Theologin: "Menschen brauchen Geschichten, die weiterhelfen"

"Geschichten können anderen helfen", ist die Gemeindererentin aus Augsburg überzeugt. Mit einem umgebauten Schäferwagen ist Agnes Dachs zu Kindergärten, Altenheimen und Kirchengemeinden unterwegs, um dort Geschichten zu erzählen. Vom Leben und aus der Bibel. Doch vor manchen Geschichten darin warnt sie. Im Interview mit katholisch.de berichtet sie davon.
Frage: Frau Dachs, sind manche Geschichten aus der Bibel nicht zu brutal, um sie Kindern weiterzählen zu können?
Dachs: Die Bibel ist voller schrecklicher Geschichten. Sie erzählen von Menschen, denen Schlimmes widerfährt, die ungerecht von anderen behandelt werden oder die selbst hart zu anderen sind. Ich warne auch immer vor der Geschichte der Arche Noah. Da wird meist nur von den Tieren erzählt, die zu zweit auf das Schiff hinauflaufen. Aber was ist mit der schlimmen Flut, die alles mit sich riss und was passierte mit den Menschen, die es nicht mehr auf das Schiff geschafft haben? Das sind schlimme Erfahrungen, die da weitererzählt werden. In meiner Geschichte von der Arche Noah lasse ich das alles nicht weg. Ich spreche die Skepsis, das Traurige an, aber ich messe dem Schrecklichen nicht so viel Bedeutung bei. Ich versuche den Fokus mehr auf das Gottvertrauen zu legen, auf die Rettung und das Versprechen Gottes. Ich habe einmal in einer Gruppe von der Flucht der heiligen Familie nach Ägypten erzählt. Während meiner Erzählung haben manche ältere Zuhörer angefangen zu weinen. Sie haben mir dann später erzählt, dass sie meine Geschichte so an ihre eigene Flucht während des Krieges erinnert hat. Sie haben ihr Leben in dieser Bibelgeschichte wieder entdeckt. Das sind kostbare Momente. Die Geschichten von damals möchten uns heute etwas sagen und können uns helfen, manches besser zu verstehen oder zu verarbeiten.
Frage: Wie kamen Sie denn auf die Idee, anderen Geschichten zu erzählen?
Dachs: Schon als Kind habe ich meinen Eltern gerne zugehört, wenn sie mir etwas erzählt haben. Ich lese viel. Geschichten haben mich schon immer interessiert. Als Gemeindereferentin habe ich in Kindergottesdiensten oft erzählt und im Religionsunterricht habe ich den Schülerinnen aus der Bibel vorgelesen. Später habe ich die Ausbildung zur Bibelerzählerin und Erzählpädagogin gemacht. Seit vier Jahren bin ich in Teilzeit bei der Diözese Augsburg dafür angestellt, dass ich anderen Bibelgeschichten weitererzähle. Mein Angebot ist gut ausgebucht und kostenlos und ich bin immer mit meinem Bibelmobil unterwegs, das ist ein Schäferwagen.
Der Schäferwagen parkt vor einer Kirche in Augsburg. Gemeindereferentin Agnes Dachs fährt damit gerne zu den Menschen hin und erzählt ihnen Geschichten aus der Bibel und vom Leben.
Frage: Treten Sie darin als verkleidete Schäferin auf?
Dachs: Anfangs habe ich das tatsächlich gemacht und mich als Schafhirtin verkleidet. Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass das nicht passt. Ich bin keine Schauspielerin, sondern ich bin Agnes Dachs, Theologin und Mutter von drei Kindern. All meine Erfahrungen fließen in meine Geschichten ein. Wenn ich zum Beispiel die Geschichte vom verlorenen Schaf erzähle, greife ich eine Erfahrung auf, die viele Eltern kennen. Beim Einkaufen ist plötzlich ein Kind weg. Ich suche panisch und habe auf einmal solche Angst um das verlorene Kind. Und wie froh bin ich dann, wenn mein Kind wieder auftaucht. Solche Lebenserfahrungen teile ich in meinen Geschichten.
Frage: Dient der Schäferwagen dann mehr als Kulisse?
