Emeritierter Erzbischof über Rücktritt, Reformen und Aufarbeitung

Schick: "Bischof sein ist nicht vergnügungssteuerpflichtig"

Aktualisiert am 10.12.2022  –  Lesedauer: 

Bamberg ‐ Seit Allerheiligen ist Ludwig Schick nicht mehr Erzbischof von Bamberg, an diesem Sonntag wird er offiziell verabschiedet. Im Interview spricht der 73-Jährige über die Missbrauchsaufarbeitung, den Synodalen Weg und seine Zukunftspläne.

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Am 1. November hat Papst Franziskus das Rücktrittsgesuch von Bambergs Erzbischof Ludwig Schick angenommen. An diesem Sonntag wird er offiziell in Bamberg verabschiedet. Im Interview spricht der 73-Jährige über die Aufarbeitung von Missbrauch, die Reformdebatte Synodaler Weg und seine Pläne für den Ruhestand.

Frage: Herr Erzbischof, Sie wollen mit Ihrem Rücktritt wesentliche Entscheidungen einem jüngeren Nachfolger überlassen. Nun könnte man auch argumentieren: Angesichts der Reformdebatten in der Kirche darf der Bischofsstuhl nicht leer sein. Was sagen Sie dazu?

Schick: Reformen muss es in der Kirche immer geben, vakante Bischofsstühle wird es immer geben, durch Tod oder Amtsverzicht. Das eine ist notwendig, das andere unvermeidlich. Reformen der Kirche müssen zum einen dadurch gekennzeichnet sein, dass sie zu den Quellen, das heißt zu Jesus Christus und seinem Evangelium zurückführen, und zum anderen, dass sie dahin führen, dass den Menschen in der jeweiligen Zeit verständlich und empathisch die Botschaft Jesu verkündet wird, dass für sie und mit ihnen lebensdienlich die Gottesdienste gefeiert werden und durch Seelsorge und Caritas den Menschen das Leben in Fülle bereitet wird. Für solche Reformen sind auch immer wieder neue Bischöfe mit frischer Energie und guten Ideen wichtig.

Frage: Aber warum ausgerechnet jetzt kurz vor Ende des Synodalen Wegs?

Schick: Ich habe 20 Jahre lang in Bamberg die Aufgaben, die anstanden, erfüllt und zum Abschluss gebracht – soweit das in dieser Welt möglich ist. Vernunft und Verantwortungsbewusstsein sowie geistliche Gespräche haben mich spüren lassen, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen ist, dass ein neuer Bischof die Leitung der Erzdiözese übernimmt, damit es gut weitergeht. Ich hoffe und bete, dass der Bamberger Bischofsstuhl bald mit einem geistlichen und tatkräftigen Oberhirten wiederbesetzt ist, der die neuen Anforderungen und Reformen gut angeht, nützlich für die Menschen.

„Bisher beteiligen sich am Synodalen Weg in Deutschland vor allem Hauptamtliche und Gremienvertreter der Kirche. Die Gläubigen in den Pfarreien und Seelsorgebereichen müssen mehr einbezogen werden. Kirche reformiert sich immer von unten, von den getauften Gläubigen vor Ort aus, die die Kirche bilden.“

—  Zitat: Erzbischof Ludwig Schick

Frage: Sie haben sich zuletzt immer wieder für eine Beteiligung von Laien bei der Besetzung hoher kirchlicher Ämter ausgesprochen. In Bamberg hakt es da gerade. Hätten Sie besser noch vor dem Rücktritt für eine Umsetzung des entsprechenden Beschlusses des Synodalen Wegs sorgen müssen?

Schick: In Bamberg sind inzwischen fast die Hälfte der Hauptabteilungen im Ordinariat mit Frauen besetzt und es gibt eine Ordinariatsdirektorin. Im pastoralen Dienst arbeiten engagiert und fruchtbar viele Frauen in der Verkündigung, den Gottesdiensten und in der Seelsorge. In den Kindertagesstätten, Schulen und in der Caritas sind über 80 Prozent der Mitarbeitenden Frauen. Wir haben eine hohe Beteiligung von Frauen in kirchlichen Ämtern und Diensten. Gott sei Dank. Es ist aber an manchen Stellen auch noch Luft nach oben. Bezüglich der Neubesetzung des Bischöflichen Stuhles in Bamberg hat das Domkapitel mit dem Diözesanadministrator alles getan, was gemäß den Bestimmungen des Bayerischen Konkordates an Beteiligung von Laien möglich ist. Sie haben damit auch dem Beschluss des Synodalen Weges entsprochen.

