Digital, dual, gefragt: Neue Dynamik in Theologie-Studiengängen?

Es scheint etwas in Bewegung geraten zu sein in der theologischen Studienlandschaft Deutschlands, zumindest ein wenig. Vor einigen Wochen sorgten die Statistiken eines digitalen Bachelor-Studiengangs Katholische Theologie für Aufsehen, den die Universität Passau und die Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt gemeinsam vor eineinhalb Jahren an den Start gebracht haben. Angefangen hat er mit 70 Studierenden; in diesem Herbst waren es gar 89 Erstsemester. In Passau sorgte unter anderem das dafür, dass sich die Zahl der Bachelor- und Master-Studienanfänger am Department für Katholische Theologie in den vergangenen drei Jahren auf mehr als 140 aus dem gesamten deutschsprachigen Raum versiebenfacht hat.
Andere Hochschule, anderer Ansatz: An der Katholischen Stiftungshochschule München (KSH) mit ihrem zweiten Standort in Benediktbeuern gibt es seit gut einem Jahr einen digitalen und dualen Religionspädagogik-Studiengang. Die Studierenden sind schon während der Hochschulzeit bei einem Bistum im Rahmen eines Ausbildungsvertrags angestellt und arbeiten in der Pastoral mit. Die Studieneinheiten erfolgen vorwiegend digital mit einzelnen Präsenz-Veranstaltungen. Begonnen wurde vor 2024 mit der – bewusst kleinen – Zahl von fünf Studierenden, 2025 gab es zwölf Neuimmatrikulierte. Ein Format, das im erwarteten Rahmen erfolgreich startete, heißt es dort. Flexiblere Studienmodelle wie die beiden genannten gibt es an immer mehr Standorten.
Marktlücke
Zunächst zurück zum Passau-Eichstätter Bachelor-Studiengang: Von den konkreten Zahlen waren die Verantwortlichen aus den beiden Universitäten zwar überrascht. Doch es gab begründete Hoffnung, dass das Angebot auf Resonanz stoßen könnte. "Wir haben gesehen, dass es einen großen Kreis an Personen gibt, der an akademischer Theologie interessiert ist, der aber mit den etablierten Studiengängen, etwa dem Magister, nicht erreicht wird", sagt Christian Handschuh, Sprecher des Katholischen Departments in Passau. Das hätten Erfahrungen aus anderen bekannten theologischen Bildungsangeboten gezeigt, etwa dem Würzburger Fernkurs. Mit dem Studiengang wollte man genau auf diese Marktlücke reagieren.
Den Personenkreis, um den es geht, untersuchte man unter den Neueingeschriebenen beim digitalen Bachelor-Studiengang genauer: Es handelt sich vorwiegend um Menschen in der Lebensmitte (mehr als 60 Prozent sind 40 Jahre oder älter), die in Voll- oder Teilzeit arbeiten und familiär gebunden sind – ein klassisches Präsenz-Studium wie beim Magister kommt bei ihnen daher nicht in Frage. Der berufliche Hintergrund ist unterschiedlich. Es seien Ärzte dabei, aber auch Leute aus der kirchlichen Verwaltung. Was die kirchenpolitische Ausrichtung betreffe, sei von ganz liberal bin ganz konservativ alles vertreten.
Ehrenamt wird in Zukunft in der Kirche immer wichtiger – auch das machten die Studierenden des digitalen Bachelor-Studiengangs Katholische Theologie deutlich, sagen die Verantwortlichen.
Eine zentrale Erkenntnis für die Verantwortlichen ist die Motivation der Eingeschriebenen für den Studiengang. Quereinsteiger, die das Berufsfeld nochmal wechseln wollen und eine hauptamtliche Tätigkeit anstreben, sind es in der Regel nicht. Dieser Kreis mache nur rund 20 Prozent aus. 60 Prozent hingehen studierten aus reinem Interesse. Viele davon seien Engagierte aus den Gemeinden, die sich theologisch weiterbilden wollten.
