Juliana Seelmann setzt sich für Menschen ein, die abgeschoben werden sollen

Generaloberin aus Oberzell: "Kämpfe manchmal wie eine Löwin"

Veröffentlicht am 17.01.2026 um 00:01 Uhr – Von Madeleine Spendier – Lesedauer: 

Oberzell ‐ Schwester Juliana Seelmann steht ganz nah an der Seite von Menschen, denen eine Ausweisung aus Deutschland droht. Einmal wurde sie für ihren Einsatz für Geflüchtete sogar vom Würzburger Amtsgericht verurteilt. Im katholisch.de-Interview erklärt sie, wie es dazu kam.

  • Teilen:

Schwester Juliana Seelmann ist Franziskanerin in Oberzell und wurde vor wenigen Jahren von einem Gericht verurteilt, weil sie Menschen Kirchenasyl gewährt hatte. Jetzt ist sie Generaloberin ihrer Gemeinschaft und weiterhin davon überzeugt, dass es wichtig ist, Menschen zu unterstützen, die auf Hilfe angewiesen sind. Im Interview mit katholisch.de berichtet die Ordensfrau, wie es damals zu dem Gerichtsprozess kam, wie er ausging und was sie aktuell zum Thema Migrationspolitik bewegt.   

Frage: Schwester Juliana, Sie standen 2021 vor dem Würzburger Amtsgericht. Was ist passiert?   

Schwester Juliana: Ich habe zwei Frauen aus Nigeria bei uns im Kloster Kirchenasyl gewährt, um sie vor der Rückführung in ein anderes EU-Land zu bewahren. Dafür wurde ich in einem Fall vom zuständigen Amtsgericht in Würzburg schuldig gesprochen und verurteilt. Der Strafbefehl lautete: Beihilfe zu unerlaubtem Aufenthalt.

Frage: Wie kam es dazu?   

Schwester Juliana: Ich bin ausgebildete Krankenschwester und arbeite in der Gemeinschaftsunterkunft Würzburg. Dort kümmere ich mich um Menschen, die aus ihren Heimatländern nach Deutschland geflohen sind. Schon unsere Ordensgründerin Antonia Werr hat sich im 19. Jahrhundert für Frauen eingesetzt, die in Not waren und Hilfe brauchten. Für mich als Franziskanerin ist es genauso wie für meine Mitschwestern selbstverständlich, dass wir für die da sind, die am Rande der Gesellschaft stehen, auf Hilfe angewiesen sind. Der Verein Solwodi bat unser Kloster um Hilfe für diese beiden Frauen, die in Not waren. Wir gewähren im Einzelfall Menschen Kirchenasyl, wenn wir davon überzeugt sind, dass ein besonderer Härtefall vorliegt. Meist ist der Grund, dass sie in dem zuständigen EU-Mitgliedstaat in eine ausweglose Situation geraten würden, beziehungsweise schon zuvor menschenunwürdige Zustände oder die Menschenrechtsverletzungen erlebt haben.

Frage: War das auch bei diesen beiden Frauen der Fall?

Schwester Juliana: Ja, diese beiden Frauen sind aus Nigeria geflohen. Eine der beiden wurde schon von ihrer Mutter zur Prostitution gezwungen und beide waren in Italien über Jahre in der Zwangsprostitution gefangen, bevor sie nach Deutschland fliehen konnten. Hier stellten sie Anträge auf Asyl, erfolglos. Die Frauen wurden aufgefordert nach Italien zurückzukehren, in ihr europäisches Einreiseland. Das machten sie freiwillig, weil sie den Druck und die Angst vor einer Rückführung nicht mehr aushielten. Doch sie flohen von dort wieder nach Deutschland, schwerst traumatisiert. Sie erlebten in Italien mehrfach massive Gewalt und Zwangsprostitution. Eine von ihnen hatte Trommelfellschäden durch die vielen Schläge ins Gesicht, die sie erlitten hatte. Sie waren beide höchst gefährdet und hatten große Angst, diese Gewalt wieder zu erleben, wenn sie dorthin hätten zurückkehren müssen. Daher haben wir beide ins Kirchenasyl aufgenommen und dem Bundesamt für Migration und Geflüchtete gegenüber begründet, warum wir da einen Härtefall sehen.

Frage: Wie erstellt man so einen Antrag 

Schwester Juliana: Sobald wir jemandem nach reiflicher Prüfung Kirchenasyl gewähren, setzen wir das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) darüber in Kenntnis und reichen innerhalb von vier Wochen ein sogenanntes Härtefalldossier ein. Damit begründen wir und bitten um eine erneute Prüfung des Falls. Beim Erstellen eines solchen Dossiers hilft uns das Katholische Büro, welches auch im Vorfeld in die Entscheidung eingebunden ist. Doch das Dossier für die beiden Frauen wurde abgelehnt. Laut der Vereinbarung, die das BAMF 2015 mit den Kirchen geschlossen hat, hätten wir das Kirchenasyl beenden und die Frauen unser Kloster innerhalb von drei Tagen verlassen müssen. Wir haben die Frauen aus Nigeria aber trotzdem weiterhin bei uns behalten, ihnen drohte weiterhin die erneute Zwangsprostitution, eine Situation, in die wir sie nicht zurückschicken konnten.