Dachs: Ja. Das kam so, dass meine Vorgängerin an dieser Stelle, das war Jutta Maier, die Idee zu diesem nach historischen Vorlagen umgebauten Anhänger hatte. Im Rahmen des Projektes "Kirche am Weg" hat sie diesen dafür genutzt, um an verschiedenen Orten im Dekanat Mindelheim präsent für Gespräche zu sein. Der Wagen diente als Gesprächs- und Seelsorgeraum. Die Leute kamen dann in den Wagen hinein und redeten mit ihr. Als meine Kollegin dann in Rente ging, hat sie mir den Wagen überlassen. Seitdem fahre ich damit herum. Ich wollte aber nicht warten, bis jemand zum Wagen kommt, sondern ich fahre bewusst zu Terminen in Kindergärten, Schulen und Pfarreien und kann als Bibelerzählerin gebucht werden. Die Kinder freuen sich immer riesig, wenn ich damit vorfahre. Ich lade die Gruppen dann ebenso zu mir in den Wagen ein. Es gibt darin eine gemütliche Sitzbank und einen Ofen für die kalte Jahreszeit. Ich habe verschiedenste Erzählmethoden im Sortiment. Ich schaue einfach, was, wann passt. Jedes Jahr besuchen mich fast 4.000 Menschen. Eine Geschichte dauert etwa eine Stunde, die meist im Dialog mit den Zuhörenden stattfindet. Der Schäferwagen passt als Kulisse gut, denn die Hirten auf dem Feld erzählen sich bestimmt auch Geschichten, so wie ich. Ich glaube, Menschen sehnen sich nach guten Geschichten.
Agnes Dachs erzählt gerne - vor allem aus der Bibel. Die Theologin bietet Seniorengruppen Geschichten für die Erinnerungsarbeit an. Ihr Angebot ist kostenfrei.
Frage: Welche Geschichten erzählen Sie am häufigsten?
Dachs: Das ist ganz unterschiedlich. Ich kläre das, was ich erzähle, in einem Vorgespräch ab. Meistens passt die Geschichte zum Jahreskreis oder zum Kirchenjahr oder wir suchen einen Heiligen oder eine Heilige aus, von dem ich dann erzähle. Manchmal hat ein Kindergarten selbst ein Thema, das die Erzieher gerne mit den Kindern bearbeiten möchten wie das Thema Streit, Teilen oder Gemeinschaft. Dann suchen wir etwas Passendes. Meistens sind es die Geschichten, die mich selbst beschäftigen und die ich mag. Seniorenkreisen biete ich Geschichten für die Erinnerungsarbeit mit älteren Menschen an. Auf der anderen Seite gibt es bestimmt manche, die mit Geschichten nichts anfangen können. Das ist okay für mich. Manche, die nicht wissen, was ich konkret arbeite, fangen bei mir zum Jammern an, was ihnen alles nicht passt an der Kirche oder überhaupt. Wenn sie hören, was ich beruflich mache, staunen sie. Ich bin sehr glücklich mit meiner Arbeit.
Frage: Sind Sie ein Stück weit Seelsorgerin bei Ihrem Publikum?
Dachs: Dafür ist die Zeit zu knapp, wenn ich in einer Einrichtung bin. Ich bin ungefährt eine Stunde da, um eine Geschichte zu erzählen und fahre dann gleich wieder weiter. Dennoch ergeben sich nebenbei oft schöne Gespräche. Vielleicht bin ich eher eine Missionarin.
Frage: Welche Botschaft geben Sie den Menschen mit?
Dachs: Ich will nicht predigen oder anderen meinen Glauben überstülpen. Wenn jemanden meine Geschichten mag, kann er sie gerne anderen weitererzählen. Das ist mein Ziel. Ich ermutige Erzieherinnen und Lehrer dazu, selbst Geschichten zu erzählen. Ich gehe einfach gerne zu den Leuten hin, erzähle ihnen was und möchte ihnen etwas mitgeben. Und sei es nur das Verständnis dafür ist, dass ich selbst versuche, anderen besser zuzuhören. Wenn ich zuhöre, erfahre ich, was andere gerade brauchen, was ihnen gut tut, wenn sie zum Beispiel mit jemanden im Streit sind. Ich bin überzeugt: Die Bibel ist ein Leitfaden, sie kann uns weiterhelfen. Sie bietet einen riesigen Schatz an Erfahrungen von Menschen, die etwas erlebt haben, was andere auch erleben. Diese Erfahrungen möchte ich anderen weitererzählen.