Was schätzen Menschen am Gottesdienst? Limburg hat nachgefragt

"Eine klerikalistische Kirche braucht kein Feedback." So bringt Hildegard Wustmans es auf den Punkt, warum das Bistum Limburg in Pfarreien Gläubige nach Rückmeldungen zu den Gottesdiensten gefragt hat. Die Pastoraltheologin leitet als Bischöfliche Beauftragte zusammen mit dem Generalvikar die Verwaltung der Diözese. Insgesamt wurden 2.226 Gottesdienstteilnehmende aus sieben Pfarreien befragt. "Diejenigen, die befragt wurden, haben sich positiv überrascht gezeigt, dass man an ihren Wahrnehmungen interessiert ist", berichtet Wustmans.
Das Projekt "Qualität durch Feedback" war dabei kein Selbstzweck: Die Auswertung von Erfahrungen und Einstellungen zu Gottesdiensten gehört zu einem Maßnahmenbündel im Kontext des Lernens aus den Ergebnissen der MHG-Missbrauchsstudie. Die Studie hatte Klerikalismus, also eine Überhöhung des geistlichen Amts, als einen Faktor ausgemacht, der sexualisierte Gewalt begünstigt. Das Ziel der Evaluation von Gottesdiensten war daher in erster Linie kein Ästhetisches nach dem Motto "Unser Gottesdienst soll schöner werden". Stattdessen ging es darum, wie Menschen ihren Glauben in der Liturgie leben können und welche Impulse sie daraus ziehen.
Abgefragt wurden daher Einstellungen zu den persönlichen Bedürfnissen: Was erwarten Menschen von Gottesdiensten? Was ist ihnen inhaltlich und in Bezug auf die Predigt wichtig? Welche Rolle spielt die Person des Zelebranten? Welche Formen und welcher Rahmen ist für Gottesdienste hilfreich?
Zahlen helfen gegen Vorurteile
Eine der Pfarreien, in denen die Gottesdienstbesuchenden befragt wurden, ist die Pfarrei St. Peter und Paul in Bad Camberg, etwa 20 Kilometer südlich der Bischofsstadt Limburg. Wie im Rest der befragten Pfarreien gab es dort alles in allem gute Noten für die Gottesdienste. 78 Prozent der Befragten waren insgesamt positiv gestimmt, nur 7 Prozent unzufrieden. Gottesdienste bekommen im Schnitt die Schulnote 2,1. Pfarrer Joachim Wichmann freut sich: "Wir hätten mit mehr Kritik gerechnet." Er hebt heraus, dass die Ergebnisse auch über die verschiedenen Kirchorte der flächenmäßig großen Pfarrei ähnlich sind. "Für uns ein Zeichen, dass die Pfarrei 10 Jahre nach der Fusionierung bei aller Unterschiedlichkeit und Schwierigkeit doch relativ geeint ist", hebt er hervor. So sieht es auch Yvonne Kissel, die Referentin für Digitalisierung in der Pfarrei ist. Sie betont den differenzierten Blick, den man jetzt gewonnen habe: "Die Ergebnisse helfen dabei, Vorurteilen zu begegnen: Es ist nicht so, dass alle jungen Kirchgänger sich moderne Formen wünschen und alte traditionelle, die Realität ist viel bunter und durchmischt."
Pfarrer Joachim Wichmann und Yvonne Kissel, Referentin für Digitalisierung.
Die Auswertung der Umfrage arbeitet verschiedene Dimensionen von Glauben heraus. Eine Dimension ist die Übereinstimmung mit klassischen Glaubenssätzen: Etwa den Glauben an die Dreifaltigkeit, daran, dass Jesus wahrer Gott und wahrer Mensch ist, an die Auferstehung und an die Eucharistie. 61 Prozent der Befragten werden der Kategorie "lehramtstreuer Glaube” zugeordnet – damit bezeichnet die Studie eine Zustimmung zu Glaubenssätzen im oberen Drittel der möglichen Gesamtzustimmung. Knapp 14 Prozent sind im mittleren Drittel, gut ein Viertel im unteren, dem "skeptischen Glauben".
