Wie orthodoxe Christen im Januar Weihnachten feiern

Russisch-orthodoxe Gemeinde Köln
"Unsere Kinder haben Glück – die bekommen zweimal Geschenke", sagt Sergei Woinkoff und lacht. Er ist ehrenamtlicher Priester in der russisch-orthodoxen Gemeinde des Heiligen Panteleimon in Köln, die wie viele andere orthodoxe Christen erst im Januar Weihnachten feiern. "Am 24. Dezember verbringen wir auch einen gemeinsamen Abend", sagt er. Das biete sich durch die darauffolgenden Feiertage an. Zudem haben viele orthodoxe Christen römisch-katholische Familienmitglieder oder Verwandte, die zum Essen einladen. Allerdings achten die Orthodoxen dann darauf, zumindest kein Fleisch zu essen. Schließlich fallen die westlichen Weihnachtstage in die 40-tätige Fastenzeit der orthodoxen Christen.
Sie beginnt am 28. November und endet am 6. Januar. In dieser Zeit verzichten Orthodoxe auf tierische Produkte, das heißt: keine Fleisch- oder Fischgerichte, Milch- oder Eierspeisen. "Aber es gibt Ausnahmen", sagt Woinkoff. Denn am Wochenende und an Gedenktagen von Heiligen wie zum Beispiel Nikolaus oder Barbara dürfe man zumindest Fisch essen. Und am 24. Dezember drücke man eben beide Augen zu, so Andrej Herman*, hauptamtlicher Priester in der Gemeinde in Köln.
Weihnachten ist geprägt von langen Gottesdiensten
"Am 6. bereiten wir uns besonders auf das Weihnachtsfest vor, indem wir den ganzen Tag nichts essen und trinken", sagt Herman. Die Regel gilt bis zum Aufgang des ersten Sterns am Himmel, der die Geburt Jesu symbolisiert. Der Tag beginnt mit einem Gottesdienst, der rund fünf Stunden dauert. Er beginnt um halb acht in der Frühe mit den sogenannten "Königsstunden", in denen die ersten vier Stundengebete, wie wir sie auch aus der katholischen Kirche kennen, hintereinander gebetet werden. Direkt im Anschluss folgt eine Vesper mit 12 Lesungen aus dem Alten Testament, die die Geburt Jesu voraussagen, und eine feierliche Liturgie mit ausführlichen Gebeten und Hymnen. Grundsätzlich werden die Gottesdienste in einer kirchenslawischen Sprache gefeiert und die Lieder a cappella gesungen.
Auch am Abend findet ein weiterer dreistündiger Gottesdienst statt, an dessen Ende die Gemeinde Geschenke in Form von Süßigkeiten an die Kinder verteilt. Danach gibt es in den Familien ein gemeinsames Abendessen. Denn nun dürfen die orthodoxen Christen wieder essen und trinken. Allerdings gibt es auch hier eine Einschränkung: "Wer am 7. Januar in der Messe die Kommunion empfangen möchte, darf am Abend des 6. Januars kein Fleisch essen", erklärt Herman. Das sei keine spezifische Regel für Weihnachten, sondern gelte grundsätzlich als Vorbereitung für den Empfang der Kommunion. Dafür gilt immer: samstags kein Fleisch und mittwochs und freitags vegan.
Julianischer vs. Gregorianischer Kalender
Der julianische Kalender wurde 45 v. Chr. von Julius Cäsar eingeführt, um das römische Jahr an die Sonnenzyklen anzupassen. Er überschätzte jedoch die Jahreslänge leicht, wodurch sich die Jahreszeiten allmählich verschoben. Papst Gregor XIII. korrigierte dies 1582 mit dem gregorianischen Kalender: Schaltregeln wurden angepasst und bei der Einführung zehn Tage übersprungen. Heute nutzen fast alle Länder den gregorianischen Kalender; orthodoxe Kirchen, die noch den julianischen Kalender verwenden, liegen rund 13 Tage zurück und feiern zum Beispiel Weihnachten am 7. Januar. Sie halten am alten Kalender fest, um ihre traditionellen Feste und Liturgie unverändert zu bewahren.
