Ordens-Referenzen in der (Pop-)Kultur

Wie die Nonne zum feministischen Traum wird

Veröffentlicht am 01.03.2026 um 12:00 Uhr – Von Christoph Paul Hartmann – Lesedauer: 

Bonn ‐ Zwischen Klamauk und Horror war die Nonne als Lebenskonzept lange Projektionsfläche. Heute aber taucht sie als Symbol für Selbstbestimmung neu auf. Über einen wenig überraschenden Wandel – und eine große Resignation.

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Ordensleben ist vor allem eine weibliche Angelegenheit. Laut dem "Statistischen Jahrbuch der Kirche" mit Stand Ende 2023 gab es weltweit 589.423 Ordensfrauen gegenüber lediglich 48.748 Ordensmännern. Besonders viele Ordensleute gibt es traditionell in Europa. So hatten Ordensfrauen lange Zeit einen festen Platz im Stadtbild: Sie betrieben Krankenhäuser, Kinderheime, Pflegeeinrichtungen – oder ihre Klöster prägten abgelegene Täler oder Berge. All dies sorgte auch dafür, dass sie Teil der Pop-Kultur wurden – und sich ihre Rolle darin wandelte. Das hat auch symbolhaften Charakter.

Eine der bekanntesten Pop-Nonnen der Welt ist gar keine. Denn Deloris van Cartier findet lediglich in einem Konvent Unterschlupf – eigentlich ist sie Nachtclubsängerin und auf der Flucht vor Gangstern. Nichtsdestoweniger mischt sie das Kloster ordentlich auf, nicht zuletzt auch musikalisch. Im Film "Sister Act" von Emile Ardolino aus dem Jahr 1992 begegnen den Zuschauern zwar einige durchaus steife, aber im Gros selbstbewusste, kluge und coole Frauen, die "ihr Ding machen". Gezeigt werden sie als quirlig, zuweilen trutschig, aber zugewandt.

Demgegenüber steht die Nonne als Gruselfigur, etwa im Horrorfilm "The Nun" von Corin Hardy aus dem Jahr 2018, dem erfolgreichsten Teil der Conjuring-Reihe. Hier ist die Nonne von einem Dämon besessen, das Kloster eine Sphäre abseits der Welt. Die Ordensfrauen sind hier vor allem durch ihre Weltabgewandtheit gekennzeichnet, undurchschaubar, intransparent. Gemeinsam mit den alten Gemäuern, in denen sie leben, prädestiniert sie das als Horror-Projektionsflächen. Die Beispiele zeigen zwei Dimensionen, die die Wahrnehmung von Ordensfrauen bestimmen: Die Gemeinschaft unter Frauen und die Weltabgewandtheit.

Eine neue Verbindung

Beides bekommt in der jüngsten popkulturellen Rezeption der Ordensfrau an sich eine neue Verbindung: So posiert etwa die spanische Sängerin Rosalía auf dem Cover ihres Hit-Albums "Lux" mit einem Schleier, der an eine Ordensfrau erinnert. Auch Lily Allen zeigt sich auf dem Titelbild ihrer Single "Pussy Palace" rauchend und im (geöffneten) Habit. Die Kloster-Referenzen treffen einen Nerv.

Denn das alte Prinzip der in einer Ordensgemeinschaft lebenden, zölibatären Frau trifft hier auf eine Generation junger Frauen, für die die Frage nach eigenen Kindern keineswegs selbstverständlich mit einem "Ja" beantwortet ist und denen es angesichts unzähliger misogyner Hassverbrechen laut einem TikTok-Trend nachts lieber wäre, auf einen Bären zu treffen denn auf einen Mann. Das Bild der Nonne verspricht da Empowerment unter Frauen, schwesterliche Gemeinschaft, Selbstbestimmtheit, die Überwindung des Patriarchats.

Bild: ©katholisch.de/ msp

Hildegard von Bingen ist bis heute bekannt.

Wer einen Blick in die Geschichte wirft, kann da durchaus Beispiele finden, die in dieses Muster passen: Im Mittelalter gab es nicht wenige Frauenklöster, die es zu Macht und Geld brachten. Die Nonnen des Klosters Machern brachten es im Mittelalter durch Geschäftssinn und den ein oder anderen Kniff (etwa dem Handel mit Ablassbriefen und Kirmesrechten) zu einigem Reichtum. Die Schwestern des Klosters Klingental in Basel machten bei der Lesung einer ihnen missliebigen päpstlichen Bulle 1480 derart viel Lärm, dass sie am Ende behaupten konnte, sie nie gehört zu haben. Hildegard von Bingen oder die Äbtissin Giselaaus dem Kloster Chelles hatten deutliche politische Ambitionen und wollten in der Weltpolitik mitmischen. Die Kompetenzen, das Selbstbewusstsein, die Attitüde war also seit Jahrhunderten da.