Sehr unterschiedliche Glaubenseinstellungen je nach Pfarrei
Im Detail unterscheiden sich die Haltungen zu Glaubensinhalten deutlich. In Bad Camberg stimmen je 96 Prozent den Glaubenssätzen zu, dass Gott dreifaltig ist und Jesus Christus wahrer Mensch und wahrer Gott ist. In der ebenfalls befragten Pfarrei Hl. Katharina Kasper im Limburger Land stimmen zwar 89 Prozent der Dreifaltigkeit zu, aber nur 30 Prozent sehen Christus als Mensch und Gott. Ähnliche Differenzen zwischen den Pfarreien gibt es auch bei der Eucharistie: 91 Prozent in Bad Camberg stimmen zu, dass Jesus Christus im Brot der heiligen Kommunion wirklich gegenwärtig ist, im Limburger Land nur 43 Prozent. Bei der Frage nach dem Himmel ist es umgekehrt: 95 Prozent im Limburger Land glauben, dass nur wer an Jesus glaubt, in den Himmel kommt, in Bad Camberg sind es nur 34 Prozent.
"Das ist ein Spiegel dessen, was Fakt ist: für viele geht Vieles zusammen", erläutert Wustmans diese Zahlen. Natürlich irritierten manche Ergebnisse. Das werfe die Frage nach der Kommunikation über Glaubensinhalte auf: "Was wir als Unwissen sehen, ist für die Leute selbst vielleicht gar kein Problem. Wir haben es mit souveränen, glaubenden Subjekten zu tun, die sich nicht mehr vorschreiben lassen, was sie glauben sollen." Für sie zähle etwas anderes. Dass etwas gut, hilfreich und schön ist: "Sie wissen trotzdem: Dieser Glaube, diese Feier, dieser Kontakt tut mir als glaubenden Menschen gut", erklärt die Pastoraltheologin.
Unterschiedliche Liturgietypen, aber ähnliche Anforderungen an die Predigt
Eine weitere Dimension unterscheidet Liturgietypen in modern, neutral und traditionell. Die Tendenz der Ergebnisse überrascht nicht: Je höher die Zustimmung zu Glaubensaussagen ist, desto stärker die Präferenz zu traditionelleren Formen der Liturgie. Immerhin gut 11 Prozent der Skeptiker bevorzugen aber traditionelle Formen, gut 25 Prozent der "Lehramtstreuen" moderne. In den verschiedenen Altersklassen sind die Ergebnisse relativ gleichmäßig auf die Typen modern, neutral und traditionell verteilt. Den höchsten Prozentsatz an traditionell orientierten Liturgietypen gibt es bei den 31–40 Jährigen mit gut 37 Prozent, aber schon bei den 41–50-Jährigen sieht es ganz anders aus: gut 52 Prozent bevorzugen moderne Formen. Ab 51 Jahren steigt die traditionelle Orientierung leicht, während die moderne stärker zurückgeht. Insgesamt ist aber die Mitte am stärksten.
Ergebnisse der Befragung
Das Bistum Limburg hat einen Überblick über das Gesamtergebnis veröffentlicht.
Für die einzelnen Pfarreien unterscheiden sich die Ergebnisse teils deutlich, so auch in Bad Camberg und im Limburger Land.
Große Einigkeit herrscht in Bezug auf die Erwartungen an die Predigt, berichtet Pfarrer Wichmann: "In der Evaluation wurde deutlich, dass den Gläubigen lebensnahe Predigten mit Bezug zum Alltag und zu aktuellen Ereignissen wichtig sind. Was bedeutet das Evangelium für meinen Alltag ganz konkret? Was brauchen die Menschen zur Stärkung ihres Glaubens im Alltag?"
Für sein eigenes Predigen sieht er sich damit in seiner bisherigen Linie bestätigt: Lieber lebensnah als allzu akademisch. "Die Rückmeldungen aus der Evaluation zeigen nochmal deutlich, dass es in den Predigten nicht darum geht, die Kirche mit einem theologischen Hörsaal einer Universität zu verwechseln." Doch nicht nur allzu theoretische Predigten seien ein Problem, ergänzt Kissel. "Wir tendieren dazu, sehr 'christianesisch' zu sprechen. Das trennt uns von den Menschen. Mit unseren Begriffen können viele nichts mehr anfangen. Wir müssen niedrigschwellig ansetzen, um die Menschen überhaupt zu erreichen", ist sie überzeugt.