Einige Familien, die der russisch-orthodoxen Gemeinde in Köln angehören, haben einen westukrainischen Hintergrund. Das ist kein Einzelfall. In Deutschland sind russisch-orthodoxe Gemeinden oft multiethnisch. Sie haben Gemeindemitglieder aus verschiedenen Ländern der ehemaligen Sowjetunion, unter anderem aus der Ukraine, Belarus, Moldau und Georgien. Andrej Herman aus der Gemeinde in Köln ist selbst Ukrainer und Priester in einer russisch-orthodoxen Gemeinde.
Westukrainisch geprägten Familien servieren am Heiligen Abend traditionell 12 vegane Gerichte – in Erinnerung an die 12 Apostel. Das wichtigste Gericht heißt "Kutja", ein süßer Brei aus gekochten Weizenkörnern, gemischt Mohn, Nüssen und Rosinen. Es wird oft als erste Speise zum Fastenbrechen gereicht.
Etwa 400 Gläubige besuchen den Gottesdienst
Da der 7. Januar nicht immer auf ein Wochenende fällt, lassen die Familien ihre Kinder für diesen Tag von der Schule befreien, "wofür die meisten Schulen zum Glück auch Verständnis haben", sagt Woinkoff. Der Gottesdienst am 7. Januar ist im Grunde ein herkömmlicher Gottesdienst, wie er sonst an Sonntagen gefeiert wird, nur dass es in dieser Feier weihnachtliche Gesänge gibt. Er dauert in etwa zweieinhalb Stunden und ist meistens sehr gut besucht – bis zu 400 Gläubige nehmen daran teil, sagt Herman. Im Anschluss an den Gottesdienst treffen sich alle Gemeindemitglieder und essen zusammen. "Jeder bringt etwas von zuhause mit und dann dürfen alle alles essen", sagt Woinkoff.
Nach dem Essen stimmen die Kinder der Gemeinde oft die sogenannten "Koliadki" an. Das sind ursprünglich Weihnachtslieder aus der Westukraine, die mit der Zeit von der Ostukraine und Russland übernommen wurden, sagt Woinkoff. Durch die systematische Unterdrückung der Religion in der Sowjetzeit gingen in diesen Gebieten die ursprünglichen Weihnachtstraditionen verloren. Als Ersatz wurden Feierlichkeiten rund um den Jahreswechsel eingeführt: Der Weihnachtsbaum wurde zum Silvesterbaum, Geschenke brachte "Väterchen Frost". Erst nach dem Zerfall der Sowjetunion konnten die Menschen in der ehemaligen Sowjetunion ihr Weihnachtsfest wieder im Januar feiern.
Die Kirche der russisch-orthodoxen Kirche in Köln liegt im Stadtteil Porz-Westhoven.
Nach dem gemeinsamen Essen in der Gemeinde feiern die Familien zuhause weiter. Die Kinder bekommen Geschenke, es wird gesungen und es gibt viel Fleisch zu essen. Oftmals Gänsebraten oder andere Gerichte, die in Deutschland an Weihnachten auf dem Tisch landen. Ein traditionelles slawisches Gericht ist zum Beispiel "Cholodetz", eine Sülze aus Schweinefleisch, Rind oder Kalb, das stundenlang geköchelt wird, bis das Fleisch zerfällt.
Mit dem 7. Januar beginnen in der russisch-orthodoxen Kirche die Heiligen Tage, auch "Svyatki" genannt. Sie dauern bis zum Fest der Erscheinung des Herren (Epiphanie) am 19. Januar, das in der katholischen Kirche wegen des gregorianischen Kalenders auf den 6. Januar fällt. In diesen Heiligen Tagen dürfen die Orthodoxen alles essen, was sie möchten. "Fasten ist sogar ausdrücklich verboten", sagt Herman. Kinder und Erwachsene ziehen meist schon am Abend des 7. Januars von Haus zu Haus anderer Gemeindemitglieder und singen dort die Koliadki. Dort essen und singen sie gemeinsam und die Kinder bekommen ein paar Süßigkeiten. Auch an den restlichen Tagen der Svyatki besuchen sich die Familien gegenseitig. Dieser Brauch stammt ebenfalls aus der Westukraine, sagt Herman.