Frage: Sie waren nicht mehr beim Ad-limina-Besuch der deutschen Bischöfe dabei. Wenn Sie das nun quasi von außen und ohne Amtszwänge betrachten: Wie steht es nach dem Rom-Besuch um den Synodalen Weg?

Schick: Die Themen des Synodalen Weges, konkret die Beteiligung des ganzen Volkes Gottes an der Mitarbeit und den Entscheidungen in der Kirche auf allen Ebenen, mehr Entscheidungskompetenzen und Ämter für Frauen, die Erneuerung der priesterlichen Lebensform für einen guten Dienst und die Fragen der menschlichen Sexualität für gelungene Beziehungen werden in der ganzen Welt diskutiert und auch nicht nur in der Kirche. Sie sind im deutschen Synodalen Weg und im weltweiten Synodalen Prozess die Hauptpunkte; das zeigen die entsprechenden Verlautbarungen aus Rom deutlich, auch wenn die Sicht und Vorgehensweisen verschieden sind.

Frage: Wo liegt dann das Problem?

Schick: Wichtig scheint mir derzeit vor allem, dass die Gläubigen vor Ort mehr in den Synodalen Weg und Synodalen Prozess einbezogen werden. Bisher beteiligen sich am Synodalen Weg in Deutschland vor allem Hauptamtliche und Gremienvertreter der Kirche. Die Gläubigen in den Pfarreien und Seelsorgebereichen müssen mehr einbezogen werden. Kirche reformiert sich immer von unten, von den getauften Gläubigen vor Ort aus, die die Kirche bilden. Diesbezüglich muss nachgebessert werden.

Erzbischof Ludwig Schick im Bamberger Dom
Bild: ©Pressestelle Erzbistum Bamberg

20 Jahre war Ludwig Schick Erzbischof von Bamberg.

Frage: Sie haben explizit erklärt, dass Ihr Rücktritt nichts mit dem Thema Missbrauch zu tun hat. Müssen Sie sich sorgen, wenn nun auch in Bamberg eine Untersuchung zum Umgang mit Missbrauchsfällen kommt?

Schick: Ich habe die von der "Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs in der Erzdiözese Bamberg" angedachte Untersuchung immer unterstützt, zusammen mit dem "Arbeitsstab für die Prüfung von Vorwürfen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger durch Geistliche im Erzbistum", der bereits 2002 errichtet wurde. Für die MHG-Studie im Jahr 2018 wurden alle Akten aller Geistlichen in Bamberg von 1945 bis 2015 gesichtet und überprüft. Auch die Staatsanwaltschaften im Bereich der Erzdiözese waren beteiligt. Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs wurde 2021 und der Betroffenenbeirat 2022 gegründet. Alle für die Aufarbeitung möglichen Gremien, die vor allem der Prävention, die im Erzbistum seit 2013 durchgeführt wird, dienlich sein sollen, wurden in meiner Amtszeit eingesetzt. Ich habe keine Sorge bezüglich einer Untersuchung.

Frage: Was fangen Sie nun mit der vielen Zeit an, die Ihnen der Ruhestand beschert?

Schick: Als ich mich vor über 50 Jahren entschlossen habe, das Berufsziel Arzt zu wechseln, wollte ich Seelsorger werden. Das will ich jetzt verstärkt wieder sein. Die Leitung einer Diözese als Bischof und auch schon als Generalvikar habe ich als Ermöglichung der Seelsorge in Verkündigung, den Gottesdiensten und der Caritas für Jugendliche, Familien, Alleinstehende, Seniorinnen und Senioren durch qualifiziertes Personal, die nötigen Finanzen und die entsprechenden Gebäude angesehen. Das habe ich gern getan bei aller Last, die damit verbunden ist. Bischof sein ist nicht vergnügungssteuerpflichtig. Jetzt möchte ich wieder intensiver in der direkten Seelsorge tätig werden. Ich werde Gottesdienste in den Pfarreien feiern, predigen, Exerzitien geben und auch Vorträge halten, studieren und schreiben. Außer Dienst, zu Diensten in der Seelsorge – mein Motto. Ich freue mich darauf.

Von Christian Wölfel (KNA)