Drag Queen Miss Ivanka T.: Nur Gott kann mich akzeptieren

Sei es hinter dem DJ-Pult oder in Drag-Shows: Miss Ivanka T. ist mittlerweile eine feste Größe in der Drag-Szene. Geboren im ländlichen Oberösterreich, wohnt der Künstler nun seit elf Jahren in Berlin. Was in seinem Leben eine besondere Rolle spielt, merkt schon, wer sein Zuhause betritt: Dort mangelt es weder an Kreuzen noch an Marienfiguren. Denn Miss Ivanka T. ist gläubiger Christ. Was das nicht nur mit einer inneren Haltung, sondern auch mit einer besonderen Ästhetik zu tun hat, erzählt die Queen im Interview.
Frage: Miss Ivanka T., Sie kommen aus Leonding im ländlichen Oberösterreich, wurde Ihnen der Glaube da in die Wiege gelegt?
Miss Ivanka T.: Meine Großeltern waren beide sehr traditionell, konservativ und kirchlich geprägt. Meine Mutter ist katholisch, mein Vater aber evangelisch, weshalb ich evangelisch getauft wurde. Dennoch war ich in der katholischen Kirche oft zu Gast und bin generell in sehr positiver Hinsicht mit dem Thema Glaube groß geworden. Ich bin zur Konfirmation gegangen und habe eigentlich das ganze Programm mitgemacht. Das hatte nicht zuletzt damit zu tun, dass ich zu unserem Superintendenten, der schwul war, und meiner Heimatpfarrerin ein sehr gutes Verhältnis hatte. Es war für mich immer mehr ein Gefühl von Gemeinschaft als von Religion. Ich hatte immer eine sehr große Freude daran, ein Teil davon sein zu können.
Frage: Was fasziniert Sie an der katholischen Kirche?
Miss Ivanka T.: Die katholischen Kirchen sind in Österreich größer, schöner und prächtiger. Natürlich haben wir hier in Berlin mit dem Dom auch eine großartige evangelische Kirche. Ich gehe aber mittlerweile oft in katholische Gottesdienste, weil ich das Zeremoniell dort in Österreich viel schöner fand. Auch meine absolute Lieblingskirche ist eine katholische, die Pöstlingbergkirche in Linz – die habe ich mir sogar auf die Brust tätowieren lassen. Die liegt wunderschön auf einem Berg, den man in ganz Oberösterreich sehen kann – da würde ich auch gern mal heiraten. Kirche, das ist für mich das Visuelle, aber auch ein Ort, wo ich einfach hingehen kann und gehört werde. Das ist für mich wichtig, denn ich lebe ein sehr lautes Leben mit vielen wahnsinnig verschiedenen Leuten. Ruhe und Zeit für mich sind da rar. Ich bin froh um Momente, wo ich mal das Handy weglegen muss und mich mit mir selbst auseinandersetzen darf. Diese Momente habe ich am häufigsten, wenn ich sonntags um 18:30 Uhr in den Gottesdienst gehe. Da komme ich zur Ruhe, da reflektiere ich – das ist das, was ich in meinem Leben am meisten brauche.
Frage: Sie wohnen seit nunmehr elf Jahren in Berlin – und hatten da anfangs auch mit Einsamkeit und Unsicherheit zu kämpfen. Hat Ihnen der Glaube in schwierigen Situationen weitergeholfen?
Miss Ivanka T.: Immer. Ich habe mich dann an meine alte Pfarrerin erinnert, die gesagt hat: "Am Ende ist egal, wen du liebst oder wer du bist – Hauptsache, du bist ein guter Mensch." Das ist das, was Glaube sein sollte: Der Versuch, die beste Version seiner selbst zu sein, Nächstenliebe zu praktizieren und zu versuchen, die Welt nicht zu einem schlechteren Ort zu machen. Und wer nach Berlin kommt, denkt sich oft als Erstes: Oh Mann, die Welt ist ein schlechter Ort. Dieser Ort verleitet nicht dazu, noch Hoffnung für die Menschheit zu haben. Die Leute zerstören ihre Körper wahllos selbst, haben keine Liebe und Respekt füreinander und es gibt kein Miteinander. Früher habe ich immer gedacht: Wenn man in eine Stadt kommt, wo viel mehr Leute sind, lernt man auch viele Leute kennen und der soziale Raum wird größer. Das Gegenteil ist der Fall: Es ist umso anonymer, je mehr Leute um einen herum sind, denn jeder versinkt in seiner eigenen Einsamkeit und Isolation und interessiert sich nicht mehr für andere Leute. Da ist Gemeinschaft etwas super Wichtiges und da ist Kirche ein toller Ort, um das zu finden. Mir hat der Glaube dabei geholfen, mich nicht alleine zu fühlen.