Das Weihnachtsfest im Januar ist für die russisch-orthodoxen Christen vor allem eine Zeit intensiver Gemeinschaft – geprägt von langen Gottesdiensten, gemeinsamen Essen und alten Liedern. Damit sei es ein wichtiges Fest in ihrer Kirche, dennoch betonen beiden Priester: "Noch viel wichtiger ist Ostern, die Auferstehung Christi".
*Andrej Herman wurde zwischen dem Interview und der Veröffentlichung des Artikels versetzt. Er ist nun hauptamtlich in der russisch-orthodoxen Gemeinde des Heiligen Prokopij in Hamburg tätig.
Welche Christen feiern Weihnachten im Januar?
Den Julianischen Kalender verwenden bis heute die orthodoxen Kirchen in Russland, Serbien, Georgien und Polen. Auch das griechisch-orthodoxe Patriarchat von Jerusalem und die autonome Mönchsrepublik auf dem Berg Athos in Griechenland folgen dieser Rechnung. Unter den orientalisch-orthodoxen Kirchen halten die Kopten, Äthiopier und Eritreer daran fest. Ansonsten gibt es noch die Armenisch Apostolische Kirche, die zwar nicht dem julianischen Kalender folgt, Weihnachten einem eigenen liturgischen Kalender folgend aber auch am 6. Januar feiert. Laut Einschätzungen des Johann-Adam-Möhler-Instituts für Ökumenik in Paderborn feiern insgesamt rund 180 Millionen Christen Weihnachten im Januar. Alle anderen Orthodoxen, zum Beispiel Griechen, Ukrainer, Rumänen und Bulgaren feiern zusammen mit allen anderen Christen am 25. Dezember.
Äthiopisch-orthodoxe Gemeinde Köln
"Wir fasten 40 Tage vor Weihnachten – so wie Mose am Berg Sinai, bevor er die zehn Gebote erhalten hat", sagt Merawi Tebege. Er ist Erzpriester in der äthiopisch-orthodoxen Gemeinde in Köln und Dekan der äthiopisch-orthodoxen Tewahedo-Kirche in Deutschland. Er erklärt, dass die äthiopisch-orthodoxen Christen vom 28. November bis zum 7. Januar auf tierische Produkte verzichten. Für Erwachsene gilt zusätzlich, dass sie generell mittwochs und freitags mit dem Essen bis nach dem Besuch eines Gottesdienstes rund um die Mittagszeit warten. Diese Tage erinnern an die Festnahme und Kreuzigung Jesu und gelten daher auch außerhalb der Fastenzeiten als Fastentage.
Am Tag vor Weihnachten putzen und schmücken die äthiopisch-orthodoxen Christen ihre Häuser. In Äthiopien wird dafür traditionell frisches Grün – meistens Reet vom Ufer eines Flusses – geschnitten und im Haus verteilt. Kinder ziehen von Haus zu Haus, singen Weihnachtslieder und bekommen dafür ein Stückchen Brot oder eine kleine Münze.
In Köln beginnen die Feierlichkeiten mit einem Gottesdienst am 6. Januar um 22 Uhr. "Wir versuchen uns vorher schon ein wenig auszuruhen", erzählt Tebege, "denn der Gottesdienst dauert bis drei Uhr morgens." Er bestehe aus den Stundengebeten, Lesungen, Meditationen, verschiedenen Liturgien, Gesängen und einer Lichterprozession. "Unsere Kirche ist der katholischen Kirche ähnlich – das gilt auch für die Gottesdienstabläufe, nur dass unsere eben länger dauern."
Ein Blick in die Kirche der äthiopisch-orthodoxen Gemeinde in Köln
In allen Gottesdiensten – also auch an Weihnachten – sitzen Männer und Frauen in der Kirche getrennt und tragen festliche Kleidung. Die Frauen sind in weiß gekleidet und tragen ein weißes Kopftuch. Männer haben die Wahl zwischen Jackett oder einem Gewand, das "Gabi" oder "Schema" genannt wird. Dabei handelt es sich um ein schweres, weißes Woll- oder Baumwolltuch, das als Umhang über der Kleidung geworfen wird. Im Vorraum der Kirche müssen die Gottesdienstbesucher ihre Schuhe ausziehen, um die mit Teppich ausgelegte Kirche zu betreten.