Es muss nicht immer Kirchencafé sein
Das bedeutet aber nicht immer unbedingt, dass niedrigschwellige Angebote auch so erwartet und angenommen werden, wie man es oft glaubt. Erstaunlich wenig Bedarf gibt es laut den Ergebnissen für Zusammenkünfte nach den Gottesdiensten in Form von Kirchencafés. "Solche Veranstaltungen klingen in der Theorie wunderbar, in der Umfrage hat sich herausgestellt, dass viele dies nicht wünschen, das hat auch uns als Pastoralteam überrascht", sagt Wichmann. In Bad Camberg lerne man von diesen Rückmeldungen, betont Kissel: "Die Folge ist, dass wir unsere Ressourcen, ehrenamtlich wie hauptamtlich, anders einsetzen können. Wir müssen gar nicht notwendig überall Kirchcafés etablieren. Wenn es aber gut läuft, dann soll das natürlich weiterlaufen."
Krippenspiel oder Christmette? Das muss kein Widerspruch sein – eine frühe Christmette ist ein Ergebnis, das die Pfarrei in Bad Camberg aus der Befragung gezogen hat.
In Bad Camberg soll künftig der Blick stärker darauf gerichtet werden, auf Menschen zuzugehen. "Früher haben wir als Volkskirche die Türen aufgemacht, und viele Menschen kamen, um unser Angebot anzunehmen. Heute kann es nicht bei den offenen Türen bleiben: Wir müssen als Kirche raus aus unseren Türen hin zu den Menschen", ist Wichmann überzeugt. Dazu hat die Pfarrei eine Gruppe von "Pionieren" gebildet, die genau das tut. "In einem Kirchort übernimmt der Ortsausschuss den Thekendienst bei der Kerbedisco, alle haben als corporate identity das gleiche Shirt an, das klar die Kirchenzugehörigkeit zeigt", erläutert er. "Wenn's am Ende der Messe heißt 'gehet hin in Frieden', dann gilt das nicht nur für die Gemeinde, sondern auch für uns im Pastoralteam. Raus in Frieden zu den Menschen das bringen, was wir gefeiert haben."
Auch der Pfarrer setzt diese Strategie um: "Wenn mich die Feuerwehr einlädt, um ihren neuen Löschwagen zu segnen, dann gehe ich nicht dahin, um gleich wieder nach dem Segen weg zu sein. Ich bleibe, feiere mit ihnen das Fest und komme ins Gespräch, wozu mir auch die Priesterkleidung als Erkennungszeichen hilft, da Menschen mich mit Kirche eindeutig identifizieren, einer von Kirche zum Greifen da ist." So komme er immer wieder ins Gespräch – auch beim Einkaufen und unterwegs. "Da führt man zwischen den Regalen und auf der Straße manchmal mehr Gespräche als im Pfarrhaus oder nach dem Gottesdienst. Menschen haben viele Fragen, sie sind nicht ungläubig, oftmals gibt's nur Unsicherheit: Wie geht katholisch? Was heißt an Gott glauben? Wie betet man? Nicht selten hört man dann: Das sind ja ganz normale Menschen, die bei Kirche arbeiten."
Spirituelle Autonomie
Für die Gottesdienste hat die Pfarrei in Bad Camberg mehrere Konsequenzen gezogen. Eine Rückmeldung war der Wunsch nach mehr Angeboten für Kinder, Jugendliche und Familien. Für sie gibt es jetzt eine frühe Christmette. "Früher mussten sich viele Menschen entscheiden, ob sie nachmittags mit Kindern zum Krippenspiel gehen oder abends zur Christmette. Dass wir jetzt eine Möglichkeit haben, eine Christmette für alle zu feiern, kam sehr gut an", berichtet Kissel.
Auch mit Blick auf den Ursprung des Evaluations-Projekts gab es Konsequenzen. Ein Problem mit Klerikalismus konnte die Umfrage nicht feststellen. Wohl aber hat sich der Pfarrgemeinderat intensiv mit spirituellem Missbrauch befasst. "Einer unserer Schwerpunkte liegt auf spiritueller Autonomie", so Kissel. Das Konzept bleibt nicht theoretisch: Seit kurzem gibt die Gemeinde vorab bekannt, wer in welchem Gottesdienst zelebriert: "In unserer Pfarrei haben wir vier Zelebranten, die ganz unterschiedliche Typen sind, unterschiedlich Liturgie gestalten, unterschiedlich predigen. Wir wollen Menschen die Möglichkeit geben, sich den für sie passenden auszusuchen."
Die Veröffentlichung der Namen hat bislang nicht zu großen Strömungen von der einen in die andere Kirche ergeben. Darauf komme es aber auch gar nicht an: "Wichtig ist, dass wir den Menschen die Autonomie geben, selbst zu entscheiden, welche Form für ihren eigenen Glauben guttut."