Präsident von missio Aachen zur Lage nach dem Erdbeben

Bingener zur Myanmar: Man hat gedacht, schlimmer kann es nicht kommen

Veröffentlicht am 31.03.2025 um 19:09 Uhr – Von Matthias Altmann – Lesedauer: 5 MINUTEN

Aachen ‐ Das verheerende Erdbeben in Südostasien trifft das vom Bürgerkrieg gebeutelte Myanmar besonders hart. Im katholisch.de-Interview berichtet der Präsident von missio Aachen, Pfarrer Dirk Bingener, was ihm Partnerorganisationen vor Ort über die Lage erzählen – und was seine größte Sorge ist.

  • Teilen:

Am Freitag erschütterte ein schweres Erdbeben Südostasien. Besonders in Myanmar ist das ganze Ausmaß der Katastrophe weiter unklar. Das Land, in dem 2021 ein Militärputsch einen Bürgerkrieg auslöste, ist ohnehin vollkommen erschöpft, sagt Pfarrer Dirk Bingener. Der Präsident von missio Aachen beschreibt im Interview die Lage in dem Land, das er Anfang des Jahres noch besuchte. Und er erklärt, wie ein kirchliches Netzwerk vor Ort versucht, unter den erschwerten Bedingungen Hilfe zu leisten.

Frage: Herr Pfarrer Bingener, nach dem Erdbeben ist die Situation in Myanmar nach wie vor unübersichtlich. Was können Sie mittlerweile über die Lage sagen?

Bingener: Wir haben Kontakt in das Erzbistum Mandalay. Die Mitarbeitenden sagen, dass die Situation dort extrem schwierig ist. Viele Gebäude sind stark beschädigt, darunter auch einige der Erzdiözese. Das ist unter anderem das Franziskushospital, in dem normalerweise Verletzte versorgt werden müssten. Das ist das Pastoralzentrum, von dem aus trotzdem die Hilfe organisiert wird. Das sind Schulen und Kirchen. Die Kathedrale ist ebenso beschädigt, auch das Bischofshaus. Die Gebäude kann man aktuell nicht oder nur unter großer Gefahr betreten, weil man nicht weiß, wie stabil sie insgesamt sind. Die Wasserversorgung ist im Grunde genommen zusammengebrochen. Dazu kommt noch die Hitze: Selbst abends liegen die Temperaturen bei 31 Grad, tagsüber wird es über 40 Grad heiß.

Frage: Wie helfen die kirchlichen Player vor Ort in der gegenwärtigen Lage?

Bingener: Sie versuchen vor allem Nahrung, Wasser und Unterkunft zu organisieren. Die Menschen schlafen auf der Straße, weil sie Angst vor Nachbeben haben. Dazu kommt die medizinische Versorgung. Das war schon vor dem Erdbeben ein großes Problem. Versorgt war nur derjenige, der sich Medizin kaufen konnte – oder sie eben von der Kirche in den kirchlichen Strukturen erhalten hat.

Frage: Inwiefern ist überhaupt Kontakt mit den Partnern vor Ort möglich?

Bingener: Wir bekommen regelmäßig Nachrichten und Bilder. Es ist nicht immer Strom da, das war aber vorher auch nicht anders. Die Kommunikation mit den Partnern in Mandalay funktioniert also einigermaßen.

Bild: ©KNA/Julia Steinbrecht (Archivbild)

"Viele helfen unter Einsatz ihres Lebens und ihrer Freiheit, denn jederzeit können sie willkürlich beschuldigt werden, gegen Auflagen der Militärjunta zu verstoßen", sagt Pfarrer Dirk Bingener über die kirchlichen Helfer.

Frage: Sie waren im Januar selbst im Myanmar. Was haben Sie da für ein Land erlebt?

Bingener: Ein Land in Angst und Schrecken. Myanmar ist vollkommen erschöpft. Während der Covid-Pandemie gab es 2021 den Putsch, 2024 kam noch ein verheerendes Hochwasser dazu. Junge Leute können ab dem 18. Lebensjahr von der Straße weg verhaftet und fünf Jahre zum Militärdienst gezwungen werden. Die Regierung leugnet, dass es Flüchtlinge gibt, obwohl es Hunderttausende sind. Die Einrichtungen der Kirche nehmen all diese "illegalen" Flüchtlinge auf. Man hat im Myanmar eigentlich gedacht, dass es nicht mehr schlimmer kommen könnte. Und jetzt ist es doch schlimmer gekommen.

Frage: Die Militärjunta hat internationale Hilfe angefordert. Inwiefern kommt die an?

Bingener: Wir gehen davon aus, dass diese Hilfe in besonderer Weise dem Militär zugutekommt oder den Gebieten, in denen das Militär noch die Oberhand hat. Die Militärjunta sitzt in den großen Städten wie Mandalay, aber die ländlichen Gebiete werden von den Widerstandsgruppen größtenteils kontrolliert. Was ja vollkommen zynisch ist: Auf der einen Seite fordert die Junta Hilfe an, auf der anderen Seite bombardiert sie weiterhin die Bevölkerung auf dem Land. Es wäre jetzt dringend ein Waffenstillstand notwendig.

Frage: Was glauben Sie: Wie wird sich das Erbeden auf die politische Lage auswirken?

Bingener: So unerbittlich die Militärkräfte in der Vergangenheit mit den Menschen umgegangen sind, besonders mit den Flüchtlingen und der ländlichen Bevölkerung, habe ich wenig Hoffnung, dass sich etwas ändern wird. Deshalb heißt es nun, konkret zu helfen. Unsere Partner können über das kirchliche Netzwerk insbesondere in Pfarreien die Menschen mit Wasser, Nahrung oder Kleidung versorgen. Dafür brauchen sie unsere Unterstützung. Viele helfen unter Einsatz ihres Lebens und ihrer Freiheit, denn jederzeit können sie willkürlich beschuldigt werden, gegen Auflagen der Militärjunta zu verstoßen.

Frage: Was ist Ihre größte Sorge – neben der Angst um die Menschenleben?

Bingener: Dass die Menschen die Hoffnung verlieren. Man könnte es ihnen allerdings nicht verdenken, wenn man sieht, was in den letzten Jahren in Myanmar passiert ist. Aber Christen leben aus der Hoffnung. Deshalb bleiben die Priester, Ordensleute und Kirchenmitarbeitenden auch vor Ort. Sie sind vielen Menschen ein Vorbild: Es geht irgendwie weiter, das Land muss wieder aufgebaut werden.

Von Matthias Altmann

Hinweis

Missio Aachen hat einen Hilfsfond für Myanmar eingerichtet, den man mit Spenden unterstützen kann. Nähere Informationen gibt es unter missio-hilft.de/erdbeben-myanmar.