Die Liturgie wird auf Amharisch, der äthiopischen Amtssprache, und auf Ge'ez, der äthiopischen Liturgiesprache gefeiert. In den liturgischen Büchern stehen die Texte in beiden Sprachen nebeneinander, damit die Priester dazwischen hin- und herwechseln können. Die Lesungen seien zum Beispiel auf Amharisch, die Gesänge und Gebete auf Ge'ez, sagt Tebege. Durch die Trommeln ("Kebero") und Rasseln ("Tsenatsil"), die den heiligen Gesang ("Zema") begleiten, entstehe ein lebendiger Gottesdienst.
Nach dem Gottesdienst bleibt die Gemeinde noch etwa zwei Stunden zusammen, um gemeinsam zu Essen. Die Gemeindemitglieder bringen dafür Speisen von zu Hause mit. Typische Festtagsgerichte sind zum Beispiel "Doro Wat", ein scharfer Hühnereintopf und dazu "Injera", ein säuerliches Fladenbrot, "Tibs", gebratenes Fleisch, oder "Ye Genna Dabo", ein Weihnachtsbrot, das in Bananenblättern gebacken wird. Wie auch an anderen Festen wird "Tella" getrunken, ein traditionelles äthiopisches Hausbier aus fermentiertem Getreide und Gewürzen.
Links: Die äthiopisch-orthodoxe St. Michaels-Kirche in Köln-Longerich; rechts: Ein liturgisches Buch auf Amharisch und Ge'ez
Danach gehen die Familien nach Hause und feiern dort weiter. Geschenke oder einen Tannenbaum gibt es in der äthiopisch-orthodoxen Kirche eigentlich nicht. Manchmal bekämen Kinder eine Kleinigkeit, so Tebege. "Geschenke gibt es eher an Ostern, weil das noch ein größeres Fest bei uns ist."
Am Morgen des 7. Januars treffen sich die Äthiopier auf einem Feld um "Ye Genna Chawata" zu spielen. Es ist ein traditionelles äthiopisches Spiel, das zur Weihnachtszeit ("Genna") gespielt wird und an Feldhockey erinnert. Der Name bedeutet wörtlich "Weihnachtsspiel" und ist mit der Freude über die Geburt Christi verknüpft. Einer Legende nach gehe das Spiel auf die Hirten zurück, die vor Freude über die Geburt Jesu mit ihren Stöcken spielerisch nach Gegenständen schlugen, sagt Tebege.
Allein der Vergleich, wie die russisch-orthodoxen und die äthiopisch-orthodoxen Christen Weihnachten feiern – mit ihren eigenen Bräuchen, Liturgien und kulturellen Besonderheiten – gibt eine Ahnung von der Vielfalt der Orthodoxie. Und doch feiern sie wie 2,3 Milliarden andere Christen weltweit das gleiche Fest: die Geburt Christi.
Was unterscheidet orthodoxe von orientalisch-orthodoxen Christen?
Orthodoxe und orientalisch-orthodoxe Kirchen gehören zu den Ostkirchen, die im östlichen Mittelmeerraum und Nahen Osten entstanden sind. Sie teilen viele liturgische und kulturelle Traditionen.
Ihre Unterschiede liegen in Geschichte und Theologie: Die orientalisch-orthodoxen Kirchen spalteten sich 451 n. Chr. nach dem Konzil von Chalkedon von der übrigen Kirche ab, weil sie die Lehre von der zweifachen Natur Christi ablehnten. Die orthodoxen Kirchen trennten sich später 1054 n. Chr. beim Großen Schisma vom Westen, vor allem wegen theologischer und kirchenpolitischer Differenzen wie der Rolle des Papstes oder der Filioque-Formel im Glaubensbekenntnis.
Da die Ostkirchen keine zentrale Autorität wie den Papst hatten, entstanden innerhalb der orthodoxen und orientalisch-orthodoxen Kirchen regionale Unterschiede. So bildeten sich eigenständige Patriarchate und nationale Kirchen mit jeweils eigener Verwaltung, Liturgie und Theologie.