Europa geprägt: Vor 1.225 Jahren wurde Karl der Große gekrönt
Es ist ein Wendepunkt der europäischen und sogar der Weltgeschichte: Vor 1.225 Jahren, am Weihnachtstag des Jahres 800, krönte Papst Leo III. in der alten römischen Petersbasilika den Frankenkönig Karl zum Kaiser – und knüpfte damit an das antike Kaisertum in Rom an. Zugleich verstärkte er den Gegensatz zu den oströmischen Kaisern in Konstantinopel. Das von "Karl dem Großen" (748-814) begründete mittelalterliche Kaisertum sollte erst 1806 mit dem Zusammenbruch des Heiligen Römischen Reiches zu Ende gehen.
Warum wurde ein Herrscher aus dem germanischen Barbarenland mit dem Amt des römischen Kaisers betraut? Im Verlauf des 8. Jahrhunderts hatten sich die Päpste in Rom zunehmend vom Kaiser in Kontantinopel entfremdet – und sich der neuen politischen Großmacht der Franken zugewandt. Karl, der sich das Langobardenreich in Nord- und Mittelitalien angeeignet hatte, war dreimal nach Rom gereist. Besonders der neue Papst Leo III. (seit 795) zeigte ein gesteigertes Anlehnungsbedürfnis. Nach einem gescheiterten Attentat des römischen Stadtadels am 25. April 799 begab sich Leo in den Schutz Karls, der ihn im Sommer nach Paderborn kommen ließ. Dort müssen die beiden, so vermuten die Historiker, die Kaiserkrönung abgesprochen haben.
Ende November des Jahres 800 traf der Frankenkönig erneut in Rom ein. Während der Weihnachtsmesse setzte der Papst ihm eine Krone auf und salbte ihn. Die Römer akklamierten ihn als "erhabenen" und von Gott gekrönten Kaiser der Römer. Bis heute rätseln Historiker über die Hintergründe – schließlich schrieb Karls Biograph Einhard später, Karl sei vom Papst überrumpelt worden. Die Krönung sei ihm so zuwider gewesen, dass er die Kirche nicht betreten hätte, wenn er davon gewusst hätte. Dass Karl wirklich überrascht war, ist nicht sehr glaubwürdig. Vermutlich wollte Einhard den Franken als besonders demütigen Herrscher darstellen.
Heiliger und Sachsenschlächter
Aber wer war Karl der Große wirklich? Heiliger und Sachsenschlächter, Urvater Frankreichs und Gründervater Deutschlands? Seit Jahrhunderten ist der berühmteste mittelalterliche Kaiser für unterschiedlichste Zwecke vereinnahmt worden. Noch heute ist Karl/Charles/Carlos der wohl am häufigsten gewählte Königsname in Europa – bis hin zum britischen Monarchen Charles III.
Dabei, so der Frankfurter Mittelalter-Historiker Johannes Fried, kann die Lebensgeschichte des Karolingers im Grunde gar nicht geschrieben werden. Privates sei kaum überliefert, schreibt er in seiner 2014 erschienenen Biografie. Nicht einmal das Geburtsjahr – 747 oder 748 – und der Geburtsort sind genau bekannt.
Dass man Karl nach dem Zweiten Weltkrieg zum Gründervater Europas erkoren habe, sei unhistorisch, betont Fried. Auch wenn der Frankenherrscher mit dem Denar eine einheitliche Währung im Fränkischen Reich schuf, die gern mit dem Euro verglichen wird. Doch Karl war Franke – und nicht Franzose, Deutscher oder Europäer. Er verbrachte ein Leben im Sattel und ritt dabei mehr als einmal um den Globus.
Die Statute Karls des Großen vor dem Aachener Dom: Der Gründervater Europas?
Seine Taten wirken dennoch bis heute: Mönche wurden dazu verpflichtet, Handschriften zu sammeln und Bücher zu kopieren. Antike weltliche Handschriften blieben so der Nachwelt erhalten. Die Wiederentdeckung des Lateinischen, die heutige Form des Kalenders und der Schrift sind vom Aachener Hof ausgegangen. Karl habe mit seiner Bildungsreform und seiner Wertschätzung der Wissenschaft – etwa die Wiederentdeckung der Logik und Dialektik des Aristoteles – Grundlagen für das heutige Denken gelegt. Eine "Karolingische Renaissance" nach Jahrhunderten des Niedergangs der antiken Kultur.
Karl regierte über vier Jahrzehnte, und fast ununterbrochen führte er Kriege. Am längsten boten die Sachsen, die sich vehement der Christianisierung widersetzten, dem Frankenkönig die Stirn. Erst nach einem Aufstand 804 wurde ihr Widerstand vollends gebrochen.
Fried beschreibt den Karolinger als einen Genussmenschen, der gerne in den warmen Wassern von Aachen badete. Andererseits attestieren Biografen dem Frankenherrscher auch heimtückische Züge. "Gier, Machtkämpfe, Gewalt und Eidbruch regierten die Welt, in der Karl erzogen wurde", schreibt Fried. Und Stefan Weinfurter überschreibt seine Biografie mit dem Titel "Der heilige Barbar".
Heiliger Barbar
Aus heutiger Sicht ist kaum nachvollziehbar, wie der Franke Frömmigkeit und Brutalität vereinbaren konnte. Als einen Schlüssel sieht Fried die damalige Herrschaftsauffassung. Karl lebte in der Angst vor dem Jüngsten Gericht. Dort würde er nicht nur für seine eigenen Sünden zur Rechenschaft gezogen, sondern für alle Missstände in seinem Reich. Deshalb die Förderung von Kirchen, Klöstern und Gottesdiensten.
Der Karolinger starb mit 66 Jahren am 28. Januar 814 in Aachen vermutlich an Lungenentzündung; dazu litt er an Gicht und Knochenarthritis. Am 29. Dezember 1165 ließ Kaiser Friedrich Barbarossa Karl in Aachen heiligsprechen.