Die Lieblingskirche der Queen: Die Pöstlingbergkirche in Linz.
Frage: Sie gehen etwa ein Mal im Monat in den Gottesdienst – engagieren Sie sich auch sonst kirchlich?
Miss Ivanka T.: In meiner Ortsgemeinde hier bin ich nicht engagiert, ich gehe auch nicht dort in den Gottesdienst, sondern in den Dom. Mein Engagement ist woanders: Es gibt sehr viele Leute aus der Kirche, die mir in sozialen Netzwerken folgen. Außerdem besuche ich immer Kirchen, wenn ich reise. Egal, wo ich bin: Als erstes gehe ich in eine Kirche. Das wissen viele meiner Follower aus der Kirche. Deshalb werde ich in letzter Zeit immer häufiger für Veranstaltungen der Kirche angefragt. Ich versuche sehr, mit dieser Community in Berührung zu kommen und in den Austausch zu gehen. Es gibt so viele queere Menschen in der Kirche, sie vernetzen sich und sorgen für Sichtbarkeit. Da will niemand anderen die eigene Sexualität auf die Nase binden, es geht darum, dass jeder das gleiche Recht hat, in ein Haus Gottes zu gehen. Diese Gemeinschaft finde ich wichtig und schalte mich da ein. Das ist natürlich eine Provokation – ich meine, ich bin ein Mann, der in Frauenkleidern auftritt. Aber darüber hinaus möchte ich ein Bewusstsein dafür schaffen, dass Kirche für alle da ist.
Frage: Es gibt natürlich die queeren Menschen in der Kirche – genauso wie diejenigen, die sie ablehnen. Der Papst würde sich sicher unter einem beispielhaften Lebenswandel etwas anderes vorstellen als die Art, wie Sie leben. Wie gehen Sie damit um?
Miss Ivanka T.: Klar hätte der Papst mit meinem Lebenswandel ein Problem – der versucht ja auch, frei von Sünde zu sein. Das schafft aber niemand. Ich denke da immer gern an das Matthäusevangelium: "Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet!" (Mt 7,1) Denn ja: Ich lese die Bibel! Viele Menschen, die auf mich losgehen, machen das aus einer Bibelinterpretation heraus, die sie für sich selbst gewählt haben und von der sie sich versprechen, dass sie sich für sie auszahlt. Das ist mir egal. Ich habe auch aufgehört, von Leuten in der Kirche zu verlangen, dass sie mich akzeptieren. Das ist nicht ihre Aufgabe. Nur Gott kann das für mich tun. Niemand sonst.
Frage: Haben Sie mit Ihrer Haltung denn Anschlussprobleme in der queeren Community? Denn dort wollen wegen jahrzehntelanger Ablehnung viele Menschen mit der Kirche nichts mehr zu tun haben.
Miss Ivanka T.: Das kann ich gut verstehen. Viele setzen die Kirche mit denjenigen Personen gleich, die einfach für sich in Anspruch nehmen, für die Kirche zu sprechen. Denn die offiziellen Vertreter der Kirche sind oft nicht das Problem. Problematisch sind eher festgefahrene Katholiken, die zwar selbst nicht in die Kirche gehen, sich aber trotzdem als Glaubensverteidiger und eine Art "Türsteher" der Kirche inszenieren. Sie versuchen, Hass in eine Religion der Liebe hinein zu manipulieren. Da verstehe ich eine Frustration, die sich entwickelt. Allerdings hat die Kirche auch eine persönliche Komponente: Da geht es um meine Beziehung mit Gott, um nichts anderes. Wenn mich andere queere Personen kritisieren, dass ich meine eigene Community verkaufe, weil ich eine Beziehung mit Gott habe, kann ich nur sagen: Es hat nichts mit meiner Community zu tun, es hat nichts mit homofeindlichen Christen zu tun, es ist einzig und allein mein Weg nach oben.
Frage: Für Sie hat der Glaube eine spirituelle, aber auch eine ästhetische Perspektive. In welchem Verhältnis stehen diese beiden Aspekte zueinander?
