Profiteur sei die AfD

Theologe Lütz: Debatte um Abtreibung schadet der Demokratie

Manfred Lütz in seinem Arbeitszimmer
Bild: KNA/Julia Steinbrecht

Die Debatte um Schwangerschaftsabbrüche schadet der Demokratie, sagt Manfred Lütz. Der Psychiater, Psychotherapeut und Theologe schrieb am Dienstag im Magazin "Cicero": "Wer dieses Thema aufmacht und als Politiker oder Journalist auch nur am Köcheln hält, treibt sehenden Auges der AfD die Wähler zu, die ihr noch fehlen, um dauerhaft stärkste Partei zu werden."

Lütz analysiert, in der Abtreibungsfrage stünden sich zwei nachvollziehbare, in sich vernünftige Grundüberzeugungen diametral gegenüber: "Die einen bezichtigen die anderen, für Kindstötung zu sein, und die anderen die einen, gegen die Gleichberechtigung und Selbstbestimmung der Frau einzutreten." In dieser Patt-Situation habe das Bundesverfassungsgerichts 1993 die scheinbar unlösbare Aufgabe absolviert, eine für beide Seiten annehmbare Regelung zu finden. Laut Lütz mit hoher Sensibilität für die gesellschaftliche Lage und einem "vor allem für Juristen erstaunlichen Mut zur Irrationalität".

"US-Demokratie in die Luft gesprengt"

In Deutschland schien die Debatte befriedet – in den USA dagegen habe das Thema "die Demokratie und den Rechtsstaat in die Luft gesprengt". Der Psychologe erklärt: "Donald Trump wäre niemals zum Präsidenten der USA gewählt worden, wenn er nicht gezielt die Abtreibungsfrage aufgegriffen hätte." So sei die Spaltung der amerikanischen Gesellschaft vor allem durch dieses Thema bewirkt worden. Lange hätten christliche Akteure vergeblich gegen liberale Abtreibungsregelungen gekämpft. Donald Trump griff das Thema auf. "Das Ergebnis war, dass 2024 über die Hälfte der Katholiken und drei von vier Evangelikalen Trump wählten – obwohl wohl die meisten genau wussten, dass dieser amoralische Lebemann mit dem Christentum in Wahrheit nicht das Geringste zu tun hat", so Lütz.

Lütz warnt, Europa sei von den amerikanischen Entwicklungen nicht so weit entfernt, wie viele das glauben wollten. Schließlich habe die AfD bereits "die trumpsche Anbiederung an die 'Lebensschützer' erfolgreich kopiert, sich selbst bei diesem Thema clever als Fels in der Brandung inszeniert, während sie die Union als wankelmütig an den Pranger zu stellen versucht". (KNA)