Bild: ©Alfred Herrmann

Schwester Juliana Seelmann setzt sich für Menschen ein, die aus ihren Heimatländern nach Deutschland geflohen sind. In Härtefällen gewährt sie gemeinsam mit ihren Mitschwestern Menschen in Bedrohungslagen Kirchenasyl.

Frage: Das Kirchenasyl ist umstritten. Gegner sagen, die Kirche darf sich nicht über den Staat hinwegsetzen. Das haben Sie in dem Fall getan. Würden Sie es heute anders machen? 

Schwester Juliana: Nein, denn für uns ist es selbstverständlich, diese Menschen zu unterstützen. Es gibt oft nur diese Möglichkeit, um einer prekären Situation in einem anderen EU Land zu entfliehen und ein Asylverfahren in Deutschland zu erhalten. Leider gibt es immer mehr Berichte über Menschenrechtsverletzungen in verschiedenen EU-Ländern oder auch gewaltsame Push-Backs an den Grenzen, also das sogenannte Zurückdrängen an der Grenze. Für uns wäre es unverständlich gewesen, hätte man die beiden Frauen in die für sie menschenrechtsverletzende Situation nach Italien zurückgeschickt. Es war für mich eine Glaubens- und Gewissensentscheidung, sie in ihrer Entscheidung zu unterstützen. Während der Verhandlung habe ich oft an die beiden Frauen aus Nigeria gedacht, die Schlimmes durchmachen mussten und das hat mir auch den Mut gegeben, zu kämpfen wie eine Löwin, so hat es unsere Ordensgründerin Antonia Werr einmal formuliert.

Frage: Wie erging es den Frauen danach, konnten Sie bleiben?    

Schwester Juliana: Beide Frauen können in Deutschland bleiben, sie haben beide Deutsch gelernt und arbeiten mittlerweile. Ohne die Möglichkeit des Kirchenasyl wären die beiden sicher nicht mehr in Deutschland. Ich wurde ein Jahr später vom Gericht freigesprochen.

Frage: Gewähren Sie weiterhin Menschen Kirchenasyl in Ihrem Kloster?  

Schwester Juliana: Ja, das machen wir, wenn es unsere Möglichkeiten zulassen, nach wie vor. Es sind Menschen, deren Schicksale und zerrütteten Familiengeschichten mich zu Tränen rühren. Manche waren in anderen EU-Ländern im Gefängnis, wurden misshandelt und wissen nicht weiter. Wir versuchen ihnen ein Stück Würde zurückzugeben und dass sie einen Platz in der Gesellschaft finden. Kirchenasyl ist eine christliche Tradition, um besondere humanitäre Härten zu vermeiden.

Frage: Sie haben später den Würzburger Friedenspreis für Ihren Einsatz für Geflüchtete erhalten …  

Schwester Juliana: Ja, das hat mich gefreut und ich sehe es als Auszeichnung nicht nur für mich, sondern für das gesamte Team, in dem ich arbeite und in dem wir uns seit vielen Jahren für geflüchtete Menschen einsetzen. Es ist wichtig, dass wir auch in Zukunft als Ordenschristen gemeinsam mit vielen anderen engagierten Menschen gemeinschaftlich und im Gebet für andere Menschen leben, für die eintreten, die Hilfe brauchen. Der heilige Franziskus hat die Aussätzigen umarmt, diese Szene berührt mich und das sehe ich auch als meine Berufung an. So wie es in unserem Sendungsauftrag heißt, dass wir uns berühren lassen von der Lebenswirklichkeit von Menschen und zum Neuanfang ermutigen.

Frage: Was würden Sie sich für unsere Gesellschaft im Blick auf das Thema Migration wünschen?

Schwester Juliana: Ich wünsche mir, dass wir als Gesellschaft einen positiveren Blick darauf richten. Menschen fliehen aufgrund von Krieg, unhaltbaren Lebensumständen, Menschenrechtsverletzungen und so vielem mehr. Aktuell erschüttert mich zutiefst, dass die Bundesregierung die Aufnahmezusage für so viele Afghaninnen widerrufen hat. Diese Menschen haben als Ortskräfte für unsere Regierung gearbeitet und werden jetzt im Stich gelassen. Ihnen droht die Abschiebung zurück nach Afghanistan, wo ihnen aufgrund ihrer Tätigkeit Verfolgung, Folter oder der Tod drohen. Wir haben hier als deutscher Staat eine Verantwortung und ich bin fassungslos über diese Entscheidung. Ich habe den Eindruck, viele Menschen sehen so oft nur die Probleme, also die finanzielle Last, die Schwierigkeiten der Integration, fehlende Kindergartenplätze und so weiter. Ich wünsche mir, dass wir Migration als Teil unserer Gesellschaft, als Chance und vor allem als Bereicherung sehen. Geflüchtete, die hier ankommen, wünschen sich nichts mehr, als Teil dieser Gesellschaft zu werden, zu arbeiten, sich einzubringen und unser Land mitzugestalten - lassen wir uns davon bereichern und beschenken.

Von Madeleine Spendier