Ehrenamtliche in Verantwortung
Denkt man an die vielen verschiedenen Strukturprozesse in den Diözesen, verwundert das nicht. Denn bei wachsenden Seelsorgeeinheiten und immer weniger hauptamtlichem Personal werden Ehrenamtliche künftig eine zentrale Rolle spielen, um das kirchliche Leben vor Ort aufrecht zu erhalten. "Die Leute sagen auch, dass sie das Studium als Zukunftsprojekt aufnehmen, weil sie immer stärker in der Gemeinde Verantwortung übernehmen müssen", sagt Christian Handschuh. Das wollten sie fundiert machen.
Bernward Schmidt, Professor für Mittlere und Neue Kirchengeschichte an der KU Eichstätt-Ingolstadt und von deren Seite Betreuer des Bachelor-Studiengangs, nennt einen speziellen Aspekt dieser Entwicklung: den Reflexionsprozess bei den Lehrenden. "Man ist vor solchen Studierenden als Dozent ganz anders gefordert als vor jüngeren. Sie wissen nämlich genau, warum sie das studieren, und bringen auch viel stärker ihre lebensweltlichen Erfahrungen ein."
In Passau selbst hat man in diesem Wintersemester einen weiteren neuen Studiengang eingeführt: den Master Pastorale Arbeit, für den sich 22 Personen eingeschrieben haben. Bei ihm ähnelt das Bild in manchen Punkten dem beim Bachelor, in anderen unterscheidet es sich. Hier sind die Studenten eher jünger und haben eine berufliche Qualifikation als Ziel. Sie arbeiten meist schon in den kirchlichen Strukturen, wollen sich innerhalb dieser jedoch umorientieren und ins pastorale Feld einsteigen. Manche sind etwa Lehrer, die sich für eine Arbeit in der Gemeinde- oder Kategorialseelsorge ausbilden lassen wollen. Auch bei dem Master-Studierenden handelt es sich vorwiegend um berufstätige und familiär gebundene Personen – eine große Mehrheit kann nur mit dem vorwiegend digitalen Konzept studieren.
Die klassischen Angebote oder Wege, Menschen für die Pastoral zu gewinnen, funktionieren nicht mehr durchgängig, sagt Bernhard Bleyer.
Die Entscheidung für ein theologisches Studium fällt mittlerweile oftmals in der Lebensmitte – das ist eine weitere bedeutende Erkenntnis aus den beiden Studiengängen. Schaut man sich die Situation in Priesterseminaren oder Orden an, verwundert auch das nur auf den ersten Blick, sagt Bernhard Bleyer, Professor für Theologische Ethik in Passau und mitverantwortlich für die Konzeption der Studiengänge. "Wir hören in den vergangenen Jahren immer wieder von spätberufenen Priestern. Da ist es nicht überraschend, dass es auch spätberufene Laien gibt."
Eine heterogene Klientel wie die beschriebene brauche Flexibilität im Studiendesign, sagt Bleyer. "Viele melden zurück, dass sie schon lange so ein Studienangebot gesucht hätten." An die Fakultäten könnten sie nicht gehen, weil dort deren Bedürfnisse nicht befriedigt werden könnten. Doch nicht nur Fakultäten und andere Studienstandorte, sondern auch Diözesen müssten reflektieren, was das alles für die künftige Gewinnung und Ausbildung von Seelsorge-Personal bedeute. "Wenn die Diözesen sagen, wir wollen diese Menschen auch für die Pastoral gewinnen, wäre für mich die logische Folge, auch die Ausbildung dementsprechend anzupassen", betont Bernhard Bleyer. Denn die klassischen Angebote oder Wege funktionieren offenbar nicht mehr durchgängig.
Anfragen bei Diözesen
Dass sich in diesem Feld bereits etwas tut, zeigt unter anderem der digital-duale Religionspädagogik-Studiengang an der KSH München/Benediktbeuern. Die Beobachtung, warum Studierende sich für diesen einschreiben, ähnelt sich in vielen Dingen der aus Passau und Eichstätt: "Es handelt sich um engagierte Menschen aus den Gemeinden mit einem hohen Interesse an kirchlichen Berufen, die aber nicht so ohne Weiteres an den Standort kommen können", sagt Ralf Gaus, Religionspädagogik-Professor und Studiengangsleiter. Nicht selten sind es Quereinsteiger, die aus anderen Berufen und Bildungshintergründen kommen und nun mit dem Gedanken spielen, Gemeindereferentin oder- referent zu werden – aber eine andere Zielgruppe als die an den Universitäten abdecken.
