Warum die Kardinäle Papst Leo XIV. gewählt haben

Kardinal: Schwuler Papst? "Ich bin sicher, es gab schon einen"

Veröffentlicht am 07.01.2026 um 13:28 Uhr – Lesedauer: 

London ‐ Klare Worte: Kardinal Timothy Radcliffe hält die sexuelle Identität für zweitrangig – auch wenn es um den Papst geht. Der 80-jährige Dominikaner äußert sich zudem zu Frauen in der Kirche und zur Wahl Leos XIV.

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Kardinal Timothy Radcliffe ist davon überzeugt, dass es schon einen schwulen Papst gegeben hat. "Ich habe keine Ahnung, wer", sagte der von Papst Franziskus zum Kardinal erhobene Brite am Dienstag der Londoner Zeitung "The Telegraph". Weiter erklärte er, er glaube nicht, dass die sexuelle Identität eines Menschen besonders wichtig sei: "Ich mache mir keine Sorgen darüber, dass jemand schwul ist – ich würde mir Sorgen machen, wenn er niemanden lieben würde."

Radcliffe feiert seit Jahrzehnten Gottesdienste mit Londons schwuler Gemeinschaft. Seit den 1980er-Jahren setzt er sich für Aidskranke ein. Wie es dazu kam, erklärte der Kardinal im Gespräch mit der Zeitung. Er berichtete, wie er 1986 auf einer Konferenz in Staffordshire über die katholische Kirche und Aids einen aidskranken Mann traf. Beim Friedensgruß habe er ihn umarmt und gedacht: "Ich habe noch nie jemanden mit Aids umarmt – wird dies das Ende sein?" Radcliffe kommentiert rückblickend: "Wir waren sehr unwissend." Später im Jahr habe er einen Arzt im St. Stephen's Hospital in Chelsea besucht. Dort habe der gleiche Mann im Sterben gelegen und immer wieder nach Timothy gefragt. "Wie es die Vorsehung wollte, kam ich kurz vor seinem Tod an und erteilte ihm die letzte Ölung." Als "Letzte Ölung" wurde früher die Krankensalbung bezeichnet, ein Sakrament der katholischen Kirche, das ein schwer erkrankter Mensch zur Stärkung empfangen kann.

"Illusorische Vorstellung von Freiheit"

Die Transgender-Debatte betrachtet Radcliffe differenziert. Seiner Meinung nach gibt es nur sehr wenige Menschen, "die an Geschlechtsdysphorie leiden. Man muss sie willkommen heißen." Dagegen glaube er nicht, dass man sich sein Geschlecht einfach per Willensentscheidung aussuchen könne, weil die Biologie grundlegend sei. Das wäre aus seiner Sicht eine "falsche, illusorische Vorstellung von Freiheit".

Der 80-jährige Dominikaner hält Frauen in der katholischen Kirche nicht für eine unterdrückte Minderheit. Mit Verweis auf die Konversion anglikanischer Priester zum Katholizismus wegen der Weihe von Frauen in der anglikanischen Kirche und mit Blick auf die weltkirchlichen Zusammenhänge hält der Kardinal die Priesterweihe von Frauen für schwierig. Trotzdem sagte er: "Ich bin dafür, die Weihe von Frauen zur Diakonin schnell voranzutreiben." Radcliffe betonte, es sei eine "sehr klerikalistische Sicht", nur Priester als in der Kirche bedeutend zu bezeichnen. Er ergänzte: "Heilige sind wichtiger als Priester."

Entfremdete Kardinäle mitnehmen

Mit Blick auf die am Mittwoch und Donnerstag im Vatikan tagende Kardinalsversammlung sagte der Brite: "Viele Kardinäle sind der Meinung, dass es mindestens ein Treffen pro Jahr geben sollte." Papst Franziskus habe damals eine Gruppe gebildet, mit der er sich mehrmals im Jahr getroffen habe – "als Teil einer Bewegung hin zu einer radikaleren Form der Beratung". Das Konsistorium könnte in seinen Augen eine Möglichkeit sein, diejenigen, die sich von der Vorgehensweise des verstorbenen Papstes entfremdet haben, wieder in die Gemeinschaft aufzunehmen. Es sei wichtig, dass die Kardinäle zufrieden sind: "Eine Kirche, die unglücklich ist, kann das Evangelium nicht verkünden."

Papst Leo XIV. sei genau deshalb gewählt worden: "Um die Menschen, die sich von Franziskus entfremdet hatten, zu integrieren", und um die Arbeit seines Vorgängers fortzusetzen. "Wir haben Leo gewählt, weil er beides konnte – er konnte die Sache vorantreiben, aber auch die Menschen mitnehmen." Leo sei ein "zutiefst ruhiger" Mensch, sagte Radcliffe. "Er ist wirklich ein Mann, bei dem man spürt, dass er sich auf Gott konzentriert. Er reagiert nicht aus der Hüfte, er hört zu und hat eine große Fähigkeit zu vermitteln." (KNA)