Miss Ivanka T.: Als Kind habe ich den Glauben und die Kirche gar nicht so sehr vertieft. Ich habe mich nur irgendwann davon weg entwickelt, weil ich das Gefühl hatte, ich passe da nicht hin – und mir auch viele Leute dieses Gefühl gegeben haben. In Oberösterreich gab es viele Leute, die viel dafür getan haben, um mir mein Interesse für Religion zu nehmen. Ich habe dann Berlin anfangs als sehr gottlosen Ort wahrgenommen – und als ich dann als Erwachsener wieder in Oberösterreich war, hatte ich in der Kirche nie das Gefühl, dass ich willkommen war. Nicht wegen den Leuten, die für die Kirche gearbeitet haben, sondern wegen all dem drumherum. Leute, die mir Bibelverse aus Levitikus um die Ohren hauen: "Schläft einer mit einem Mann, wie man mit einer Frau schläft, dann haben sie eine Gräueltat begangen; beide haben den Tod verdient; ihr Blut kommt auf sie selbst." (Lev 20,13) Da denke ich mir immer: Wenn wir so anfangen, dürft ihr auch kein Mischgewebe tragen (Lev 19,19) und euch auch nicht mehr rasieren (Lev 19,27). Solche Kommentare haben mir schon das Gefühl gegeben, dass ich in der Kirche nicht willkommen bin.
Die Drag Queen Miss Ivanka T. hat viele Gesichter.
Frage: Was hat sich dann verändert?
Miss Ivanka T.: Durch Besuche in Kirchen landauf, landab, habe ich nach und nach diese Wucht und diese Schönheit des Christentums wieder für mich entdeckt. Mein Opa hat Kreuze geschnitzt. Als er vergangenes Jahr verstorben ist, habe ich seine ganzen Sachen nach Berlin mitgenommen. Dazu kommt meine eigene Sammlung: Egal wo ich bin, in einer Kirche oder einem Kloster, ich kaufe Kreuze, Rosenkränze oder Weihwasser. Das hat einfach eine gewisse Ästhetik. Natürlich liegt es für mich dann auch Nahe, das Ganze mit dem Drag zu vergleichen. Denn das alles ist doch irgendwo ein Schauspiel und ein bisschen drüber: Die Gewänder, das Gold – das ist einfach eine Form von Ekstase. Das finde ich irgendwie schön. Aus dieser Leidenschaft für das Visuelle ist dann irgendwann das Inhaltliche dazugekommen. Das ist ja bei vielen Leuten so: Die besuchen Kirchen nicht, weil sie an Gott glauben, sondern weil sie die Bauwerke toll finden. Mittlerweile bin ich einer von denen, die richtig wütend werden, wenn sie Touristen in Kirchen mit Käppi auf dem Kopf und Blitz an der Kamera sehen: Das ist hier immer noch ein Haus Gottes!
Frage: Ihre Bande zur Kirche haben sich also gestärkt?
Miss Ivanka T.: Heute bin ich mit der katholischen Kirche in Oberösterreich bestens vernetzt, die gehen auch auf die Linz Pride und segnen da Leute. Das ist so ein schönes Zeichen! Ich war letztes Mal auch dort, habe mich mit denen ewig lange unterhalten – und danach geheult, weil ich mich da so aufgenommen gefühlt habe. Es bewegt sich also schon was. Natürlich braucht die katholische Kirche lange, aber wenn ein bisschen mehr gepredigt wird, was auch im Evangelium steht, ist das eine gute Sache.
Frage: Welche Rolle spielen dabei die Devotionalien?
Miss Ivanka T.: Ich entdecke damit Orte aus meiner Kindheit neu und versuche so, ein Stück Heimat mit nach Berlin zu bringen. Ich bin ein sehr heimatbezogener Mensch und trage Österreich immer im Herzen. Je länger ich in Berlin bin und je erfolgreicher ich hier werde, desto öfter denke ich daran, wie schön es wäre, das auch nach Österreich zu bringen. Ich sammle Weihwasser aus Kirchen, in denen ich früher im Gottesdienst war. Seitdem ich 30 geworden bin, denke ich viel an meine Heimat und meine Ursprünge zurück und wie sich Dinge so entwickelt haben. Da hilft es einfach, etwas Visuelles zu haben – das kann auch eine Schneekugel mit dem Stephansdom oder der Pöstlingbergkirche sein. Mein Lieblingsstück ist ein Kreuz aus Gold aus dem Kirchenladen des Stephansdoms in Wien. Das hat 350 Euro gekostet, aber ich musste es haben. Es steht auf meinem Tisch und leuchtet mich immer an. Immer wenn ich es anschaue, bin ich voller Freude und erfüllt von Dankbarkeit für die vielen tollen Erlebnisse, die ich schon haben durfte. Unsere Zeit heute ist sehr schnell und wir vergessen oft, zu reflektieren und dankbar zu sein. Dieses Symbol erinnert mich daran.