Auch bei den Diözesen erfahre das Format eine hohe Akzeptanz, da die Studenten von Anfang an in der Gemeinde mitarbeiten und eine tragende Rolle spielen, erklärt Ralf Gaus. Denn die Nachwuchs-Seelsorger brächten nicht nur Lebens-, sondern manchmal gar Führungserfahrung mit. Immer mehr Bistümer schließen sich daher der Kooperation mit der KSH an und "schicken" Leute in den Studiengang – oftmals auf Initiative der Interessierten. "Studierende sind proaktiv auf die Diözesen zugegangen und haben gesagt: 'Wir wollen da studieren – macht ihr das auch so?'", so Gaus. Denn das Konzept biete die nötige Flexibilität – und auch etwas finanzielle Absicherung: Die Studenten erhalten von den Diözesen ein Ausbildungsgehalt.
Ralf Gaus betreut den digitalen und dualen Religionspädagogik-Studiengang an der KSH München/Benediktbeuern.
Agnes Arnold beobachtet die Vorgänge von der anderen Seite. Sie ist im Erzbistum München und Freising mitverantwortlich für die Ausbildung angehender Gemeindereferentinnen und -referenten und betreut unter anderem die im dualen Studiengang an der KSH Eingeschriebenen. Sie begrüßt, dass nach immer mehr Wegen gesucht wird, Menschen für einen Beruf in der Pastoral zu qualifizieren. "Die Lebenssituationen sind so individuell, dass es verschiedene Ausbildungswege braucht", unterstreicht sie. Daher begrüßt sie ausdrücklich Angebote wie den digitalen Bachelor-Studiengang der Unis Passau und Eichstätt.
Auf diesen haben auch die bayerischen Diözesen schon reagiert: Er wird inzwischen als Zugangsvoraussetzung für den Gemeindereferenten-Beruf anerkannt. Auch andere Diözesen denken darüber nach. Beim Passauer Master Pastorale Arbeit gibt es bei Bistümern allerdings weiter Bedenken, ob er als Voraussetzung für den Pastoralreferenten-Beruf anerkannt wird.
Lernprozess wird weitergehen
Wird der Erfolg, gerade beim Passau-Eichstätter Theologie-Bachelor, anhalten? Für Bernward Schmidt ist das schwer vorauszusagen. "Dass er inzwischen qualifizierend für den Gemeindereferenten-Beruf ist, kann sicher nochmal ziehen", meint er. Zusätzlich werde man mit der früheren Eichstätter Religionspädagogik-Fakultät die Angebote koordinieren. "Ich traue mich zumindest zu prognostizieren, dass die Zahl der Studienanfänger im kommenden Jahr nicht erheblich zurückgeht." Auch in Benediktbeuern gibt es konstant Anfragen nach dem dualen Religionspädagogik-Studiengang, sagt Ralf Gaus – genauso an das Erzbistum München und Freising, ergänzt Agnes Arnold.
Studienangebote wie die in Passau, in München/Benediktbeuern oder andernorts zeigen also: Es gibt ein bislang eher unter dem Radar gelaufenes Reservoir an motivierten Leuten, die sich mit Ausbildungsmodellen, die ihnen entsprechen, für ehren- oder hauptamtliches kirchliches Engagement gewinnen lassen. Daher werden die Fakultäten, Institute oder Hochschulen – im Austausch mit den Bistümern – weiter überlegen, was künftig angeboten werden kann. Wobei ein Konzept den anderen oder den "klassischen" Wegen in die Pastoral nicht unbedingt Konkurrenz machen muss, sondern diese ergänzt. Dass das auf Hochschulebene mit gemeinsamen Kräften gelinge, zeige das Beispiel aus Passau und Eichstätt, betont Bernward Schmidt. Der Lernprozess hat bereits begonnen – und wird weitergehen.