Auch in neuerer Zeit machten Ordensfrauen von sich reden: Corita Kent wurde in den 1960er Jahren eine bildhafte Stimme der gesellschaftlichen Veränderungen. Ihre Siebdrucke waren dezidiert politisch und nahmen Stellung gegen Rassismus und Krieg. Lea Ackermann setzte sich jahrzehntelang für Frauen in Notsituationen ein. Concetta Finardi und Luigia Panceri, Edith Stein – die Reihe ließe sich fortsetzen. Mancher mag auch die rebellischen Schwestern aus dem österreichischen Kloster Goldenstein dort hinzufügen.

Das Patriarchat ist gleich um die Ecke

Eine Lehre aus all diesen Geschichten ist aber auch, dass das Patriarchat oft gleich um die Ecke ist, etwa in Form kirchlicher (männlicher) Autoritäten. Im 11. und 12. Jahrhundert ist das Ordensleben von Umbrüchen geprägt, dazu gehört auch die nun immer nachdrücklicher geforderte Klausur. Die Bonner Kirchenhistorikerin Gisela Muschiol mahnt dazu, diese Entwicklungen "differenziert zu betrachten", hält aber auch fest: "Die Theologen des 13. Jahrhunderts lieferten in Ergänzung zu rechtlichen Normierungen eine theologische Grundlegung der deutlich dichotomischen Vorstellungen von Männern und Frauen, von Mönchen und Nonnen, und legitimierten eine Über- beziehungsweise Unterordnung von Männern über Frauen, von Mönchen über Nonnen, von Pröpsten über Äbtissinnen." Das zeigt sich auch dadurch, wie die Klausur umgesetzt wird: "Klausur als Kennzeichen klösterlicher Existenz verschiebt sich von einem für beide Geschlechter gültigen Aspekt zu einem nahezu ausschließlich im Kontext von Frauenkonventen aufscheinenden Thema." Die florierenden Klöster des Mittelalters wurden eingehegt, Corita Kent trat nach immer schärferen Anfeindungen des Kardinals von Los Angeles, James Francis McIntyre, 1968 aus ihrem Orden aus, den Nonnen von Goldenstein wurde ein Apostolischer Kommissar vorgesetzt. Die Selbstbestimmung von Frauen hat auch hinter Klostermauern zum Teil enge Grenzen.

Vielleicht ist auch das ein Grund dafür, weshalb trotz der positiven Ordensfrauen-Bilder aus der Popkultur der Run auf echte Frauenklöster ausbleibt. Die Zahlen sprechen da eine eindeutige Sprache: Ende 2002 gab es in Deutschland noch fast 29.000 Frauen – heute sind es noch knapp 9.500. Diese Tendenz lässt sich mit Ausnahme von Afrika auf allen Kontinenten beobachten. Die Ordensfrau als selbstbestimmte, kreative Frau – sie ist ein Symbol, mit dem die Realität nicht mithalten kann. Damit ist sie auch ein Symbol weiblicher Resignation angesichts des massiven gesellschaftlichen Backlashes der vergangenen Jahre: Wachsende Gleichberechtigung, Hoheit über den eigenen Körper, Durchsetzung von Frauenrechten – all das steht im Zeitalter des Aufwinds für autoritäre Männer-Herrscher wieder zur Disposition.

Doch das Symbol hat nicht ausgedient. Vor einigen Jahren machten die "Sisters of the Valley" in Kalifornien auf sich aufmerksam. Sie betreiben eine Cannabis-Farm und wollen mit Joints Frieden auf Erden bringen. Sie haben zwar mit der Kirche nichts zu tun, singen aber christliche Lieder. Die queere Aktivistengruppe "Schwestern der Perpetuellen Indulgenz" besteht aus Drag-Nonnen, die für Akzeptanz gegenüber LGBTIQ+-Menschen und der Prävention sexuell übertragbarer Krankheiten werben. Die Ordensfrau hat also auch abseits von Pop-Covern noch einen Symbolwert – der vielleicht auch auf die Realität zurückwirken kann.

Von Christoph Paul Hartmann