haben, sondern dann gilt das auch für diejenigen, die wir nicht im Blick haben", sagt Pastoralreferent Peter Otten.

Auch Otten sieht in der Bestattung einsam verstorbener Menschen eine kirchliche Aufgabe. "Wenn es stimmt, was wir glauben, dass jeder Mensch ein Abbild Gottes ist, dann kann das nicht nur für die gelten, die wir täglich im Blick haben, sondern dann gilt das auch für diejenigen, die wir nicht im Blick haben." Grundsätzlich sage der Umgang mit den Toten viel über den Zusammenhalt einer Gesellschaft aus, glaubt er. Aber auch bei sich selbst nimmt der Pastoralreferent Veränderungen wahr: Bei diesen Bestattungen spürt er, dass der Gedanke der eigenen Endlichkeit sehr nahe rückt. Für ihn sei das eine gute Demutsübung, sagt Otten: "Eine Stunde auf dem Friedhof mit der Beerdigung eines völlig vereinsamt verstorbenen Menschen ist für mich wie Exerzitien im Alltag."

Einsames Sterben ein Problem, wo Kirche sich zurückzieht

Aber nicht nur nach dem Tod kommt den Kirchen ein wichtiger Auftrag zu. Sozialwissenschaftlerin Loke sieht deren Rolle durchaus auch kritisch: Ihre Forschung habe gezeigt, dass einsames Sterben gerade in den Stadtteilen ein Problem ist, aus denen sich die Kirche zurückzieht, wo Gotteshäuser aufgegeben und Gemeinden zusammengelegt werden. Dadurch seien soziale Kontakt- und Begegnungsmöglichkeiten eingeschränkt worden, sagt sie: "Viele gerade ältere Menschen haben gar nicht mehr die Möglichkeit, an Aktivitäten in benachbarten Gemeinden zu partizipieren, weil der Weg zu weit ist oder weil es wieder mit Kosten verbunden ist, in einen anderen Stadtteil zu kommen."

Auf Gemeindeebene sollte es daher ihrer Meinung nach vielfältige und niedrigschwellige Begegnungsmöglichkeiten geben, damit Nachbarinnen und Nachbarn in Kontakt kommen und einsame und isolierte Personen so identifiziert, eingebunden und unterstützt werden können. Insgesamt ist daher von kirchlicher Seite Engagement vonnöten, damit deutlich wird: Bei Gott ist niemand vergessen – auch über den Tod hinaus.

Von Christoph Brüwer